Downton Abbey: Eine neue Ära

Drama | USA 2022 | 126 Minuten

Regie: Simon Curtis

Weiterer Kinoableger der Historienserie um eine britische Adelsfamilie, von der ein Teil ihrer zahlreichen Mitglieder Ende der 1920er-Jahre zu einer Reise nach Südfrankreich aufbricht, während sich die anderen mit den Dreharbeiten zu einem Kinofilm herumschlagen, der in ihren heiligen Hallen inszeniert wird. Der ausladende Film glänzt mit üppigen Dekors und luxuriösen Sets und verzichtet weitgehend auf schwerwiegende Themen, Intrigen oder Schicksalsschläge. Dafür räumt er einer ungezwungenen Atmosphäre, unbeschwerter Leichtigkeit und der Schlagfertigkeit der Figuren großen Raum ein, erschließt sich in seinem Detailreichtum aber vorrangig Kennern der Serie. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DOWNTON ABBEY: A NEW ERA
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Simon Curtis
Buch
Julian Fellowes
Kamera
Andrew Dunn
Musik
John Lunn
Schnitt
Adam Recht
Darsteller
Hugh Bonneville (Robert Crawley) · Elizabeth McGovern (Cora Crawley) · Michelle Dockery (Lady Mary) · Laura Carmichael (Edith Pelham, Marchioness of Hexham) · Tuppence Middleton (Lucy Smith)
Länge
126 Minuten
Kinostart
28.04.2022
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm

Weiterer Kinoableger der britischen Historienserie über eine englische Adelsfamilie und ihre vielfältigen Erlebnisse Ende der 1920-Jahre.

Diskussion

Kann eine neue Ära trefflicher eingeleitet werden als durch eine Hochzeit? Der Vorspann ist noch nicht vorbei, als Tom Branson (Allen Leech) seine Lucy (Tuppence Middleton) in einem rauschenden Fest auf Downton Abbey heiratet. Es ist jener Tom, der einst seine Karriere als rebellischer irischer Chauffeur von Robert Crawley (Hugh Bonneville), dem siebten Earl of Grantham, begann, um später dessen Tochter Sybil zu ehelichen und auch nach deren tragischem Tod als rustikaler Sympathieträger für die Möglichkeit zu stehen, dass man auf der gesellschaftlichen Leiter von ganz unten nach ganz oben gelangen kann. Auch wenn seine Figur das riesige Ensemble der englischen Serie Downton Abbey (2010-2015) nur am Rande bereichert, da es in erster Linie um die Alltagsbewältigung der feinen Gesellschaft geht, ist Branson das entscheidende Bindeglied zu jenen Bediensteten, die inmitten des herrschaftlichen Anwesens „die Gesellschaft“ am Laufen halten.

Die Folgen einer Affäre

Tom Branson, der Rebell, der einst für eine Staffel in die USA zog, um dann mit seiner Tochter Sybbie zur Freude aller „heimzukommen“ und in „Downton Abbey – Der Film“ (2019) sogar König George V. das Leben rettete, ist eigentlich eine ganz unprätentiöse Figur. Zumindest, wenn man die anderen Snobs um die Schwestern Lady Mary Talbot (Michelle Dockery) und Lady Edith Crawley (Laura Carmichael) oder die über allen stehende Patronin Violet Crawley (Maggie Smith) betrachtet. Dennoch darf er, auf den sich alle klatschend einigen können, ein weiters Mal heiraten und somit dem zweiten Kinoableger der erfolgreichen Fernsehserie einen neuen Anstoß für weitere Ellipsen geben. Mit dem Anschnitt der vierstöckigen Hochzeitstorte kann also eine neuerliche, 130 Minuten lange Weltflucht beginnen.

Dabei ist noch so viel zu erzählen, doch zunächst beginnt etwas völlig Neues: Violet Crawley, Countess of Grantham, hatte eine Affäre. Die ist zwar schon Jahrzehnte her und währte nur eine Woche; sie passierte auch ein wenig vor der Heirat mit ihrem Mann sowie gut neun Monate vor der Geburt ihres Sohnes, dem siebten Earl of Grantham. Dennoch oder gerade deshalb bleibt sie pikant. Sie ereignete sich in Südfrankreich und hat über ein halbes Jahrhundert später zur Folge, dass ihr der Liebhaber jene Villa vermacht, in der es passierte.

