Animation | Spanien/USA 2022 | 97 Minuten

Regie: Peggy Holmes

Eine junge Frau wird seit 18 Jahren tagein, tagaus vom Pech verfolgt: Nichts will ihr so recht gelingen, eine Panne folgt auf die nächste. Das ändert sich, als sie einen Glückspenny findet und auf Umwegen mit Hilfe eines Katers in ein magisches Land gelangt, in dem Glück und Pech für die ganze Menschheit produziert werden. Doch um ihren Wunsch zu erfüllen, etwas von dem Glück einer lieben Freundin mitzubringen, braucht sie die Hilfe der Kreaturen, die das Glücksland bevölkern. Ein Animationsfilm, der mit seinem Versuch, ein abstraktes Konzept wie das Schicksal visuell Gestalt annehmen zu lassen, Pixars „Alles steht Kopf“ und „Soul“ nacheifert. Doch der Ansatz scheitert an dem wenig tiefsinnigen Umgang mit dem Sujet wie auch an einer Umsetzung, der es sowohl an kreativen Ideen als auch an Detailreichtum mangelt. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
LUCK
Produktionsland
Spanien/USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Peggy Holmes
Buch
Kiel Murray · Jonathan Aibel · Glenn Berger
Musik
John Debney · Tanya Donelly
Schnitt
William J. Caparella
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Animation | Drama | Familienfilm | Fantasy | Komödie

Animationsfilm um eine vom Pech verfolgte junge Frau, die im Land des Glücks landet: Der erste Langfilm des neu gegründeten „Skydance Animation“-Studios.

Diskussion

„Vom Visionär hinter Toy Story und Cars“ steht in einem der großen grünen Schriftzüge im Trailer zu „Luck“. Doch bevor irgendwelche falschen Erwartungen geweckt werden: Nein, „Luck“ ist kein neuer Film der Animationsschmiede Pixar, sondern von Skydance, deren Portfolio bislang Erwachsenen-Actionkino à la „World War Z“, „Life“, „Terminator: Dark Fate“ oder „Top Gun: Maverick“ beinhaltete und deren neu gegründetes Animationsfilm-Department nun seinen Erstling vorlegt.

Der „Visionär“, von dem hier die Rede ist, ist niemand Geringeres als John Lasseter, der nach Vorwürfen im Zuge von #MeToo bei Pixar geschasst wurde und anschließend bei Skydance unterkam. In den Credits von „Luck“ taucht er allerdings weder auf dem Regieposten (den übernimmt Peggy Holmes) noch unter den drei Autoren (Kiel Murray, Jonathan Abel, Glenn Berger) auf, sondern als lediglich einer von sechs Producern. Ein bisschen Etikettenschwindel also – und dennoch steht der Film in einer Linie mit Pixars Alles steht Kopf“ und „Soul“, denn auch hier wird eine kreative Welt rund um ein abstraktes Konzept gebaut. Zumindest in der Theorie. In der Praxis hinkt es an allen Ecken und Enden.

Protagonistin dieser Geschichte ist Sam, eine junge Frau, die ihre Jugend in einem Waisenhaus verbracht hat, nun, jüngst volljährig geworden, in ihre eigene Wohnung zieht und einen Job in einem Baumarkt bekommt. Nur scheint Sam vom Pech verfolgt zu sein: Egal was sie anfasst, es geht schief. Sie lässt ihren Schlüssel in den Gulli fallen, stürzt von Leitern, und das Marmeladenbrot landet immer auf der bestrichenen Seite. Trotzdem bewältigt sie das Leben mit einem Lächeln – und hat dann doch einmal Glück, als sie auf der Straße einen Glückspenny findet, mit dem ihr plötzlich alles gelingt.

Wo das Glück herkommt

Es dauert allerdings nicht lange, da verliert sie die Münze und trifft ihren eigentlichen Besitzer: einen sprechenden schwarzen Kater namens Bob, dem sie durch ein Portal ins magische Glücksland folgt. Beide tun sich zusammen, um einerseits Bob einen neuen Penny zu besorgen, der dort als eine Art Ausweis für ihn fungiert, und andererseits Sam einen weiteren zu beschaffen, den sie an ihre Waisenheim-Freundin Hazel weiterreichen möchte, damit die eine Adoptivfamilie findet.

