Der laute Frühling

Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 62 Minuten

Regie: Johanna Schellhagen

Offen aktivistischer Dokumentarfilm, der in einem Stil-Mix aus Archivbildern, Animationen und Experteninterviews die angesichts der Klimakrise desaströse Lage skizziert und eine radikale „Utopie“ dagegensetzt: Eine im Jahr 2024 startende Revolution in Deutschland, bei der die Bevölkerungsmehrheit gegen „das System“ auf die Barrikaden geht und die Gesellschaft dezentral, diskriminierungsfrei und ohne Hierarchien umgestaltet. In seinem Glauben an die Verwirklichung dieses Programms ist der teils improvisiert wirkende Film äußerst optimistisch und tendenziell naiv. Allerdings bietet er interessante Denkanstöße und präsentiert sich auch nicht gänzlich eindimensional. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Johanna Schellhagen
Buch
Johanna Schellhagen
Kamera
Micaela Masetto · Paola Calvo · Ariane Timea Wagner · Aline Juárez · Rocío Rodriquez
Musik
Tomi Simatupang
Länge
62 Minuten
Kinostart
04.08.2022
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Offen aktivistischer Dokumentarfilm, der angesichts der desaströsen Auswirkungen des Klimawandels eine radikale Umsturz-Utopie entwirft.

Diskussion

Dieser Film kommt anders als andere Dokus daher, mit persönlicher Involviertheit der Filmemacherin und offen aktivistisch – das zeigt er vom ersten Moment an. Zu sehen ist ein schwarzes Bild, zu hören die überraschend mädchenhafte Stimme von Johanna Schellhagen. Die stellt sich denn auch als „Medienaktivistin“ vor, nicht als Regisseurin. Sie erzählt davon, wie sie eher spät erkannt habe, welch massive Bedrohung der Klimawandel für unser Leben darstelle, wie groß das Ausmaß der Katastrophe sei. Und dass sie das, was sie in der jahrzehntelangen Begleitung von arbeitsrechtlichen Protesten und Streiks gelernt habe, nun der Klimabewegung zugänglich machen möchte.

Mittlerweile sind (Archiv-)Aufnahmen der Klimakrise und der bedrohten Artendiversität zu sehen: Von Waldbränden, Überschwemmungen, zerstörten Städten und Landschaften. In einer Art Schnelldurchlauf wird die desaströse Lage umrissen, unter anderem durch die so eloquente wie kundige Julia Steinberger, die an der Universität Lausanne Ökologische Ökonomie unterrichtet. Demnach seien die stabilen klimatischen Bedingungen im Holozän die Grundlage für die gesamte menschliche Zivilisation gewesen. Und diese 12.000 Jahre andauernde Epoche seien wir nun im Begriff zu beenden.

Das Problem lässt sich nicht in die Zukunft verlagern

Im nächsten Abschnitt thematisiert die Autorin, warum „grüner Kapitalismus“ und der Glaube an die Technologie allerdings nicht die Lösung sei. Einfach so weitermachen wie bisher und dabei auf regenerative Energiequellen beziehungsweise noch zu findende technologische Lösungen zurückgreifen? Das funktioniert laut Schellhagen nicht, verlagere das Problem lediglich in die Zukunft. Dass es nicht möglich sein wird, unsere jahrzehntelang gepflegte und staatlich geförderte Abhängigkeit von fossiler Energie und Atomkraft zeitnah durch die erneuerbaren zu ersetzen, zeigen hier eindrückliche Grafiken (und dies wird mit Blick auf die gedrosselten russischen Erdgas-Importe im Übrigen ja gerade auch mehr als deutlich).

Zugleich wird die enge Verbindung zwischen Demokratien und dem kapitalistischen Credo vom ewigen Wachstum aufgefächert, etwa durch den schwedischen Ökologen Andreas Malm oder den argentinischen Anti-Fracking-Aktivisten Esteban Servat. Laut der zu hörenden Stimmen handelt es sich dabei um eine systemimmanente, gewissermaßen unvermeidbare Verquickung.

