Drama | Frankreich 2022 | 97 Minuten

Regie: Romain Gavras

Nachdem ein Junge mit migrantischer Herkunft scheinbar durch Polizeigewalt ums Leben gekommen ist, brechen in seinem Banlieue-Viertel bürgerkriegsartige Zustände aus, in die auch die drei Brüder des Opfers geraten. Einer probt mit einem Mob frustrierter Jugendlicher den Aufstand und nimmt einen Polizisten als Geisel, der zweite versucht die Gewalt zu verhindern, der dritte sieht seine verbrecherischen Geschäfte gefährdet. Ein Thriller um die gewaltsame Entladung sozialer Spannungen in französischen Vorstädten, festgemacht an einem Bruderkonflikt mit dem Pathos einer griechischen Tragödie. Der Film setzt auf permanentes Actionfeuer, ohne seinem Thema erhellende oder kritische Erkenntnisse abzugewinnen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ATHENA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2022
Regie
Romain Gavras
Buch
Romain Gavras · Ladj Ly · Elias Belkeddar
Kamera
Matias Boucard
Musik
Aviv Surkin
Schnitt
Benjamin Weill
Darsteller
Dali Benssalah (Abdel) · Sami Slimane (Karim) · Anthony Bajon (Jérôme) · Ouassini Embarek (Moktar) · Alexis Manenti (Sébastien)
Länge
97 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Ein Thriller um die gewaltsame Entladung aufgestauter Wut in einem französischen Vorort, als nach dem Tod eines Jugendlichen seine drei Brüder sehr unterschiedlich reagieren.

Diskussion

Es dauert nur wenige Minuten, bis einem das erste Molotow-Cocktail um die Ohren fliegt. Vor einer Polizeizentrale hat sich eine wütende Menschenmenge versammelt, weil ein 13-jähriger Junge durch Polizeigewalt ums Leben gekommen ist. Abdel (Dali Benssalah), ein Bruder des Opfers, der beim französischen Militär ist, bittet die Protestierenden noch, ruhig zu bleiben, da ist es mit der Ruhe auch schon vorbei. Ein anderer Bruder des Toten, Karim (Sami Slimane), führt die Jugendlichen der Banlieue zur Attacke gegen die Polizeistation; die Randalierer dringen in das Gebäude ein, erbeuten einen Tresor mit Waffen und schaffen ihn in ihr Viertel namens Athena, wo alles schon für einen Kleinkrieg gegen die anrückenden Spezialeinheiten vorbereitet ist.

Ein Konflikt unter Brüdern

Das Drehbuch zu „Athena“ stammt von dem Filmemacher Ladj Ly, dessen Film „Die Wütenden - Les Misérables“ bereits ein ähnliches Sujet umkreiste. Es geht um die Wut, die sich in den französischen Vorstädten angesichts desolater sozialer Zustände und einer allgemeinen Perspektivlosigkeit aufgestaut hat, und um deren Gefahrenpotenzial. Festgemacht wird das in „Athena“ an einem Bruderkonflikt. In Abdel und Karim prallen gegensätzliche Haltungen zum französischen (Rechts-)Staat aufeinander; Abdel hält trotz des Tods seines Bruders am Glauben an die Funktionsfähigkeit des Staates fest und ist bereit, den zu verteidigen.

Für Karim ist die französische Gesellschaft unrettbar in ein „Wir“ und „die Anderen“ gespalten und die Kommunikation zwischen beiden Seiten nur noch über Gewalt möglich. Er fordert von der Polizei die Auslieferung derjenigen, die seinen kleinen Bruder ermordet haben, und nimmt schließlich einen jungen Polizisten (Anthony Bajon) als Geisel, um der Forderung Nachdruck zu verleihen.

Abdel hilft derweil den älteren Männern des Viertels, die an dem Aufruhr keinen Anteil haben und sich im muslimischen Gebetssaal versammeln, ihre Familien zu evakuieren, bevor die Lage völlig eskaliert. Dazu kommt in einer Nebenrolle noch ein weiterer Halbbruder, der eine Gangster-Größe des Viertels ist und die gewaltsamen Proteste primär als lästige Störung seiner Geschäfte betrachtet. Im Lauf einer langen Nacht geraten alle drei immer tiefer in den Sog der Gewalt und drohen wie die Figuren einer griechischen Tragödie schicksalhaft auf die Katastrophe zuzusteuern.

Energetisches Quasi-Kriegsspektakel

Regisseur Romain Gavras inszeniert das als ungemein energetisches Quasi-Kriegsspektakel. Seine Inszenierung kann allerdings nicht verhindern, dass sich die Zusammenstöße zwischen den hinter Schildern und Visieren geschützten Polizeikräften und dem schieren Furor der revoltierenden Jugendlichen im Laufe des Films abnutzen. Denn Gavras tritt von Anfang an mit voller Kraft aufs Gas und tut alles, um das Tempo und den Druck mittels der Action, eines wuchtigen Soundtracks und gegen Ende hin sehr viel Pathos hochzuhalten. Das wirkt auf Dauer nicht nur forciert, sondern geht zu Lasten der Charakterzeichnungen, weil die Inszenierung sich kaum Zeit nimmt, den Protagonisten auch mal ruhigere Szenen zu gönnen, ihre Hintergründe näher auszuleuchten oder sie jenseits der Action ihre Positionen verbalisieren zu lassen.

Sami Slimane als Karim beeindruckt zwar durch schiere physische Präsenz; er bekommt jedoch wenig Spielraum, um aus der Figur etwas Nuancenreicheres als einen fleischgewordenen Affekt zu machen: die geballte Wut der Banlieues. Dali Benssalah hat als Figur, die zwischen französischem Staat und dem Athena-Mob sitzt, eine dankbarere Rolle; ihre psychologische Glaubwürdigkeit wird allerdings auch in seinem Fall der Eskalations-Dramaturgie geopfert.

Während „Les Misérables“ trotz seiner literarischen Anlehnung an Victor Hugo fest in der Realität eines konkreten Schauplatzes verwurzelt schien, wirkt „Athena“ zu konstruiert, um gesellschaftsdiagnostisch irgendetwas Substanzielles zum Banlieue-Thema beizutragen. Was bleibt, ist ein packender Actionfilm mit einer großen Dosis Männermelodram, der zwar im Sinne eines Antikriegsfilms die eskalierende Gewalt als Irrweg brandmarkt, aber sich von deren Dynamik allzu sehr mitreißen lässt.

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