Drama | USA 2019 | 101 Minuten

Regie: Scott Boswell

Bei einer familiären Trauerfeier zum Gedenken an einen Teenager klopft ein Fremder an der Tür, der sich zum Entsetzen der strenggläubigen Eltern als homosexueller Freund ihres Sohnes offenbart. Allenfalls der Zwillingsbruder des Toten wusste um dessen Geheimnis. Das stille, dialoglastige Drama problematisiert die Ignoranz und Ablehnung homosexuellen Lebens in der ländlichen, von religiösem Fundamentalismus geprägten USA. Die Probleme werden zwar wortreich und mitunter allzu theaterhaft angerissen, verharren aber weitestgehend in einer bloßen Zustandsbeschreibung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
A WAKE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Scott Boswell
Buch
Scott Boswell
Kamera
Evan Weidenkeller
Musik
Tim Halo
Schnitt
Matt Hale
Darsteller
Kolton Stewart (Jameson) · Noah Urrea (Mason / Mitchel) · Sofia Rosinsky (Molly) · Megan Trout (Megan) · Bettina Devin (Loretta)
Länge
101 Minuten
Kinostart
30.06.2022
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Jugendfilm

Nach dem plötzlichen Tod eines Jungen in der US-amerikanischen Provinz muss sich sein Zwillingsbruder mit der der Homosexualität des Toten und der bigotten Frömmigkeit seiner Eltern auseinandersetzen.

Diskussion

Es ist Wochen her, dass Mason (Noah Urrea) seinen Zwillingsbruder Mitchel verloren hat. Es sei ein tragischer Unfall gewesen, sagt der Gerichtsmediziner. Der Schicksalsschlag lässt die Familie näher zusammenzurücken. Die frommen Eltern hatten sich schon lange mehr für Gott als für ihre Kinder interessiert, mit Ausnahme vielleicht der jüngsten Tochter Molly (Sofia Rosinsky), die sich in der Gemeinde engagiert. Das zwölfjährige Mädchen ist es auch, das zusammen mit dem Pfarrer eine Erinnerungszeremonie im Kreise der Familie organisiert, zu der selbst die älteste Schwester Megan (Megan Trout) in die Suburbs kommt, die dem religiösen Überschwang in ihrem Elternhaus schon lange den Rücken gekehrt hat.

Ein Quija-Brett aus dem Internet

Während sich unter den Erwachsenen trotz aller Trauer ein gewisser Pragmatismus breitmacht, hat Mason mehr mit dem Verlust seines Bruders zu kämpfen. Jede Nacht träumt er von seinem Zwillingsbruder, als sei da noch etwas aufzuarbeiten. In seiner Aufgewühltheit bestellt er im Internet sogar ein Ouija-Brett, um eine Brücke ins Jenseits zu schlagen. Doch mit einem Geister- oder Horrorfilm hat „A Wake“ (zu Deutsch: Die Totenwache) nichts gemein. Regisseur Scott Boswell skizziert eher den Realitätsverlust, den die Trauer bewirkt und in rätselhafte Träume kleidet, die manchmal so real scheinen, als würde der Verstorbene aus dem Jenseits rufen.

Doch das stille Drama nimmt einen anderen Verlauf, als die mysteriöse Traumsequenz im Prolog andeutet. Mit Jameson (Kolton Stewart) klingelt eine höchst reale Person an der Tür, mit der die Erwachsenen zunächst nichts anfangen können. Er habe eine Einladung zur Zeremonie erhalten, rechtfertigt sich der großgewachsene Teenager. Wie sie herausstellt, hat Mason ihm gemailt, und auch Megan ist der Junge alles andere als fremd.

Dass Mitchel schwul und Jameson sein Freund war, ist für die Eltern mehr erschütternd als überraschend. „Wir sind nicht hier, um Sünden zu beichten, sondern um einen Toten zu ehren“, sagt der Pastor, ohne sich der Tragweite dessen bewusst zu sein, was er da sagt. Oder weiß er es im Gegenteil ganz genau?

Der Fluch der engen, bigotten Welt

„A Wake“ zeigt Handlungsweisen auf, wie sie in christlich-fundamentalistisch geprägten Regionen nicht nur der USA weit verbreitet sind. Den gesellschaftlichen Normen nicht zu entsprechen, bedeutet dort, sich an der Gesellschaft und an Gott zu versündigen. Ist das vielleicht auch der Grund, warum Mitchel nicht mehr lebt? War es vielleicht gar kein Unfall? Hat er sich vielleicht sogar noch mehr „versündigt“, indem er seinem homosexuellen Leben ein Ende gesetzt hat?

Mason wusste vom Geheimnis seines Bruders. Doch was selbst er nicht ahnte, erfährt man nun mit dem Auftauchen von Jamesons in Rückblenden. Mitchel war der Sensiblere der beiden. Er nahm mehr Tabletten, als es für ihn gut sein konnte. Als in der Schule und den Sozialen Medien Fotos erschienen, die ihn und Jameson in verfänglichen Situationen zeigen, eskalierte die Situation. Von all dem haben seine Eltern, die Kirche und der Sportverein, also das Umfeld, das im kleinstädtischen Mikrokosmos die Gesellschaft ausmacht, nichts gewusst, weil sie es nicht wissen wollten.

Im Gegensatz zum virtuosen, wohlkomponierten und suggestiven Beginn des Films beschränkt sich Scott Boswell im Verlauf fast gänzlich auf das Dialogbuch. Es gibt viel zu problematisieren, was den Schauspielern Raum lässt, sich zu produzieren. Das hat oft dann etwas Steifes und allzu Theaterhaftes, wenn die Erwachsenen ihr Innerstes nach außen kehren sollen. Denn im Gegensatz zu den überzeugenden Jungdarstellern wirken die älteren, vermeintlich versierteren Akteure statisch, überfordert und wenig glaubwürdig.

Niemand wird wachgerüttelt

Wenn Boswell sich mehr auf seine inszenatorischen Fähigkeiten besonnen hätte, wäre „A Wake“ ein organischerer, vielleicht sogar eindringlicher Film geworden. So aber wirkt alles ein wenig aufgesagt, ohne dass es wirklich zu Ende diskutiert würde. Die Frage nach der Verantwortung ist klar und bleibt doch eigentümlich offen. „A Wake“, also „wach“, wie der Titel des Films doppeldeutig auch gelesen werden kann, wird hier niemand gerüttelt. Es bleibt bei der Beschreibung eines schwer erträglichen Zustandes, in dem allenfalls Mason mit seinem Bruder ins Reine kommt. Die Träume werden vielleicht verschwinden, doch die gesellschaftliche Enge bleibt bestehen.

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