Das bietet dem Rest der Familie nicht nur den Anlass, sich in wilden Spekulationen die Zeit zwischen Lunch und Dinner zu versüßen, sondern ist auch der Impuls für eine Reise in den Süden. Da Violet selbst unpässlich und des Reisens müde ist, machen sich ihr Sohn Robert, seine Frau Lady Cora (Elizabeth McGovern) und Tom und Lucy samt Gefolge um den grummeligen Ex-Chef-Butler Carson (Jim Carter) auf den in den späten 1920er-Jahren noch beschwerlichen Weg. Mit Schiff und Zug geht es nach Frankreich, wo sie die gar nicht amüsierte Witwe (Nathalie Baye) und ihren sympathischen Sohn (Jonathan Zaccaï) zu treffen.

Das Kino hält Einzug

Für das Drehbuch von Julian Fellowes ist dieses Intermezzo in die sommerliche Hitze von Südfrankreich ein wohlbedachter Kniff, um einen Teil der Bewohner von Downton Abbey aus dem Haus zu schaffen. Denn dort soll noch etwas anderes, nie Dagewesenes Einzug halten und die „neue Ära“ befeuern. Es ist das Kino. Für die Traditionalistin Violet Crawley ist das bewegte Bild zwar ungefähr gleichbedeutend mit dem Ende aller Kultur, doch da das Dach von Downton Abbey repariert werden muss, ist auch Lady Mary als künftige Besitzerin des Anwesens eingedenk des damit einhergehenden Geldsegens der neuen Kunst doch aufgeschlossen. Der Regisseur Jack Barber (Hugh Dancy) darf also zusammen mit Stummfilmstar Guy Dexter (Dominic West) samt Filmteam in die heiligen Räume einfallen und eine „Schmonzette“ über einen Glücksspielsüchtigen drehen. Ganz zur Freude der Dienerschaft um Daisy (Sophie McShera), die Köchin Mrs. Patmore (Lesley Nicol) und den Diener Joseph Molesley (Kevin Doyle), der dem Haus als Schullehrer eigentlich schon abhandengekommen schien, nun aber keine freie Sekunde verstreichen lässt, um am Set Filmluft zu schnuppern.

Während das „alte Abbey“ also reist, darf das „neue Abbey“ turbulente Tage erleben, womit „Downton Abbey II“ munter zwischen gepflegtem französischen Sommer-Dinner und mühsam fortschreitenden Dreharbeiten hin und her switcht.

Dabei ist von all dem Alten der Serie noch gar nichts erzählt. Wie etwa ergeht es Daisy und ihrem Liebsten Andy (Michael Fox) im eigenen Haus, in dem noch ein lästiger „Untermieter“ wohnt? Was macht der neue Chefbutler Barrow (Robert James-Collier), der zwar beruflich vielleicht am Ziel ist, aber privat noch trefflich verzweifelt? Und wie ist es um das Liebesleben von Lady Mary bestellt, deren Gatte Henry Talbot schon im ersten Kinofilm mehr beim Autorennen als zuhause war?

Ein Film für Downton-Abbey-Liebhaber

Eigentlich häufen sich damit so viele Probleme an, dass man eine halbe Staffel bräuchte, um sie halbwegs einer Lösung zuzuführen. Doch die ist nicht geplant, weshalb alles in 130 Minuten verhandelt werden muss. Die Folge davon ist, dass manches zu kurzkommt und Zuschauer, die der Serie nicht kundig sind, überfordert werden. Denn es ist nicht nur Insiderwissen gefragt, sondern auch eine gewisse Kombinationsgabe und der Wille, sich in mehr als 20 Charaktere einzufühlen. Das gelingt den Liebhabern der „Downton Abbey“-Reihe mühelos – und nur für die ist dieser Film gemacht! Den „Unkundigen“ aber bleibt rätselhaft, warum etwa Violet ausgerechnet Toms kleiner Tochter Sybbie die Villa in Frankreich überträgt. Dafür kann der „Downton Abbey“-Laie wenigstens in Nebenschauplätzen ein wenig ins Kinogeschäft hineinschnuppern, in dem es auf dem Weg vom Stumm- zum Tonfilm ganz schön turbulent zugeht. Und er kann der Erkenntnis frönen, dass Briten zwar nach Frankreich reisen, mit dem Land aber nie warm werden.

Es gibt aber noch mehr: nämlich die Magie eines ikonischen Anwesens mit seinen in enger Symbiose lebenden Gesellschaften oberhalb und unterhalb der prächtigen Eingangslobby. Und Darsteller, die so sehr mit ihren Rollen verschmolzen sind, dass man sie sich nicht mehr ohne die liebevoll gestalteten Kostüme vorstellen will. Unter ihnen triumphiert Maggie Smith, die mit 87 Jahren noch immer in der Lage ist, die knapp zwei Dutzend Hauptrollen mit wohlgesetzten Pointen zu überstrahlen. Und so bleiben, neben einigem Handlungs-Hopplahopp, sehr viel Emotionen und die Gewissheit, dass die „Neue Ära“ in Downton Abbey gerade erst begonnen hat.

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