Der Fall 9/11 - Was ist ein Leben wert

Biopic | USA/Großbritannien/Kanada 2020 | 113 Minuten

Regie: Sara Colangelo

Der US-amerikanische Anwalt und Mediator Kenneth Feinberg wird nach den 9/11-Anschlägen damit betraut, einen Hilfsfonds für die Opfer zu verwalten und eine „gerechte“ Verteilungsformel zu finden. Bald schon muss der kühle Rationalist feststellen, dass es mit einer bloßen Berechnung nicht getan sein wird. Das Justiz-Drama nach realen Ereignissen neigt zwar leicht zu Kitsch und Heroisierung, berührt aber über weite Strecken, weil es sich tief in die ethisch-moralischen Dilemmata hineinwagt, diese aber in keinem Moment zu abstrakt verhandelt. Dabei lässt der Film neben einer starken Leistung in der Hauptrolle feinfühlig Raum für die Geschichten von Betroffenen der Anschläge. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WORTH
Produktionsland
USA/Großbritannien/Kanada
Produktionsjahr
2020
Regie
Sara Colangelo
Buch
Max Borenstein
Kamera
Pepe Avila del Pino
Musik
Nico Muhly
Schnitt
Julia Bloch
Darsteller
Michael Keaton (Kenneth Feinberg) · Amy Ryan (Camille Biros) · Stanley Tucci (Charles Wolf) · Tate Donovan (Lee Quinn) · Shunori Ramanathan (Priya Khundi)
Länge
113 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Biopic | Drama

Heimkino

Verleih DVD
Capelight
Verleih Blu-ray
Capelight
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Ein auf wahren Begebenheiten beruhendes Drama um einen Anwalt, der nach den Anschlägen am 11. September einen Hilfsfonds aufsetzen muss.

Diskussion

Kenneth Feinberg ist ein berühmter Mann. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Jurist als Mediator arbeitet, um Kompensationszahlungen bei großen Unglücken abzuwickeln. Das klingt eigentlich nicht nach dem großen Rampenlicht. Feinberg aber hat immer an den ganz großen Fällen gearbeitet, am VW-Dieselskandal und an der Aufarbeitung der Deepwater-Horizon-Katastrophe. Und er hat die Verteilungsformel für den „September 11th Victim Compensation Fund“ nach den Anschlägen auf das Word Trade Center und das Pentagon ausgearbeitet. Da war sie, die große Bühne.

Die Umrechnung des Todes in Geld

Feinberg ist also ein Mediator. Ein unscheinbares Wort. Was harmlos klingt, ist jedoch eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Vor allem in den USA. Es bedeutet in diesem Fall, über die Umrechnung ethisch-moralischer Probleme in ökonomische Werte zu wachen. Es geht um Schadensersatz und Kompensation. Welche Familien bekommen wie viel Geld?

In den USA hängt die Antwort auf diese Frage immer mit der gesellschaftlichen Stellung zusammen: Fällt ein Supermarktkassierer von einer Leiter, wird er weniger bekommen als ein hochrangiger Regierungsmitarbeiter oder ein Unternehmensberater. Im Kapitalismus wird eben alles zu einem Markt, kann alles zueinander in Relation gesetzt werden. Feinberg bewegt sich in diesem enormen Spannungsfeld mit erstaunlicher Selbstsicherheit, gepaart mit kritischem Reflexionsvermögen. Ein großer Charismatiker, dem ein unerschütterlicher Pragmatismus zu eigen ist: Das System ist, wie es ist; wir müssen damit arbeiten und kleine Verbesserungen schaffen. 

Bereits 2017 hat sich Karin Jurschicks in ihrem herausragenden Film „Playing God“ in dokumentarischer Form mit Feinberg und diesem moralischen Dilemma auseinandergesetzt und das faszinierende Porträt eines Mannes gezeichnet, der innerhalb dieser kapitalistischen Verrechnung den Glauben an das Gute seiner Arbeit nicht verliert. Nun nimmt sich die Regisseurin Sara Colangelo dieser Figur an und hat mit „Der Fall 9/11“ eine fiktionalisierte Aufarbeitung der dramatischen Ereignisse im Umgang mit dem Terroranschlag gedreht.

Der Wert ist ein Handel

Ganz am Anfang des Films wird gleich der dramatische Faden gelegt. Zunächst ist eine Frau zu sehen, wie sie vom Tod ihres Sohnes erzählt, von ihrer Wut auf die Welt und die Regierung. Wie ist dieser Verlust zu erfassen? Dann folgt ein Schnitt; da steht Feinberg (gespielt von Michael Keaton) vor seinen Studierenden und schreibt mit großen Lettern die alles entscheidende Frage an die Tafel, die auch für den Film zum roten Faden wird: Was ist ein Leben wert?

