Drama | Österreich 2021 | 103 Minuten

Regie: Peter Brunner

Ein junger Mann und seine Mutter führen in einer abgeschiedenen Berghütte ein Leben zwischen Autarkie und religiösen Ritualen. Doch ihr Lebensraum wird von profitgierigen Investoren bedroht. Die beiden leisten Widerstand, was nicht ohne Opfer bleibt. Das mit atemberaubenden Natur- und Alpenbildern und zwei herausragenden Darstellern inszenierte Drama ist oft eindringlich, verliert sich auf Dauer aber in allzu gewollten Provokationen und erschöpft sich überdies in einer redundanten Erzählweise. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LUZIFER
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2021
Regie
Peter Brunner
Buch
Peter Brunner
Kamera
Peter Flinckenberg
Musik
Tim Hecker
Schnitt
Peter Brunner
Darsteller
Franz Rogowski (Johannes) · Susanne Jensen (Maria) · Monika Hinterhuber (Katharina) · Theo Blaickner (Einsiedler 1) · Monika Hinterhuber (Tierärztin)
Länge
103 Minuten
Kinostart
28.04.2022
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Geisterfilm | Horror

Visuell mitreißendes Bergdrama um eine streng religiöse Frau und ihren etwas einfältigen Sohn, die sich in der Abgeschiedenheit ihrer Almhütte gegen die Belästigungen von Profitgeiern zur Wehr setzen.

Diskussion

„Wo ist der Teufel?“, fragt die kahlgeschorene Maria, wenn sie eines ihrer zahlreichen Gebetsrituale vollzieht. Die streng gläubige Frau, die hoch oben auf dem Berg mit ihrem geistig zurückgebliebenen Sohn Johannes in einer Almhütte voller Reliquien lebt, wittert das Böse überall. Bei ihren religiösen Zeremonien kasteien sich die beiden mit dornenartigen Instrumenten und beten Marienfiguren an.

Der Teufel steckte für Maria einst im Alkohol. Dank ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann wurde sie trocken und wandte sich aus Dankbarkeit Gott zu. Mutter und Sohn leben weitgehend autark: Sie besitzen etwas Vieh, ernten Kartoffeln und produzieren mit einem Generator Strom. Johannes gehorcht seiner „Mama“ blind. Außer diesem für ihn wichtigsten Wort beherrscht er einige Verben wie „trinken“ und „fliegen“. Letzteres gebraucht er häufig, wenn er mit seinem Adler kommuniziert, den er abgerichtet hat. Besuch bekommen Mutter und Sohn in ihrer selbstgewählten Abgeschiedenheit wenig. Ab und zu schaut der Nachbar mit Benzin vorbei oder die Tierärztin, für die Johannes ganz offensichtlich mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegt.

Eine surrende Bedrohung am Himmel

Doch das Leben in der Alpenhöhe ist gefährdet. Immer öfter tauchen laut surrende Drohnen auf und kreisen um die Hütte und ihre Bewohner. Johannes beobachtet sie mit Erstaunen und Furcht zugleich. Was ist, wenn sie der wahre Teufel sind? Denn dass sie dort oben herumschwirren, hat Methode. Investoren wollen Maria dazu bringen, ihre Behausung aufzugeben. Der Platz soll einem Skilift weichen. Als Maria sich trotz Bestechungsgeld weigert, ihr Zuhause aufzugeben, verdoppeln die Widersacher ihre Störmanöver, die in regelrechten Psychoterror ausarten, während Waldarbeiter systematisch die Bäume in der Nähe der Hütte abholzen.

Der wahre Teufel, der die Existenz von Mutter und Sohn in Frage stellt, scheint somit ausgemacht. Oder empfinden die beiden die Drohnen und später auch die Helikopter, die um ihr Haus kreisen, auch deshalb als so bedrohlich und aufdringlich, weil ihre Wahrnehmung durch ihren Glauben gefärbt ist? Gefilmt werden die Boten der technologisch-profitorientierten Welt nämlich vornehmlich aus der Perspektive von Johannes, der die Welt sinnlicher erlebt als andere.

Barbusig und voller Tattoos

Der Film von Peter Brunner ist eine Mischung aus Ökothriller und Familien-Bergfilm mit religiösem Anstrich. Das von Ulrich Seidl produzierte Werk weist manche Obsession des österreichischen Altmeisters auf, erinnert in seiner provokanten Verknüpfung von Religion und Sexualität bisweilen auch an Seidls Film „Paradies: Glaube“. Es geht um (vermeintliche) Tabubrüche und bis zur Aufdringlichkeit inszenierte körperliche Exzesse. Etwa wenn Maria mit Johannes Hardcore-Rockmusik hört und dazu oben ohne tanzt – ihr ganzer Körper ist mit Tätowierungen übersät. Das Verhältnis der beiden ist mit eng noch unzulänglich beschrieben – ein Hauch von Inzest schwebt über der Berghütte. Die Darsteller Susanne Jensen und Franz Rogowski beweisen eine auf der Leinwand selten zu sehende Körperlichkeit und zeigen sich häufig nackt – etwa bei Reinigungsritualen – bis hin zu ihren rasierten Schädeln. Mutter und Sohn leben in Einklang mit der Natur, die sie in ihre Gebete einbeziehen. Auch die Natur wirkt mitunter bedrohlich, etwa ein Felsloch, in das Johannes mit Faszination starrt, dessen Unbelassenheit jedoch von den Drohnen beeinträchtigt wird. Surrend schießen sie aus ihm hervor.

In der Schilderung seiner singulären Protagonisten ist „Luzifer“ sehr konsequent. Der Film vergönnt weder ihnen noch dem Publikum Zeit zum Verschnaufen, wozu auch die dröhnende Tonspur beiträgt. Spätestens nach der Hälfte des Films kann der Regisseur der Geschichte aber kaum noch etwas Neues hinzufügen. Regelmäßig wartet er mit atemberaubenden, wenn auch bedrückenden Naturaufnahmen von Bergen, Himmel- und Panoramaeinstellungen auf. Sie verleihen dem Film eine zusätzliche pantheistische Note. Den gewaltsamen Untergang der Büßerin Johanna und die Emanzipation ihres heiligen Narren von Sohn hätte man allerdings auch weniger redundant erzählen können.

Die Darsteller geben alles

Wer nun ist der Teufel? Ist es die sogenannte Zivilisation, die unseren Lebensraum und die Natur immer mehr zerstört? Oder ist es eine orthodox ausgelegte Religion, die den naiven Johannes zum Sklaven von mütterlichen Obsessionen macht? Ein weltliches Publikum kann sich nur bedingt in die Gedankenwelt von Menschen hineinversetzen, die ihre religiöse Erziehung als Trauma empfunden haben, wogegen sich „Luzifer“ mit Schockelementen aufzulehnen bemüht. Doch Provokation um der Provokation willen dient hier nur der Selbstbestätigung der Filmemacher.

Hervorzuheben ist dennoch die visuelle Gestaltung des Dramas sowie der Mut und das Können der beiden Schauspieler. Susanne Jensen und Franz Rogowski geben alles und sind nicht darauf aus, sich beim Publikum anzubiedern. Rogowski beweist erneut eine Vorliebe für die Darstellung von Außenseitern. Ihm gelingt es, seine Figur in all ihrer Verletzlichkeit, aber auch als lernfähig zu zeigen und Johannes in einen anrührenden Filmhelden zu verwandeln.

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