Nach dem gut 20-minütigen Einstieg findet der Rest der 100 Minuten langen Handlung in jenem mystischen Land statt, das voller Glückswesen ist – kleine grüne Kobolde, Schweine in Anzügen, ultraknuffige Hasen, ein deutsches Einhorn im Fitnesswahn und eine Drachenfrau, die das Glücks-Geschäft leitet, das wie eine hocheffiziente, aber auch reichlich komplexe Fabrik funktioniert: Da werden in diversen Abteilungen „Glücksfälle“ produziert, die dann in Glücksmaterie eingeschlossen und von einer riesigen rotierenden Maschine mit Unglück vermischt werden, das wiederum aus dem im Untergrund gelegenen Unglücksland stammt. Das Ergebnis wird dann per Energiestrahl als Schicksal in die Welt der Menschen geschossen. Ganz schön kompliziert also!

Das Schicksal hat seine Tücken

Dieser Ansatz erinnert an „Alles steht Kopf“ und „Soul“, jedoch mit einem großen Unterschied: Dort waren die kreativ visualisierten Zusammenhänge immer nachvollziehbar, wurden das abstrakte Konzept der Emotionen und das metaphysische Konzept der Seele auf eine Weise erkundet, die einer schlüssigen inneren Logik folgte. In „Luck“ gelingt es nicht, einen sinnigen Zugriff auf das Thema des Glücks bzw. des Schicksals zu finden, da herrscht pure Willkür, jedes Element der Glücks-„Produktionskette“ könnte auch problemlos durch ein anderes ersetzt oder gleich gestrichen werden; die visuellen Einfälle bleiben oberflächlich und bekommen keine menschliche Tiefe. Was vielleicht auch einfach damit zusammenhängt, dass Glück im Sinne von glücklichen Zufällen, die von außen auf einen Menschen einwirken, psychologisch eben viel weniger hergibt als in „Alles steht Kopf“ das Thema der Gefühle oder in „Soul“ die Idee einer Seele.

Dazu kommt, dass der inhaltliche Zugriff auf das Titelthema, wenn man ihn denn ernst nimmt, einen gewissen unangenehmen Fatalismus ausstrahlt. Dass man Sams vermeintliches Unglück in vielen Fällen nicht als einen Mangel an Glück, sondern eher als einen Mangel an Geschicklichkeit ansehen könnte (wie beispielsweise die durchaus lustige und kreative Montage ihres ersten Arbeitstages verdeutlicht): geschenkt. Im Ganzen scheint es aber schon fragwürdig, wie hier ein vor allem an Kinder gerichteter Film vermittelt, dass unser Leben und dessen Verlauf völlig davon abhängig ist, welches Maß an Glück und Unglück uns aus einem magischen Reich per Zufall zuteilwird, während unsere Taten und unser Verhalten anscheinend kaum eine Rolle spielen. Der Mensch als Spielball der Schicksalsmächte – ein sehr aufgeklärtes Menschenbild ist das nicht.

Visuell nicht „state of the art“

Ästhetisch kann der Film diese inhaltlichen Schwächen nicht wirklich kompensieren: Das Land des Glücks besteht aus sterilen, detailarmen Umgebungen und viel zu großen Fluren; visuelle Gags und kreative Gestaltungselemente, die den genannten Pixar-Filmen genau die Lebendig- und Glaubwürdigkeit verleihen, die sie auszeichnen, sucht man vergebens. Hauptfigur Sam beherrscht nur einen einzigen Gesichtsausdruck – ein leicht dümmliches Grinsen –, und wie wenig „state of the art“ die Technik ist, zeigt sich deutlich am Fell von Kater Bob, das so glatt und glänzend ist, als wäre es gerade gewachst worden. Da hat man schon vor zehn Jahren Besseres gesehen.

Aufgrund seiner Dynamik ist „Luck“ zumindest kurzweilig, und am Ende gibt es immerhin noch so etwas wie eine Erzählmoral (auch Unglück gehört zum Leben dazu und muss nicht immer schlecht sein) sowie ein paar ehrliche Emotionen. Und doch ist dieser neue Film vom „Visionär hinter Toy Story und Cars“ eine Enttäuschung, und das nicht nur, wenn man das Niveau eines Pixar-Streifens erwartet.

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