In einem Rollenspiel beginnt unter den Studierenden eine Verhandlung, die mehr oder weniger orientierungslos nach Anhaltspunkten sucht: Eine juristische Antwort auf diese Frage ist eine langwierige Aufgabe, an deren Ende jedoch eine Zahl zu stehen hat.

Dann stürzen die Flugzeuge in die Türme und das World Trade Center fällt in sich zusammen. Die Anschläge vom 11. September brechen in den Film, vermittelt über die Medienbilder, hinein – kein Reenactment, keine Reinszenierung. Es soll schon darum gehen, was dieser Tag mit den Menschen gemacht hat; die USA steht unter Schock.

Ein Fonds soll ausgearbeitet werden. Einerseits um den Menschen zu helfen. Andererseits um Privatklagen (zum Beispiel gegen Flugzeuggesellschaften) zu vermeiden; die Kosten sind bei den Opferzahlen kaum abzusehen, und es wird sogar vor einem möglichen Zusammenbruch der Wirtschaft gewarnt. Feinberg übernimmt den Job, innerhalb von zwei Jahren eine Verteilung des Geldes aufzustellen, mit der unterschiedlichste Parteien dazu bewogen werden, dem Fonds beizutreten, um mit der Unterschrift zu versichern, dass auf weitere Klagen verzichtet wird. 

Das ist im Grunde die Handlung des Films: Der Kampf eines Mannes, der plötzlich zum Mediator seiner eigenen Gefühle werden muss. Die vor seinen Studierenden vorgetragene Distanz des Juristen bricht ob der Tragweite der Anschläge Stück für Stück in sich zusammen. Mit einer bloßen Berechnung, mit Statistiken und Zahlen kommen Feinberg und sein Team nicht weiter. Seine Kollegin Camille Biros (Amy Ryan) äußerst schon früh ihre Bedenken und Zweifel. Und mit dem einnehmend-kämpferischen Gemeindeorganisator Charles Wolf (Stanley Tucci) bekommt Feinberg einen unerbittlichen, aber auch freundlichen Widersacher, der mit seiner Kampagne „Fix the Fund“ eine andere Verteilung gemeinschaftlich erzwingen will. Feinberg braucht eine Zustimmungsquote zum Fonds von 80 Prozent, doch die Unterstützung bleibt eher verhalten. So beginnt sich der zynische Rationalist der eigenen Empathie zu öffnen.    

Komplexität in (zu) einfachen Bildern

„Der Fall 9/11“ wagt sich tief in diese ethisch-moralischen Dilemmata, die aber in keinem Moment zu abstrakt verhandelt werden. Das hat auch damit zu tun, dass Michael Keaton seinen Feinberg mit einer verblüffenden Präzision darstellt. Den Sprachduktus und die Gesten des Juristen hat sich der Hollywoodstar wie eine zweite Haut übergestülpt. Um Authentizität geht es dabei nur am Rande. Keaton verschwindet förmlich, wird zu einer Person, die zum Schauspiel dieses Ringens um Gerechtigkeit und Menschlichkeit wird.

Doch Drehbuchautor Max Borenstein hat die Geschichte, die auch auf Kenneth Feinbergs Büchern „What is life worth?“ und „Who Gets What“ aufbaut, breit genug angelegt, um eben mehr als ein bloßes Porträt eines Mannes zu werden. Feinberg mag der Hauptakteur in dem Film sein, die Hauptfigur ist er nicht. Vielmehr geht es um das Dazwischen, unsere Beziehungen und das Zuhören. So treffen sich die Anwälte mit Überlebenden und Hinterbliebenen, hören ihren individuellen Geschichten über Liebe, Verlust und Wut zu.

Regisseurin Sara Colangelo gibt diesen Erzählungen die ganze Leinwand; diese unzähligen Geschichten erhalten eine Eigenzeit innerhalb des Films. Wenn es in „Der Fall 9/11“ um Porträts geht, dann finden sie hier statt: Die Betroffenen und ihre Wunden bekommen Gesichter, werden mit größtem Feingefühl gefilmt und dargestellt.

Doch ein Held

Mitunter aber verliert der Film gegen Ende diese würdevolle Empathie und lässt sich dazu hinreißen, letztlich doch eine bloße Heldengeschichte zu erzählen. Diesem dramaturgischen Korsett kann sich Colangelo leider nicht ganz entziehen. Sie spiegelt das große Ganze im individuellen Triumph; so wird aus Feinberg ein feinfühliger Patriot, der seinem Land einen großen Dienst erwiesen hat. Als Zuschauer identifizieren wir uns mit ihm, während es eigentlich um die vielen Menschen gehen sollte, deren Geschichten in diesem Film zu Wort kommen. Da steht dann eben Michael Keaton am Strand und blickt gedankenverloren auf den unkontrollierbaren Ozean. Die Wellen branden heran. Das ist übermelancholischer Kitsch, den es wahrlich nicht gebraucht hätte. Dafür hat dieser Film viel zu viele starke Momente zu bieten.

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