El Entusiasmo (2018)

Dokumentarfilm | Spanien 2018 | 83 Minuten

Regie: Luis E. Herrero

Nach dem Tod des spanischen Diktators Franco erlebte die anarchische Gewerkschaft C.N.T. einen neuen Aufschwung und träumte davon, die Revolution von 1936 doch noch zu vollenden. Doch mit dem Modell der „Transición“ schlug Spanien im Schulterschluss zwischen alten Eliten und den neuen demokratischen Gruppen einen anderen Weg ein. Der spannende Dokumentarfilm erinnert mit einer erstaunlichen Fülle von meist privaten Aufnahmen an eine weitgehend unbekannte Phase des gesellschaftlichen Aufbruchs, als zunächst alles möglich schien, sich bald aber auch Ängste und Sorgen ausbreiteten. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
EL ENTUSIASMO
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2018
Regie
Luis E. Herrero
Buch
Luis E. Herrero
Schnitt
Luis E. Herrero · Ana María Pérez
Länge
83 Minuten
Kinostart
23.06.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über die anarchistische Gewerkschaft C.N.T., die während der Franco-Diktatur verboten war, aber nach dem Tod des spanischen Diktators im Jahr 1975 für eine kurze Zeit eine neue Blüte erlebte.

Diskussion

Spanien im Jahr 1975 nach dem Tod des Diktators Franco. Die Stimmen aus dem Polizeifunk klingen angespannt. Die Demonstranten skandieren: „Amnestie, Amnestie, Amnestie!“ Sie blockieren den Verkehr und werfen Steine auf die Polizisten. Zu den knisternden Funksignalen sind farbige Schmalfilmaufnahmen zu sehen; die Bilder und Töne werden von einer Italo-Western-artigen Musik begleitet. Der greise Diktator war am 20. November 1975 gestorben; fast vierzig Jahre hatte er das Land mit harter Hand regiert. „Als Franco endlich tot war, schien alles möglich“, erklärt ein Zeitzeuge.

Eine linke Legende

Der Dokumentarfilm „El Entusiasmo – Una historia de la transición“ von Luis E. Herrero erzählt die Geschichte der Wiedergeburt einer Legende. Im spanischen Bürgerkrieg zählte die anarchistische Gewerkschaft C.N.T. („Confederación Nacional de Trabajo“) zu den stärksten Kräften und war sogar an der Regierung beteiligt. Die Anarchisten setzten eine noch nie da gewesene Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie in Katalonien und Aragonien durch.

Diese anarchistische Utopie, die kaum etwas mit der grauen Wirklichkeit des sowjetischen Modells zu tun hatte, übte auf die Studentenbewegung von 1968 und viele nachfolgende linksalternative Strömungen eine magische Anziehung aus. Hans Magnus Enzensberger interviewte die überlebenden Anarchisten und setzt sich in seinem Roman „Der kurze Sommer der Anarchie“ (1972) und dem parallel entstandenen Film „Durruti - Biographie einer Legende“ mit der anarchistischen Utopie und ihrer charismatischen Symbolfigur José Buenaventura Durruti auseinander. Auch der spanische Regisseur Jaime Camino ließ 1977 die Anarchisten in seinem Dokumentarfilm „La vieja memoria“ gleichfalls zu Wort kommen, als er die politischen Antagonisten jener Jahre in einem fiktiven Dialog aufeinandertreffen ließ.

Aufbruch und Ende

„El Entusiasmo“ rekapituliert eine weitgehend unbekannte Episode der anarchistischen Bewegung, dem zweiten Frühling der C.N.T. nach Francos Tod. Es war eine Zeit der Hoffnungen, in der alles möglich schien, aber auch eine Phase der Unruhe, voller existenzieller Ängste und Sorgen. Knappe Texttafeln kontextualisieren das Geschehen, das auf den Erinnerungen von Zeitzeugen und der Einschätzung von Historikern fußt. Die Geschichte wird aus der Perspektive der Anarchosyndikalisten rekonstruiert; bei den Zeitzeugen handelt es sich überwiegend um Mitglieder der C.N.T.

Dabei beeindruckt das umfangreiche Archivmaterial: Filme und Töne, Fotos und Karikaturen, die geschickt mit Filmmusik und zeitgenössischen Liedern kombiniert werden. Oft handelt es sich um Amateuraufnahmen mit ausgebleichten Farben, Schmalfilmbilder und erste Videos. Nach 1975 holte die spanische Gesellschaft vieles nach, was in anderen Teilen Westeuropas schon in den 1960er- und 1970er-Jahren selbstverständlich war: Antiautoritarismus, Arbeitskämpfe, Frauenrechte, eine breite Gegenkultur und eine Gier nach allem, was vorher verboten war.

Der Film zeigt, wie sich die kulturelle und sexuelle Öffnung der spanischen Gesellschaft zunächst parallel zu den sozialen Bewegungen entwickelte, sich aber spätestens zu Beginn der 1980er-Jahre entpolitisierte und über die Konsum- und Lifestyle-Bewegung der Madrider „Movida“ weltweit bekannt wurde.

Den Anarchisten gelang es dabei zunächst durchaus, die kollektive Feierstimmung, das „Sex and Drugs and Rock’n‘Roll“ der jugendlichen Rebellen, mit den Erinnerungen an die Revolution von 1936 zu verbinden.

Die „Transición“ und ihre blinden Flecken

Viele politische Ereignisse aus dieser Zeit sind heute kaum noch bekannt, etwa die brutale Polizeigewalt gegen Streiks und Demonstrationen, der Tankstellenstreik von 1977, aber auch die großen Meetings, halb Demonstration, halb Festival, bei denen die C.N.T. Hunderttausende aktivierte. Als Zäsur, die das Ende der Popularität der libertären Gewerkschaft markierte, benennt der Film den Brandanschlag auf den Festsaal „La Scala“ am 15. Januar 1978 in Barcelona, bei dem vier Menschen starben und für den zunächst die Anarchisten verantwortlich gemacht wurden. Erst Jahre später wurde ein V-Mann der spanischen Polizei als Verantwortlicher für den Anschlag verurteilt. Auf der politischen Ebene verweigerten sich die Anarchisten dem politischen Schulterschluss zwischen den alten Eliten, etwa Francos ehemaligem Innenminister und Gründer der konservativen Volkspartei Manuel Fraga, und den neuen demokratischen Gruppen, den Liberalen, Kommunisten und Sozialdemokraten; so lehnten sie 1977 den „Pakt von Moncloa“ über künftige Regelungen der Ökonomie und des sozialen Friedens ab.

„El Entusiasmo“ erzählt spannend und mit einer überraschenden Fülle von einer weitgehend unbekannten Episode der spanischen Demokratie. In der Illusion des gesellschaftlichen Umbruchs blieben die Anarchosyndikalisten außen vor; mit der staatstragenden „Transición“ schlug Spanien einen anderen Weg ein, als ihn die C.N.T. beschritten hätte. Heute, wo dieser Übergang zur Demokratie in Spanien kritisch hinterfragt wird, weil die Verbrechen der Diktatur nicht aufgearbeitet wurden und hohe institutionelle Kontinuitäten bis in die Gegenwart hinein fortbestehen, ist „El Entusiasmo“ ein wichtiger Film für Spanien, aber auch für Europa, da das Modell der „Transición“ lange Zeit durch als Vorbild für die postkommunistischen Länder in Ost- und Mitteleuropa galt.

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