Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 73 Minuten

Regie: Joscha Bongard

Ein junges Paar arbeitet im Steuerparadies Zypern mit selbstproduzierten und online vertriebenen Pornofilmen an der Anhäufung von Reichtum. Der Film begleitet die beiden Pornfluencer mit der erklärten Absicht, einen sex-positiven Dokumentarfilm zu drehen, bei ihrer täglichen Arbeit und befragt sie zu ihren Lebensentwürfen und Wünschen. Das kippt jedoch ins Beklemmende, denn der Film deckt dabei nicht nur die Dynamiken eines auf Selbstoptimierung ausgerichteten Kapitalismus auf, sondern gibt auch Einblick in eine asymmetrische, von einem misogynen Frauenbild geprägte und von der Abhängigkeit der Frau vom Mann gezeichnete Beziehung. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Joscha Bongard
Buch
Joscha Bongard · Wolfgang Purkhauser
Kamera
Jakob Sinsel
Musik
Jonas Vogler
Schnitt
Wolfgang Purkhauser
Länge
73 Minuten
Kinostart
14.07.2022
Fsk
ab 18; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Dokumentarfilm

Beklemmende Doku über ein junges Paar, das „Couple Porn“-Filme dreht.

Diskussion

Die Villa in Zypern, deren Türen sich für das Filmteam öffnen, verweist auf den ersten Blick nicht unbedingt auf den Schauplatz von Pornofilmen. Die Räume mit offener Küche, Büro und Fitnessstudio sind gewöhnlich ausgestattet, an den Schlafzimmerwänden hängen Polaroids mit fröhlichen Gesichtern und ein Poster, auf dem, „Good Vibes Only“ steht. Motivierende Botschaften finden sich auch im bescheidenen Bücherregal: „Reicher als die Geissens“, „Sprenge deine Grenze“, „Von 0 zur ersten Million“, „Die Abkürzung zum Erfolg“.

Die beiden Menschen, die sich für solche Inhalte interessieren, heißen Andreea und Nico, sind jung und schon seit einigen Jahren ein Paar. Unter den Namen youngcouple9598 drehen sie seit 2018 gemeinsam und gelegentlich auch mit Frauen, die sie für einen Dreier über eine Agentur dazubuchen, „Couple Porn“. Mit den über 200 Filmen, die so entstanden sind, haben sie schon ein kleines Vermögen verdient; als Jahresziel haben sie sich eine Millionen Euro gesetzt, vorerst.

Elon Musk und Jeff Bezos als Vorbilder

In „Pornfluencer“ geben Andreea und Nico bereitwillig und manchmal auch etwas verlegen kichernd Auskunft über ihren Werdegang. Zum lukrativen Pornobusiness ist das Paar über einen kleinen Umweg – das Geschäft über Ebay-Kleinanzeigen – und eine simple Suchanfrage bei Google gekommen. Schon in der ersten Woche summierten sich die Einkünfte auf 10 000 Euro.

Seitdem arbeiten die beiden Schulabbrecher zielstrebig an ihrem Erfolg. Jeder Tag beginnt mit einer Self-Affirmation vor dem Spiegel. „Ich bin wunderschön, ich verdiene es, reich zu sein“, sagt Andreea. „Alle Frauen lieben meinen Penis“, sagt Nico. Und: „Ich bin alpha“. Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos und der Self-Improvement-Guru Alex Becker sind ihre Vorbilder.

Im Büro zeigt Nico stolz auf seinen Bereich, das „Visionsboard“; Andreea muss sich mit dem Schminktisch zufriedengeben. Die Aufgaben sind klar geteilt. Nico macht den technischen Aufbau und führt die Kamera, Andreea besorgt den Schnitt. Eine unabhängige Website – „the teenage girlfriend (you never had)“ – ist gerade online gegangen, die Kundschaft ist männlich und oft nicht mehr jung. Jamie Young, so Andreeas Porno-Persona, ist in den Filmen wie in den Social-Media-Auftritten sehr eindeutig als das Objekt zu erkennen, das den „male gaze“ lenkt.

Der Filmemacher Joscha Bongard begegnet dem Paar anfangs mit dem erklärten Vorhaben, einen „sex-positiven, einfühlsamen und ehrlichen Dokumentarfilm über ‚Verified Couples‘ zu drehen“. Doch schnell verschiebt sich der Fokus von einer den neoliberalen Kapitalismus überaffirmierenden Form der Sexarbeit auf die im Kern missbräuchliche Beziehung und ihr zugrundeliegendes Geschlechterbild. Dass an der sex-positiven Idylle etwas nicht stimmt, unterstreicht auch die etwas aufdringlich unheimelnde Musik. Auch auf Hintergrundinformationen und einordende Kommentare will der Film nicht verzichten. Im Modus einer Desktop-Documentary werden Erklärungen zum ökonomischen Verteilungssystem der Pornoindustrie einmontiert, zudem gibt es Interviews mit einer Kuratorin und Researcherin für Feminismus und porn-queer-feministische Pornografie und einem Sexualpsychologen.

Unbehagen & Abhängigkeit

Nico kommt aus der Pick-Up-Szene und bekennt sich zu allen Formen männlicher Überlegenheit, Andreea war Jungfrau, als sie ihn kennenlernte, und wollte eigentlich Erzieherin oder Schauspielerin werden. Dass sie wenig zu melden hat, überdecken die habituellen Formen einer romantischen, scheinbar konsensuellen Beziehung. Der Umgang ist zärtlich, aber sichtbar manipulativ. Ständig wird Andreea von Nico angewiesen, vor der Kamera dieses oder jenes zu tun, etwa mit dem Hintern zu wackeln oder vor einem absurden Dessous-Display zu posieren. Ihr Unbehagen ist so spürbar wie ihre Abhängigkeit; manchmal wehrt sie sich, doch zum Konflikt kommt es nie. Ein Außenblick auf die Beziehung existiert nicht, das Paar führt ein Leben ohne soziale Kontakte. Auch Scham und die Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung sind Gründe.

Die Frage bleibt, warum sich Bongard keine progressiveren Protagonist:innen gesucht hat, um seine ursprüngliche Idee umzusetzen. So ist aus dem Film weniger ein Porträt von „Pornfluencern“ geworden, das allgemeine Schlüsse zulassen würde, als das Dokument einer beklemmenden Beziehung.

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