Island ist eine magische Insel, auf der Vulkane Feuer speien, Geysire heißes Wasser in die Luft katapultieren und, glaubt man den Einheimischen, sogar Elfen leben. Der dänische Pfarrer Lucas (Elliott Crosset Hove) sieht in der Insel jedoch nur einen gottlosen Fleck Erde, welcher ihn erbarmungslos den Naturgewalten unterwirft und den er deshalb verabscheut. Im Auftrag der evangelisch-lutherischen Staatskirche Dänemarks reist er Ende des 19. Jahrhunderts auf die Insel, um dort in einer dänischen Siedlung eine Kirche zu errichten. Statt mit dem Schiff direkt zu seinem Ziel zu segeln, durchquert er die Insel auf dem Landweg. Ein isländischer Naturführer, Ragnar (Ingvar Eggert Sigurðsson), dessen Männer und ein Dolmetscher begleiten ihn. Neben einem riesigen Kreuz lässt Lucas seine schwere Fotoausrüstung auf den Pferden transportieren.
Das Kreuz wird weggespült
Eine Kamera, schwere Nassplatten, ein Verdunklungszelt und diverse Chemikalien werden durch die isländische Wildnis mitgeschleppt, weil Lucas das Land auf den Fotos verewigen will. Doch der hochgewachsene, aber eher schwächliche Kirchenmann hat die Beschwerlichkeit des Marsches unterschätzt. Bei der Überquerung eines reißenden Flusses, auf die er entgegen Ragnars Rat bestanden hat, ertrinkt sein Übersetzer. Das Kreuz wird weggespült. Lucas’ Gewissensbisse schlagen immer mehr in Groll gegen Ragnar um. Der Geistliche verachtet Ragnar, den älteren Naturburschen, der schon morgens heidnische Gymnastikrituale vollführt und nur Isländisch spricht. In seinem kirchlichen und kolonialen Dünkel – Island gehört zu der Zeit zur dänischen Krone – schätzt Lucas nicht nur isländische Traditionen gering, sondern auch die Sprache der Einheimischen.
Er entfremdet sich zunehmend von seinen isländischen Begleitern und geht allein der aufwendigen und anstrengenden Arbeit des Fotografierens nach. Als er schließlich vollkommen entkräftet vom Pferd fällt und sich schwer verletzt, schleifen ihn seine Begleiter auf einer Trage mit. Mehr tot als lebendig kommt er an seinem Zielort an und wird von dem dänischen Gutsherrn Carl (Jacob Lohmann) und seinen Töchtern wieder gesundgepflegt.
Wie die vermeintliche Zivilisation in Gestalt des Pfarrers, kolonialer Dünkel und die raue isländische Landschaft aufeinanderprallen, zeigt Regisseur Hlynur Pálmason in seinem beeindruckenden dritten Spielfilm. Wie in vielen isländischen Filmen spielen die natürlichen Kulissen der Insel auch hier eine Hauptrolle. So führt der Trek durch flache Graslandschaften, Hochplateaus und Gletscher. Der Himmel verfärbt sich auf malerische und geradezu irreale Weise in allen möglichen Tönen. Kamerafrau Maria von Hausswolff fängt die Schönheit und auch die lauernden Gefahren dieser überwältigenden natürlichen Kulisse gleichermaßen ein. Doch Lucas weigert sich, der Natur zu gehorchen.
Eine doppelte Mission zu erfüllen
Dass er nicht einsehen will, dass sie stärker ist, liegt an seiner Hybris und seiner Schwäche zugleich. Er hat eine doppelte Mission zu erfüllen. Zum einen will er in einem Land, das in seiner Sicht von Wilden bevölkert ist, den rechten Glauben und die rechte Kultur vermitteln. Darin benimmt er sich wie ein wahrer Repräsentant der Kolonialmacht, die ihn entsandt hat. Zum anderen betätigt er sich aber auch als Chronist: Er hält die Schönheit der Insel, der er sich zu seinem Leidwesen nicht gänzlich verschließen kann, auf den fotografischen Nassplatten fest. Dort kann er sie beherrschen, sie sozusagen einsperren.
Die doppelte Belastung bekommt dem hochmütigen und selbstgerechten jungen Mann nicht. Er muss sich auch als Mensch beweisen. Im Laufe des Films wird sich jedoch herausstellen, dass er über so gut wie keine Autorität verfügt, was seine Wut über sich und seine Umwelt wachsen lässt. Weder die Isländer noch Carl achten ihn. Seine Umwelt kann er als Pfarrer nicht überzeugen, aber ebenso wenig als nicht übermäßig maskuliner Mann.
Dass Lucas trotz seiner feierlichen und offiziell abgesegneten Mission nur ein sterbliches Wesen von vielen auf der Insel ist, lässt ihn gelegentlich an seinem Glauben zweifeln. „Ich bin überzeugt, dass wir alle sehr klein und vergänglich sind“, sagt Carl an einem Wendepunkt im Film. Doch die beiden Männer ziehen unterschiedliche Schlüsse aus dieser Erkenntnis. Fühlt Lucas sich zu Höherem berufen, akzeptiert der pragmatische Carl die Gegebenheiten der Insel. Lucas dagegen misstraut den Naturgewalten genauso wie seiner eigenen Libido, lässt sie ihn in seinen Augen doch als genauso „wilden“ Heiden erscheinen wie Ragnar.
Wer mit der Natur eins ist, hat es leichter
Pálmason lässt die in seinem Helden angestaute Spannung immer weiter steigen – und am Schluss eskalieren. Dabei finden Menschen und auch ein Tier ein gewaltsames Ende. Auch dies reiht sich in die Ordnung der Natur ein. Wie in seinem späteren Film „The Love That Remains“ haben Figuren, die mit der Natur eins sind und sie walten lassen, es leichter. Sie verstehen, dass das Leben nur bedingt zu beeinflussen ist; der Tod gehört zum natürlichen Lauf der Dinge dazu. Man kann ihn auch als etwas Konstruktives, und letztlich Lebenspendendes ansehen, wie die Bilder eines verwesenden Pferdes im Laufe der Jahreszeiten beweisen.
Mit diesem Widerstreit spielen auch die verschiedenen Titel des Films. Der isländische Titel, „Volaða land“, bedeutet so etwas wie „elendes, jämmerliches Land“ und spiegelt somit Lucas’ Sicht. Auf Dänisch heißt der Film wiederum „Vanskabte land“ – missgestaltetes Land, die wohl krasseste Interpretation der Insel. Der internationale Titel „Godland“ fängt die Widersprüchlichkeit der Insel und ihre verschiedenen Deutungen ironisch und ehrfurchtsvoll zugleich ein. So erscheint die Natur als das eigentlich Göttliche, eine Erkenntnis, zu welcher sich der auf irrigen Pfaden wandelnde Lucas nie richtig durchringen kann.