Horror | USA 2018 | 89 Minuten

Regie: Billy Senese

Als ein Toter in der Leichenhalle eines Krankenhauses wieder ins Leben zurückkehrt, versucht ein engagierter Psychotherapeut, die mysteriösen Ereignisse aufzuklären. Doch der namenlose Patient scheint aus dem Jenseits eine dunkle Macht mit sich gebracht zu haben, die schnell Opfer fordert. Ein matter, psychologischer Horrorfilm, der sich zunehmend in eine kosmische Richtung des Schreckens bewegt. Gleichförmige, wenig originelle Schocksequenzen und ein repetitives Drehbuch unterminieren sowohl die Atmosphäre als auch die Auseinandersetzung mit dem Thema menschlicher Gewalt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE DEAD CENTER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Billy Senese
Buch
Billy Senese
Kamera
Andy Duensing
Musik
Jordan Lehning
Schnitt
Derek Pearson · Jonathan Rogers
Darsteller
Shane Carruth (Daniel Forrester) · Poorna Jagannathan (Sarah Grey) · Jeremy Childs (Michael Clark) · Bill Feehely (Edward Graham) · Andy McPhee (Ben)
Länge
89 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Horror | Mystery | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Nameless Media/EuroVideo
Verleih Blu-ray
Nameless Media/EuroVideo
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Horrorfilm um einen Toten, der ins Leben zurückkehrt und eine dunkle Macht mitgebracht zu haben scheint.

Diskussion

Alles beginnt mit einem düsteren Wunder. Ein Mann (Jeremy Childs) steht von den Toten auf und erwacht in seinem Leichensack. Er hat sein Gedächtnis verloren. Aus der Dunkelheit seiner Erinnerungen suchen ihn schreiende, verzerrte Gesichter heim. Ein Teil des Jenseits ist bei seiner Rückkehr in ihm geblieben, ein bodenloses Nichts – „The Dead Center“. Der tote Punkt der Seele.

Anstalts-Horror

Der Horrorfilm des US-Regisseurs Billy Senese erzählt von einem Mann, der als Psychiater die zornige Leere in den Herzen der Menschen bekämpfen will – bis er sie schlussendlich als grausamste Menschheitskonstante erkennen muss. Dr. Daniel Forrester (gespielt vom ehemaligen Indie-Darling Shane Carruth) will, nein, muss helfen. Fast zwanghaft akzeptiert er sogar Patienten für seine psychiatrische Notfallstation, die anderen als hoffnungslose Fälle gelten. Seine Vorgesetzte Sarah Grey (Poorna Jagannathan) geht sogar so weit, ihn deshalb unter persönliche Beobachtung zu stellen. Sie weiß, dass Forrester auch mit seinen eigenen Dämonen zu ringen hat.

Die Station wirkt in den ersten Szenen des Films eher wie ein Sanatorium aus einem alten Horrorfilm; es werden nicht Menschen nicht mentalen Problemen inszeniert, sondern eine Kakophonie krakeelender Irrer.

Doch die Situation eskaliert noch weiter. Ein Krankenpfleger stirbt: der mysteriöse Patient (Jeremy Childs) wird immer wieder gewalttätig. Überall tauchen unerklärliche Spiral-Symbole auf. Welches Geheimnis lauert in ihrem Mittelpunkt?

Kein Genre enthält so viel Recherchearbeit wie der moderne Horrorfilm. Auf den Anschein des Übernatürlichen reagiert der aufgeklärte Mensch mit journalistischer Arbeit und Spurensuche, die den Schrecken des Unbekannten eindämmen. „The Dead Center“ folgt vor allem zwei Männern bei der Wahrheitssuche. Neben Forrester ist die wichtigste Nebenfigur der Gerichtsmediziner Edward Graham (Bill Feehely), der an den Schauplatz gerufen wird, an dem der Amnesie-Patient vorübergehend gestorben ist. In der Logik des Films folgen beiden den Spiralarmen; halb wollen sie aus eigener Kraft zum „Dead Center“ vordringen, halb erliegen sie dessen Sog.

