Memorial Hospital – Die Tage nach Hurrikan Katrina

Drama | USA 2022 | 384 (8 Folgen) Minuten

Regie: John Ridley

2005 verwüstete der Hurrikan Katrina die Millionenstadt New Orleans. Wie viele Teile der Stadt wurde auch das Memorial Hospital von der Außenwelt abgeschnitten. Nach fünf Tagen der Isolation wurden 45 Leichen aus dem Krankenhaus geborgen. Die Staatsanwaltschaft vermutete, dass ein Teil der Patienten willentlich getötet wurde. Die Mini-Serie rekapituliert diese Ereignisse allerdings nicht als Krankenhaus-Drama, sondern rollt die Vorgänge vom Hurrikan bis zum Ende der Ermittlungen als facettenreiches Panorama aus Ärzte-, Staats- und Strukturversagen auf. Darüber verliert sie die menschliche Tragödie aber weitgehend aus den Augen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
FIVE DAYS AT MEMORIAL
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
John Ridley · Carlton Cuse · Wendey Stanzler
Buch
John Ridley · Carlton Cuse
Kamera
Ramsey Nickell · Marc Laliberté
Musik
Torin Borrowdale
Schnitt
Colin Rich · JoAnne Yarrow · Luyen Vu · Marie Lee · Vikash Patel
Darsteller
Vera Farmiga (Dr. Anna Pou) · Cornelius Smith Jr. (Dr. Bryant King) · Cherry Jones (Susan Mulderick) · Robert Pine (Dr. Horace Baltz) · Julie Ann Emery (Diane Robichaux)
Länge
384 (8 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Serie

Miniserie über die Auswirkungen des Hurrikans Katrina auf Personal wies Patienten eines Krankenhauses in New Orleans, das mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten war.

Diskussion

Fünf Tage braucht es bis zum Kollaps. Fünf Tage im Jahr 2005, in denen das Memorial Hospital von New Orleans vom Zufluchtsort zur Todesfalle wurde. Fünf Tage, in denen Hunderte von den Fluten eingeschlossen waren, die auf den Hurrikan Katrina folgten. Fünf Tage in tödlicher Hitze, ohne Strom, zwischen den Fäkalien der Lebenden und den toten Körpern der Verstorbenen. 45 Menschen verlieren in dieser Zeit ihr Leben, bis das Memorial Hospital und die im gleichen Gebäudekomplex untergebrachte Langzeitpflege evakuiert werden.

Die Krise offenbart strukturelle Probleme

Die Serie „Memorial Hospital“ (im Original: „Five Days at the Memorial“) beruht auf realen Ereignissen. Die Showrunner Carlton Cuse und John Ridley versuchen, das Ausmaß der Katastrophe, die 2005 über New Orleans und das Memorial Krankenhaus hereinbrach, nicht allein im Mikrokosmos des Krankenhauses, sondern auch in seinen strukturellen Dimensionen zu fassen. Ihre Serie folgt weder gängigen Katastrophenfilm-Mustern, noch ist sie ein klassisches „medical drama“ á la „Emergency Room“, das sich entlang ausgewählter Ärzte-Patientenschicksale entwickelt. Es ist vielmehr der Versuch, das in der Buchvorlage von der Journalistin Sheri Fink beschriebene Gesamtbild mitsamt Leerstellen und Ungewissheiten in Gestalt einer Seriendramaturgie umzusetzen.

Wieder und wieder schweift die Erzählung ab, konstruiert im Zusammenspiel aus Archivaufnahmen und Interviews mit den Figuren die Illusion der Zeitgenossenschaft, um auch die strukturellen Probleme zu erfassen, die mit in der Krise offensichtlich werden.

Die Behörden sind hoffnungslos überfordert. Das bis zur Unverantwortlichkeit privatisierte Gesundheitssystem wird von dem für das Krankenhaus zuständigen Unternehmen verkörpert, das laut über die Rettung des Investments nachdenkt, nicht aber über Personal und Patienten. US-Präsident George W. Bush schaut sich die Katastrophe derweil lieber von Bord der Air Force One aus an, die über New Orleans eine Schleife dreht.

