Horror | USA 2022 | 114 Minuten

Regie: Mimi Cave

Eine junge Frau ist nach vielen negativen Erfahrung beim Online-Dating reichlich desillusioniert; erst die Begegnung mit einem charmanten Chirurgen bringt die ersehnte Wende. Doch als sie sich auf ein gemeinsames Wochenende einlässt, entpuppt sich der vermeintliche Traummann als kannibalischer Metzger. Was zunächst als romantische Komödie beginnt, wird zum Horror-Thriller, der auf der bekannten Genre-Klaviatur ein nicht gerade subtiles, aber mit erfrischenden Noten aufwartendes Szenario um den Kampf einer Frau gegen ihre Degradierung zum Objekt entfesselt. Das Katz-und-Maus-Spiel der beiden Hauptfiguren versandet erst im Finale in bekannten „Rape and Revenge“-Mustern. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
FRESH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Mimi Cave
Buch
Lauryn Kahn
Kamera
Pawel Pogorzelski
Musik
Alex Somers
Schnitt
Martin Pensa
Darsteller
Daisy Edgar-Jones (Noa) · Sebastian Stan (Steve) · Jojo T. Gibbs (Mollie) · Andrea Bang (Penny) · Dayo Okeniyi (Paul)
Länge
114 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Horror | Komödie

Spannender Horror-Psychothriller um eine junge Frau, die nach einer Verabredung angekettet im Keller eines kannibalistischen Chirurgen erwacht und einen Fluchtweg sucht.

Diskussion

Noa (Daisy Edgar-Jones) swipet entnervt nach links. Seit Wochen sucht die junge Frau per Dating-App nach einem passenden Partner, jedoch vergebens. Resigniert lässt sie sich im digitalen Wust aus gestelzten Lächlern und aufdringlichen Machos trotzdem gelegentlich auf eine Verabredung ein. Doch ihre Unlust kann sie nicht verbergen, wenn ihr Blick nach dem Beantworten einer weiteren Standardfrage zurück auf den Teller mit fettigen Asia-Nudeln wandert. Noa hat die Suche nach ihrem Mr. Right schon längst aufgegeben. Doch sie soll ihn schon bald in Form von Steve (Sebastian Stan) treffen, beim Einkaufen zwischen Kopfsalat und Zucchini.

Verirrt im digitalen Dschungel

Durch die Digitalisierung verlagern wir nicht nur Aktenberge und Einkaufstouren in die Welt, die uns der Router eröffnet. Auch das Zwischenmenschliche suchen wir inzwischen routiniert in Chatverläufen und virtuellen Profilen – ohne dass es dadurch leichter geworden wäre, Enttäuschungen aus dem Weg zu gehen. Mit Noa zeichnet Regisseurin Mimi Cave das Bild einer jungen Frau, die im digitalen Dschungel schon reichlich schlechte Erfahrungen gemacht hat; statt des erhofften Liebesglücks hat sie bestenfalls ein paar schräge Storys erlebt, über die sie mit ihrer besten Freundin Mollie (Jojo T. Gibbs) herziehen kann, bevor sie per Dating-App nach dem nächsten Beziehungsfehltritt sucht. In Daisy Edgar-Jones’ Blick spiegeln sich nicht nur zahllose vorbeihuschende Profilbilder alleinstehender Männer, sondern auch die mit jeder Verabredung zunehmende Apathie.

Erst die analoge Zufallsbegegnung mit dem Schönheitschirurgen Steve im Supermarkt scheint plötzlich Noas Lebensgeister zu wecken. Völlig überrumpelt durch den selbstironischen Charmeur, gibt sie Steve sogar ihre Handynummer. Ab diesem Moment scheint erwartbar, was Autorin Lauryn Kahn für den weiteren Verlauf geplant hat. Der heimlich ersehnte Anruf, das erste Date mit Drinks und Cocktailkirschen, eine peinliche Tanzeinlage und das Erwachen nach einer hingebungsvollen Nacht – alles Elemente, die zum Standardrepertoire einer romantischen Komödie gehören. Noa kann ihr Glück gar nicht fassen, was wiederum die resolute Mollie nicht fassen kann. Und Sebastian Stan gibt den perfekten Traummann, stets entspannt mit einem passenden Spruch auf den Lippen. Doch Noas frisches Liebesglück soll nach den ersten 30 Minuten ein jähes Ende nehmen.

Liebe ist Selbstaufgabe

Nach dem verdächtig harmonischen Einstieg zeigt „Fresh“ sein wahres Gesicht und offenbart sich als Horror-Psychothriller mit Gore-Anklängen. Steves Begehren entpuppt sich als kannibalisch-einverleibender Appetit auf Frauenfleisch, gekoppelt mit handfesten materiellen Interessen, denn er versorgt nicht nur sich selbst, sondern auch einen Ring zahlender Kundschaft mit Filetstücken aus den Körpern seiner weiblichen Opfer – eine alles andere als subtile, aber durch Sebastian Stan mit treffendem schwarzem Humor umgesetzte Karikatur männlicher Übergriffigkeit und der Degradierung von Frauenkörpern zum Objekt.

Daisy Edgar-Jones muss nun körperliches wie seelisches Durchhaltevermögen beweisen, um ihrem charismatischen Peiniger nicht zum Opfer zu fallen. Sebastian Stan changiert dabei gekonnt zwischen charmanter Gentleman-Attitüde und manischer Mordlust, wobei er dem unvermeidbaren Vergleich mit Kino-Vorzeigekannibale Hannibal Lecter durchaus standhalten kann. Während der Chirurg mit Vorliebe für exotische Kulinarik etwa zu Animotions „Obsession“ durch die Küche tänzelt und mit einem Fleischerhammer einen Frauenschenkel bearbeitet, sucht die angekettete Noa im Keller händeringend nach einem Fluchtweg. So entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, das durch seine herrlich überspitzten Seitenhiebe auf hinter Romantik getarnte Missbrauchsverhältnisse und Konsumverhalten sowie explizite Gewaltspitzen noch an Biss gewinnt.

Leider vernachlässigt der Film das Geschehen außerhalb des Edelgefängnisses eklatant, weshalb die vermeintlichen Retter, Mollie (Jojo T. Gibbs) und ein weiterer Freund namens Paul (Dayo Okeniyi), nie als ernstzunehmende Hilfe für die eingekerkerte Noa wahrgenommen werden. Der finale Showdown strotzt dann zwar vor brutaler feministischer Vergeltung, versandet dabei jedoch im bekannten „Rape and Revenge“-Muster. Trotzdem schafft es Mimi Cave, ihr Regiedebüt „Fresh“ durch erfrischende Ideen und zwei spielfreudige Hauptdarsteller von der breiten Masse an Horrorfilmen abzuheben und ihm ihre eigene Geschmacksnote zu verpassen.

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