Horror-Varieté

Die Zwischenstufen wirken dabei allerdings eher beliebig. Der Film scheitert bereits auf der Struktur- und Drehbuchebene. An die Stelle von sogähnlicher Bewegung in Richtung des Unvermeidbaren tritt eine Art Horror-Varieté. Relativ lieblos werden die Standardsituationen des Videotheken-Horrors der Nullerjahre durchexerziert. Kryptische Gespräche, Therapiesitzungen mit dem Namenlosen, ab und an eine unspektakuläre Schocksequenz. Irgendwann sind Namen, Familienstand und Vergangenheit des Unbekannten aufgeklärt, ohne je relevant zu werden. Der psychologische Horror weicht graduell einem kosmischen, ohne dass daraus ein Gefühl für Größe oder ein neues Pathos entstehen würde.

Von Klinikflurgrau bis Nachtschwarz

Man kann „The Dead Center“ nicht vorwerfen, das Publikum nicht affizieren zu wollen. Leider sind die formalen Mittel dabei sehr beschränkt. Horror bedeutet hier in den meisten Fällen einfach eine höhere Lautstärke. Es wird viel geschrien; undefinierter Lärm auf der Tonspur begleitet die Angriffe so sicher wie das Flackern der Leuchtstoffröhren im Krankenhaus. Die Handkamera wackelt strategisch, die Schrittfrequenz versucht mit dem Puls des Zuschauers mitzuhalten. Die Farbpalette reicht von Klinikflurgrau bis Nachtschwarz.

Die Kontrastarmut wird konkret wie metaphorisch zum Problem des Films. Gegenüber der hoffnungslosen Grundstimmung heben sich spätere Entwicklungen kaum ab. Das Dunkel in den Menschen scheint oft schon deshalb im Vorteil, weil Schwarzblenden im Kino üblicher sind als Weißblenden.

Visuell ist der Film auf eine Weise hässlich, die in den Händen eines interessanten Filmemachers ein wirksames Werkzeug gewesen wäre, hier aber vor allem gleichförmige Langweile erzeugt. Einmal soll der Patient auf einen Fleck an der Wand starren – eine Erfahrung, die wahrscheinlich stimulierender ist als weite Teile des texturlosen, blass-kruden Films.

Shane Carruth bleibt blass

Wenn man ehrlich ist, interessiert „The Dead Center“ ohnehin nur aus einem einzigen Grund. Der heißt Shane Carruth. Mit seinen faszinierenden Science-Fiction-Filmen „Primer“ und „Upstream Color“ hat er sich einen Namen gemacht; von nie verwirklichten Projekten wie „A Topiary“ und „The Modern Ocean“ waren Fans stets überzeugter als Hollywood-Finanziers. Fast zehn Jahre sind seit seinem letzten Film vergangen; zuletzt hat er eher durch Skandale denn als Regisseur von sich reden gemacht.

Als Schauspieler hat er eine unauffällige Präsenz; er wirkt eher passiv als aktiv, eher innerlich als ausdrucksstark. Was für einen Film wie „Upstream Color“ kein Problem ist, schlägt bei einem Horrorfilm ins Kontor. Allzu teilnahmslos mäandert der Protagonist durch die Abgründe des Schreckens, ohne jene Art von Widerstand, die ein solches Szenario erst mit Bedeutung auflädt. Bis zu den Wurzeln bei H.P. Lovecraft lebt der kosmische Horror vor allem vom vergeblichen Kampf der Menschen, von der kafkaesken Auflehnung, die von höheren Mächten relativiert wird.

Das ewige Böse als abstraktes Prinzip

Die Abgründe von „The Dead Center“ bleiben flach. Einmal wird eine genretypische Wand voller Beweisfotos entdeckt, lauter Opfer des toten Punkts, der sich ewig drehenden Gewaltspirale. Darunter sind auch Massenmorde und Genozide. Eine solche Naturalisierung und damit Enthistorisierung von Gewalt scheint fragwürdig. Denn nicht das ewige Böse als abstraktes Prinzip, sondern spezifische gesellschaftlich-historische Dispositive bringen diese Untaten hervor. Ihr Schrecken liegt nicht in ihrer Unendlichkeit, sondern in der konkreten Manifestation. In der Banalität, der sie entspringt.

Guter kosmischer Horror erzählt von der Schwäche und der Korrumpierbarkeit des Menschen, schlechter raunt von Urformen und Essenzen. Insofern bietet der Film fast so etwas wie einen falschen Trost: Die Gewalt kommt als äußere Kraft, aus fernen, finsteren Sphären, nicht aus der Mitte der Welt, die wir mitgestalten.

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