Drama | China/Hongkong 2021 | 115 Minuten

Regie: Zhang Yimou

Die Mandschurei während der japanischen Besatzung: Zwei Paare sollen einen Gefangenen retten, der schreckliche Kriegsverbrechen und grausame Experimente mitansehen musste und der Welt davon berichten soll. Angesichts der unübersichtlichen Lage, in der kaum absehbar ist, wem man trauen kann, entpuppt sich die Mission als brandgefährlich. Der klassisch angelegte Agententhriller ist voll von Wendungen rund um Doppelagenten und Überläufer. Die Masse an Plot-Informationen korrespondiert dabei mit dem Übermaß an visuellen Informationen, die durch die ewigen Schneestürme jede Einstellung füllen. Eine etwas künstliche Ästhetik und die detailarme Diegese nehmen dem Film stellenweise die nötige Lebendigkeit. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
XUAN YA ZHI SHANG
Produktionsland
China/Hongkong
Produktionsjahr
2021
Regie
Zhang Yimou
Buch
Quan Yongxian · Zhang Yimou
Kamera
Zhao Xiaoding
Musik
Jo Yeong-wook
Schnitt
Li Yongyi
Darsteller
Yu Hewei (Zhou Yi) · Zhang Yi (Zhang Xianchen) · Qin Hailu (Wang Yu) · Liu Haocun (Xiao Lan) · Zhu Yawen (Chu Liang)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Koch
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Ein Agenten-Thriller von Zhang Yimou um eine chinesische Rettungsmission in der von Japan besetzten Mandschurei, bei der zwei Agenten-Paare einen Zeugen japanischer Kriegsgräuel retten sollen.

Diskussion

Nationen, die es nicht mehr gibt, verwandeln sich in der Kunst oft in Fantasielandschaften. Kaum hören sie auf zu bestehen, kann sich das Kino ihre Existenz kaum noch vorstellen. So ist es etwa mit Mandschukuo, dem 1932 geschaffenen japanischen Marionettenstaat, offiziell geführt von Chinas letztem Kaiser. Ob in Kim Jee-woons „The Good, The Bad, The Weird“ oder Haruki Murakamis Romanen „Wilde Schafsjagd“ und vor allem „Mister Aufziehvogel“, ob bei Bernardo Bertolucci, Satoshi Kon oder Masaki Kobayashi: Es entstehen Bilder von einer verlorenen Albtraumwelt, die nur der Krieg bewohnt. Ein Wilder Westen der Neuzeit. Zhang Yimous Agententhriller „Cliff Walkers“ bildet da keine Ausnahme. Das zeigt schon die Musik, die immer wieder auf Ennio Morricone verweist, und damit eben auch auf den Italo-Western, der vor allem einen düsteren Traum von Amerika hatte.

Wenn ein visuelles Motiv den Film durchzieht, dann sind es die schier endlosen Massen von Schneeflocken, die vom Himmel fallen. Die Ereignisse werden unklar, weil jedes der eigentlich scharfen, digitalen Bilder von Kameramann Zhao Xiaoding mit einer Fülle von visuellen Informationen überladen wird. Computergenerierter Schnee in Vorder- und Hintergrund, klassischer Kunstschnee in der Schärfentiefe. Und auch die Helden des Films fallen als große Schneeflocken vom Himmel – ihre runden weißen Fallschirme spannen sich ins Gestöber über der Mandschurei auf. Nur wenige Sekunden später finden sie ein Echo in den vier runden Giftkapseln, die den vier Agenten der Kommunistischen Partei Chinas für ihren Auftrag mitgegeben wurden.

Zwei Paare sollen einen Zeugen japanischer Kriegsgräuel retten

Denn der Tod ist ein möglicher Ausgang der Mission von Journalist Zhang (Zhang Yi), seiner Ehefrau Yu (Qin Hailu), ihrem Kameraden Chu Liang (Zu Yawen) und seiner Freundin Lan (Liu Haocun). Die beiden Paare sollen einen Gefangenen retten, der schreckliche Kriegsverbrechen und grausame Experimente der japanischen Besatzer mitansehen musste und der Welt davon berichten soll. Nach der Ankunft brechen sie in zwei Teams auf – Zhang und Lan, Chu Liang und Yu. Während die eine Gruppe früh bemerkt, dass all ihre Kontaktpersonen japanische Verräter sind, weiß die andere noch nichts davon.

