Drama | USA/Deutschland/Schweiz 2022 | 110 Minuten

Regie: Anna Gutto

Eine vom Leben gezeichnete Truckerin muss für ihren im Gefängnis sitzenden Bruder illegale Güter transportieren. Als sie ein junges Mädchen bei einem Kinderporno-Ring abliefern soll, wird das zum Beginn einer gefährlichen Flucht, auf der sie mit den Traumata ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Das dramatische Road Movie will Actionfilm, düsterer Thriller über Kinderhandel und berührendes Drama über Trauma und Einsamkeit sein, kommt aber über Klischees nicht hinaus. Auch die Figuren sind zu schwach gezeichnet, um das behauptete Gewicht ihrer schlimmen Erfahrungen glaubhaft zu machen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
PARADISE HIGHWAY
Produktionsland
USA/Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2022
Regie
Anna Gutto
Buch
Anna Gutto
Kamera
John Christian Rosenlund
Musik
Anné Kulonen
Schnitt
Christian Siebenherz
Darsteller
Juliette Binoche (Sally) · Frank Grillo (Dennis) · Morgan Freeman (Gerick) · Cameron Monaghan (Finley Sterling) · Hala Finley (Leila)
Länge
110 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Road Movie | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Capelight
Verleih Blu-ray
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Thriller über eine vom Leben gezeichnete Truckerin, die sich von ihrem Bruder für illegale Warentransporte einspannen lässt, bis sie ein Mädchen an Kinderhändler ausliefern soll.

Diskussion

Die Filmografie von Juliette Binoche ist voller intensiver Zumutungen, die von der furchtlosen Darstellerin mit sinnlicher Intensität, fragiler Wucht und spielerischer Leichtigkeit erfüllt werden. Egal ob sie sich mit jugendlicher Energie in dem apokalyptischen Liebeskrimi „Die Nacht ist jung“ (1986) von Léos Carax verausgabt, sich den unterkühlten Sozialstudien eines Michael Haneke aussetzt oder in „High Life“ (2018) von Claire Denis den Horror der Reproduktion verkörpert: stets verschwindet die Schauspielerin in ihren Rollen und geht in den Filmen auf. Sie streift eine Figur über, bis nichts mehr von ihr übrig und doch alles anwesend ist.

Ihre Rolle in „Paradise Highway“ wird hingegen nicht im Gedächtnis bleiben. Das liegt weniger an Juliette Binoche, als vielmehr an der unentschlossenen und gleichzeitig überambitionierten Dramaturgie des Films, der die Darsteller als bloße Funktionen einsetzt, um seine Geschichte(n) zu erzählen. Da sitzt nicht Sally, die vom Leben gezeichnete Truckerin, am Steuer ihres tonnenschweren Gefährts, sondern Juliette Binoche, der man förmlich dabei zusehen kann, wie sie versucht, sich in diesen Film hineinzuarbeiten. Sie kämpft sich ab, um intensive Momente anzubieten, für die Regisseurin Anna Gutto jedoch keinerlei Resonanzräume zu schaffen vermag.

Eine letzte Tour für Bruderherz

Diese Sally ist eine Behauptung, eine reine Äußerlichkeit generischer Funktionalität. Für ihren Bruder Dennis (Frank Grillo), der im Knast erpresst wird, transportiert sie regelmäßig illegale Frachten in ihrem Truck. Als Dennis kurz vor der Entlassung steht, scheint ein Neuanfang zum Greifen nahe. Bei einem Besuch im Gefängnis wird ein enges Band zwischen den Geschwistern behauptet. Die Narben ausgedrückter Zigaretten an ihren Händen zeugen von einer gewalttätigen Kindheit, in der Dennis seine Schwester vor dem brutalen Vater beschützte. Nun muss sich Sally um ihn kümmern. Um ihn, der von der Spur abgekommen ist. Eine letzte Tour soll es sein, sonst wird er den Weg in die Freiheit nicht lebendig antreten.

Statt profaner Waren wird von Sally diesmal erwartet, dass sie ein Mädchen ausliefert: Fleischware für den Missbrauch. Die resolute Truckerin weigert sich zunächst, an den Deals des Kinderporno-Rings teilzuhaben, sieht aber letztlich keinen anderen Ausweg, als den Auftrag auszuführen. In wütender Verzweiflung nimmt sie die schwer traumatisierte Leila (Hala Finley) mit und behandelt sie wie einen Gegenstand, um deren Schicksal zu verdrängen.