Soziale Gräben werden sichtbar

Die Spannungen zwischen den Privilegierten und denen, die in den Fluten unterzugehen drohen, sickern mit dem Wasser ins Krankenhaus ein. Ob jemand schwarz oder weiß ist, wird im Zuge umgehender Gerüchte plötzlich wieder zum entscheidenden Unterschied. Die weißen Oberärzte bewaffnen sich. Doktor Bryant King (Cornelius Smith Jr.) versucht mit den Krankenpflegerinnen, einen Notfallplan für seine Patientinnen und das schwarze Personal zu entwerfen, das Opfer der aufkochenden Eskalation zu werden fürchtet. Später werden Oberärzte und Krankenhausleitung in ihren unversehrten Herrenhäusern das Leben wiederaufnehmen, während eine schwarze Krankenschwester neben den anderen Flutopfern ihres Blocks vor den Trümmern der eigenen Existenz steht.

Das Gesamtbild, das mit viel Vollständigkeitseifer zusammengetragen wird, ist so komplex wie verworren. Zwischen Heroismus, Ärzte-, Staats- und Rechtsversagen bleiben die Einzelschicksale derer auf der Stecke, für die Angehörige und Ermittler im Nachgang der Katastrophe einzustehen versuchen.

Wirklich zu fassen bekommt „Memorial Hospital“ die menschliche Katastrophe allein dort, wo die alltäglichen Fragen der Fürsorge zu den ethischen Dilemmata der sogenannten Triage, der Priorisierung medizinischer Hilfeleistung, werden. In der Leitung wird offen darüber diskutiert, wer ins Krankenhaus aufgenommen wird, wem welcher Teil des schwindenden Trinkwasservorrats zusteht, welche Patienten über den strapaziösen Weg durch Treppenhaus und Rettungsleiter bis auf die Helikopterplattform gebracht werden.

Ein Bild, das mehr als jedes andere in der Serie deutlich macht, wie viel Tragik eine Katastrophe mit sich bringt, die die scheinbar rigiden ethischen Vorstellungen von Fürsorge und Barmherzigkeit in ambivalente Begriffe verwandelt, zeigt Dr. Ewing Cook (W. Earl Brown) inmitten der Kadaver dutzender Haustiere, die er mit grausiger Barmherzigkeit eingeschläfert hat.

Die Beweise und der Zweifel

Der Nachgang der Katastrophe verhandelt eben diese Ambivalenz, die zugleich zum öffentlichen Wettkampf der Narrative wird, als bekannt wird, dass auch an Patienten Euthanasie mittels einer tödlichen Medikamentendosis durchgeführt wurde. Ist dies als kaltblütige Ermordung zu werten, oder ein barmherziges In-den-Tod-Begleiten derer, denen anders nicht mehr zu helfen war? Um eben diese Frage kreist das Ermittlungsprozedere.

Die von der Staatsanwaltschaft, vertreten durch Arthur Schafer (Michael Gaston) geleitete Investigation deckt sukzessive die Vorgänge auf, die die Serie nie zu zeigen wagt. Die Rolle des Ermittlers wird zum emotionalen Ankerpunkt der gesamten Aufarbeitung. Die Beweislast scheint keinen Zweifel zu lassen, dass die verantwortlichen Ärzte des Mordes schuldig sind. Im Zentrum der Ermittlungen steht die Onkologin Anna Pou (Vera Farmiga), die mehr als ein Dutzend Patientinnen der Pflegestation mit einem Cocktail aus Sedativen getötet haben soll. Pou selbst bastelt parallel zur Investigation zusammen mit ihrem Anwalt und der wohlhabenden Ärztekaste an ihrem mit christlicher Heuchelei und melodramatischen Medienauftritten unterfütterten Narrativ von staatlichem Versagen und medizinischer Barmherzigkeit.

Der Versuch, das ausgewogene Gesamtbild der Katastrophe im und um das Memorial-Krankenhaus zu zeichnen, für das Sheri Fink einen Pulitzer Preis gewann, will dabei aber nie wirklich gelingen. „Memorial Hospital“ versucht, alle Indizien und Perspektiven miteinzubeziehen, und lässt dabei genau das aus, was dem Medium seine Kraft gibt – die dazugehörigen Bilder.

 

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