Nicht weniger als ein Umsturz des „Systems“

Womit der Film bei seinem Kern ankommt: Der Forderung nach nicht weniger als einer Revolution, dem Aufruf zum breiten Aufstand gegen „das System“ und zu dessen Umsturz. Das ist in diesem vom Berliner Frauenkollektiv labournet.tv produzierten Film die logische Konsequenz aus den genannten Erkenntnissen, weiterhin an einzelnen Stellschrauben zu drehen demnach keine Option (mehr). „Sabotage“ gehört dazu; Andreas Malm, der als Stimme eines erneuerten ökologischen Marxismus gilt, ruft auch hier dazu auf. Seiner Überzeugung nach braucht es eine Eskalation im Klimaaktivismus, neben gewaltlosen Flügeln auch solche Taktiken, die sich allerdings „nur“ gegen Dinge richten sollen.

Auf der Bildebene wird der nun folgende Part mit stimmigen, klaren Schwarz-weiß-Animationen der Comiczeichnerin Lee Lai erzählt. „Der laute Frühling“ entwirft hier eine – jedenfalls aus Sicht der Filmemacherin – Utopie: Im Jahr 2024 bricht eine von der breiten Bevölkerung getragene Revolution in Deutschland aus; den Beteiligten geht es um die Klimakrise wie soziale Gerechtigkeit. Die Menschen besetzen ihre Arbeitsstätten, übernehmen die Produktionsmittel und die Medienhäuser, rufen übers Radio zum Mitmachen auf, schaffen den Staat sowie jegliche Hierarchien ab, organisieren sich dezentral, basisdemokratisch und diskriminierungsfrei. So soll beispielsweise jede und jeder eine Minute Redezeit erhalten, um Mansplaining zu verhindern.

Alle werden gebraucht

Alle werden gebraucht, auch die bislang Abgehängten, jede(r) Einzelne soll mitmachen beim gedanklichen wie konkreten Umbau der Gesellschaft: Welche Fabriken werden gebraucht, müssen weiter betrieben werden? Die Städte werden vom Individualverkehr unabhängig gemacht, die Ernährung auf primär pflanzlich umgestellt, und in der Industrie alles geschlossen, was „Überflüssiges“ produziert. Die Utopie, die hier entworfen wird, ist radikal. Doch man kann den Geist, aus dem sie geboren wurde, angesichts der desaströsen globalen Gesamtlage und den längst deutlich spürbaren Auswirkungen der Erderwärmung nachvollziehen.

Realistisch erscheint sie freilich nicht – wobei eine Utopie das ja auch nicht zwingend sein muss. Die hier entworfene Zukunftsvorstellung jedenfalls setzt das vernünftige Einverständnis und die freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit von derlei massiven Umbauten einer breiten Bevölkerungsmehrheit voraus. Und sie bietet auch keinerlei Idee dazu an, wie mit Menschen umzugehen sei, die sich dieser „Revolution“ verweigern beziehungsweise diese bekämpfen. Oder aber mit Menschen, die die Macht und Deutungshoheit an sich zu reißen suchen. Ebenso wird hier – wie etwa schon in der 1968er-Bewegung – erneut der Traum vom großen Schulterschluss mit der mobilisierten Arbeiterschaft beschworen.

Gegenentwurf zu Mutlosigkeit und Fatalismus

Dahinter steht ein Glaube an die Menschheit, der erfrischend optimistisch ist, einem angesichts der in geistige „Blasen“ und „Wahrheiten“ zerfallenden Weltbevölkerung allerdings doch tendenziell naiv erscheint. Wobei das der Filmemacherin mutmaßlich egal ist, und das vielleicht zu Recht – Bedenkenträgerei gibt es schließlich schon genug in der Welt. Schellhagens Dokumentarfilm will ein klarer Gegenentwurf zu Mutlosigkeit und Fatalismus sein, kündet von Energie und Leidenschaft für die Sache. Dass es dabei teils improvisiert zugeht, gehört bei solch aktivistischen Formaten im Grunde dazu: So ergibt etwa die Lichtsetzung kein einheitliches Bild, sind einige Passagen über- oder falsch belichtet, die Kameraausschnitte nicht immer überzeugend.

Auf der inhaltlich-gedanklichen Ebene aber ist der Film glücklicherweise nicht gänzlich eindimensional, werden Aussagen der interviewten Klima- und Gewerkschaftsaktivisten im Off-Kommentar der Regisseurin durchaus auch mal kritisch eingeordnet. Klar ist jedoch auch, dass „Der laute Frühling“ von einem radikal linken Geist und einer umstürzlerischen Botschaft beseelt ist, die für die gesellschaftliche wie mediale Mehrheit eine Zumutung darstellen.

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