Ungleich verteilte Informationen sind Brot und Butter jeder Agentengeschichte. Gerade in der zweiten Hälfte besteht „Cliff Walkers“ vor allem aus drei Arten von Szenen: Die Helden erfahren etwas Neues, die Schurken erfahren etwas Neues, oder die neuen Informationen zeigen ihre Wirkung. Denn natürlich gibt es nicht nur den sadistischen, froschig glotzenden Gao Bin (Ni Dahong) und seine Handlager auf der Seite der Japaner, sondern auch den Doppelagenten Zhou (Yu Hewei), der eigentlich versucht, den Chinesen zu helfen. Dass Zhang und Yu auch noch private Motive für ihren Einsatz haben – sie wollen ihre in der Mandschurei verschollenen Kinder wiederfinden – fällt da kaum noch ins Gewicht. Die Figuren werden herumgerückt wie Spielsteine, und ihr Tod mag dramatisch inszeniert sein, aber berührt wie ein Bauernopfer beim Schach. Wer auf welcher Seite steht, die Motivationen zu diesem oder jenem Verrat, das spielt oftmals keine allzu große Rolle. Wo die Linien im Schnee verlaufen, ist im Schneesturm nicht mehr auszumachen.

Ein großes, chaotisches Zuviel

So finden im Film dann ein Übermaß an Plot-Informationen und ein Übermaß an visuellen Informationen zueinander und bilden ein großes, chaotisches Zuviel. Es ist bemerkenswert, wie oft Agentengeschichten in eine von zwei Kategorien fallen: Solche, die die konfuse Situation des klandestinen Gewerbes mit filmischer Konfusion abbilden. Oder solche, die der Uneigentlichkeit und den brüchigen Identitäten dieser Zwielichtwelt eine fast mathematische Präzision gegenüberstellen. „Cliff Walkers“ gehört deutlich zur ersten Kategorie und mag es, den Zuschauer ein wenig zu verwirren und das Verständnis, wenn überhaupt, nachzuliefern. Lediglich für einige klassische Spannungsszenen – für die der Zuschauer logischerweise mehr wissen muss als die Figuren – verdichtet sich der Film. Dann wird an den Spiegel einer Zugtoilette eine wichtige Information gekritzelt und muss den Richtigen erreichen. Oder eine manipulierte Waffe wird so platziert, dass sie nicht nur nicht tödlich wirkt, sondern sogar ein Leben rettet.

Die vom südkoreanischen Choreographen Jung Doo inszenierten Feuer- und Nahkampf-Gefechte fungieren deshalb auch als Kristallisationspunkte. Überraschende Gewaltspitzen verdeutlichen mit einer gewissen Drastik die Grenzen des Verschleierns und Verbergens. Sie beantworten die Fragen, die auch lange Verhöre nicht klären können.

Die realen Schrecken der „Einheit 731“ dienen als Vorlage

In den Folter- und Hinrichtungsszenen sind Echos der im Film nicht benannten, aber klar als Vorbild identifizierbaren Einheit 731 zu erkennen. Von der geheimen Einrichtung zur Erforschung von biologischen und chemischen Waffen, die die japanische Armee in der besetzten Mandschurei unterhielt und die unzählige Horror-Filme inspirierte, bleiben vor allem diffuse Angstbilder.

„Cliff Walkers“ befreit tatsächliche Geschichte von ihren konkreten Konturen und überträgt sie in einen grundsoliden Spannungsfilm. Doch ein wenig seltsam mutet dieser Albtraum von Mandschukuo schon an. Es wirkt absurd, dass eigentlich alle Figuren bis auf einen Schuhverkäufer Agenten und Doppel-Agenten sind, dass es immer schneit und fast immer dunkel ist. Passanten oder Fahrgäste in Zügen sind natürlich Statisten, aber sie wirken auch so – als würden sie nur als zusätzliches Bildelement existieren. Dem Film fehlt oftmals die Vitalität, die innere Lebendigkeit.

Vielleicht ist diese Abstraktion auch die Folge einer Filmindustrie, die Zhang Yimou in eine prekäre Lage versetzt. Manchmal verschwinden seine Produktionen plötzlich von Festivals, im Fall von „One Second“ ist das sogar schon mehrfach passiert: zuerst auf der Berlinale, dann von der Eröffnung einer großen chinesischen Filmpreisverleihung. Gleichzeitig gilt er spätestens, seitdem er bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 Regie geführt hat, auch vielen als regierungsnaher Nationalist. So muss er sich wohl selbst manchmal wie eine Art Doppelagent fühlen. Sein Film flieht in eine Genre-Fantasie; eine Welt wie eine Schneekugel, kurz bevor sie zerschellt.

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