Bei der Übergabe erschießt das Mädchen jedoch den bärtigen Widerling, der im Licht der Scheinwerfer tot zusammensackt. Das ist der blutige Beginn einer waghalsigen Flucht vor den rücksichtslosen Kinderhändlern und der Polizei: Eine Reise, die für Sally tief in die eigene Kindheit führt.

Menschenhandel auf den Highways

Ein dramatisches Road Movie soll „Paradise Highway“ also sein. Doch damit wollte sich Anna Gutto, die auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht zufriedengeben. Statt sich auf die Annäherung zwischen dem traumatisierten Mädchen und der ebenso fragilen Fahrerin zu konzentrieren, wird ein Thriller-Plot eingewoben und soll durch die Ermittlungsarbeit der Polizei etwas über den Menschenhandel auf den Highways der USA erzählt werden. Gleichzeitig will „Paradise Highway“ aber auch noch das männliche Milieu der Trucker durchschreiten und das jener Frauen, die in diesem so maskulinen Beruf arbeiten.

Die Rechnung geht in der Summe nicht auf. Geschwister-Drama, Road-Movie-Thriller und inhaltstiefe Milieustudie durchkreuzen einander. Die dramaturgischen Achsen dieses Films sind überladen; gegen Ende brechen sie unter den choreografierten und völlig unglaubwürdigen Zuspitzungen zusammen. „Paradise Highway“ ist ein Wagen, der die Spur nicht halten kann, weshalb die Fahrt schließlich auch im Graben endet.

Unter dem dramaturgischen Gewicht leidet vor allem die Glaubwürdigkeit, die es für eine solche dramatische Geschichte bräuchte. Wieso sollte Sally, die mit den Folgen von Missbrauch vertraut sein müsste, das Mädchen überhaupt ausliefern und nicht sofort eine Flucht wagen? Die Story, die dafür zur Begründung angeboten wird, also die schicksalshafte Verbindung mit ihrem Bruder, bleibt leere Behauptung. Auch weil Frank Grillo hauptsächlich aus dem Off agiert und über das Telefon kommuniziert. Zwar handelt es sich stets um illegale Frachten, die auf keinen Fall auffliegen dürfen. Nur liegen Drogenschmuggel und Kinderpornografie eben doch auf anderen ethischen Ebenen.

Es geht nicht um das Trauma der Kinder

Besonders problematisch ist, dass sich der Film nicht um Leila kümmert. Ihr Schicksal hält lediglich die Handlung am Laufen. Die FBI-Beamten Sterling (Cameron Monaghan) und der altersweise Gerick (Morgan Freeman) stoßen im Keller eines Hauses auf Käfige, in denen die Kinder wohl diszipliniert wurden. An den Wänden finden sich Kratzspuren und Zeichnungen. Es sind entsetzliche Zustände, aus denen Leila die Flucht gelingt. Nicht nur, dass die Wunden dieser Gewalt auf den Weiten des Highways allzu schnell heilen; das Mädchen entwickelt eine völlig an den Haaren herbeigezogene Kampfstärke, die das Drehbuch eben will, braucht und erzwingt. Zudem geht es im Verlauf des Films ohnehin nicht um das Trauma der Kinder; es ist vielmehr die Beziehung zwischen Sally und Dennis, auf die „Paradise Highway“ hinauswill.

Man hofft eigentlich nur, dass der Thriller an Fahrt aufnimmt und die Inszenierung den Film wenigstens über die Ziellinie rettet. Die Ermittlungen der Cops sind aber derart langsam und behäbig – was auch an der Besetzung des doch in die Jahre gekommenen Morgan Freeman liegen könnte –, dass sich auch hieraus keinerlei Dringlichkeit einstellt. „Paradise Highway“ will eine atemlose Flucht, eine lebensrettende Reise, ein düsterer Thriller über Kinderhandel und ein berührendes Drama über Trauma und Einsamkeit sein. Doch alle diese Stränge verkümmern in einem Durcheinander von Klischees und behaupteter Dramatik.

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