Verabredung mit einem Dichter - Michael Krüger

Dokumentarfilm | Deutschland 2022 | 91 Minuten

Regie: Frank Wierke

Über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg begegnet der Film dem Lektor und Schriftsteller Michael Krüger und beobachtet ihn bei der Arbeit und im Leben. Mit entschleunigtem Tempo reihen sich assoziative Gedankenperlen eines Dichters ohne Hang zur Selbstinszenierung aneinander. Dabei erfährt man auch etwas über seine Familie oder die Verlagswelt, verbleibt in der Hauptsache aber beim (Nach-)Denken eines Intellektuellen, der sich allmählich auch mit seinem Tod auseinandersetzt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Frank Wierke
Buch
Frank Wierke
Kamera
Frank Wierke
Musik
Erlend Apneseth
Schnitt
Frank Wierke
Länge
91 Minuten
Kinostart
22.09.2022
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Intime Begegnungen mit dem Lektor und Schriftsteller Michael Krüger über einen Zeitraum von zehn Jahre hinweg.

Diskussion

„Man muss sich langsam auf den Tod vorbereiten und die Trümmer aus dem Kopf kriegen“, sagt Michael Krüger 2013 in den Räumen des Carl Hanser Verlags, wo er über Jahrzehnte lang Lektor und Geschäftsführer war. Er hat nur noch wenige Monate zu arbeiten, nicht unter 14 Stunden am Tag, mit 300 bis 400 gelesenen Büchern pro Jahr, weshalb ihm die Pensionierung nach all der Hektik hoch willkommen ist, denn mit den Trümmern meint er angefangene, aber nie beendete Projekte.

Vier Jahre später besucht ihn Regisseur Frank Wierke wieder. Der Kalender ist immer noch voll. Krüger stöhnt über die Rede, die er aus Anlass eines Musikpreises schreiben muss. Er sitzt in einem hellen Zimmer mit Blick auf Bäume, die Zeit vergeht und die Kamera schweift über den Schreibtisch, wo alles an seinem Platz zu liegen scheint, Brillen, Vergrößerungsgläser, Stempel. Dann sind die nicht endenden Bücherregale dran, „Kafka von Tag zu Tag“, lockt ein Cover, Milan Kundera, Gertrud Kolmar, Ted Hughes, Flaubert, Fotos von Stefan George und Botho Strauß. Schließlich die eigenen Werke, jeweils mehrere Exemplare, geordnet nach Titeln. „Es gibt noch hunderttausend andere Bücher, die unten im Keller stehen, vermodern, oder auf dem Land. Ich kenne die Ordnung, aber sonst keiner“, sagt Krüger schmunzelnd über seine Arbeitsbibliothek. In den Tagebüchern von Kafka liest er mindestens einmal in der Woche. Bei anderen Bücher ist er nur froh, dass sie da sind.

Vogelgezwitscher und Geigenmusik

Gedichte sind ihm als Autor lieber, denn „die wandern im Körper herum, während man bei Prosa ewig am Schreibtisch sitzen muss“. Zum Konzept des Dokumentarfilms „Verabredung mit einem Dichter“ gehört, dass Krügers Gesicht immer wieder in Großaufnahme ins Zentrum rückt, er Texte aus dem Off vorliest, während die Kamera durch seinen Garten schweift und auf Baumblüten fokussiert. Manche Texte kommen auch ohne seine Stimme aus, untermalt von Vogelgezwitscher oder expressiver Geigenmusik.

So erfährt man die Geschichte seiner Familie, des Großvaters, bei dem er seine Kindheit verbracht hat und der als Bauer in der DDR enteignet wurde, oder die des Vaters, der mitten im Krieg bei der Berliner Post Karriere machte. Man begleitet Krüger in München zur Bayerischen Akademie der Künste und schaut ihm beim Beobachten der Straße zu. Allmählich gewöhnt man sich an die entschleunigte Dramaturgie und lauscht gebannt dem zurückhaltenden Bibliophilen, dem nachdenklichen Dichter ohne Hang zur Selbstinszenierung, wie er über Bäume assoziativ Gedankenperlen aneinanderreiht, die eigene Vergänglichkeit ins Blickfeld nimmt, unterschiedliche Künstlertypen, seinen Weg in die Verlagsbranche, die Theaterbesuche mit seiner Großmutter oder eine kürzlich diagnostizierte Leukämie, die ihn dazu zwingt, darüber nachzudenken, wie er die übrig gebliebene Zeit nutzen soll. Alte Freunde in New York besuchen? Kleine bayerische Kirchen? Oder einfach noch einige schöne Gedichte lesen?

Das Porträt eines Intellektuellen

Dass er sich auf den Film über einen Zeitraum von zehn Jahren eingelassen hat, und auch seine zuletzt melancholische Stimmung ebenso teilt wie die Spaziergänge durch eine aus dem Winterschlaf erwachende Natur, ist ein Glücksfall. Selten erlebt man ein mit Monologen überquellendes und ohne Stimmen von Weggefährten auskommendes Porträt eines Intellektuellen, das die Spannung halten kann, unterbrochen von wenigen Einsprengseln aus Lesungen und vom Regisseur befeuerten Reflexionen darüber, wie ein Gedicht entsteht.

Es ist anzunehmen, dass Krüger den Auftritt all der literarischen Berühmtheiten, denen er begegnet ist, als Prahlerei empfunden hätte. Dennoch wäre es interessant zu erfahren, was der eine oder die andere über die Zusammenarbeit mit ihm denkt. Am Ende informiert ein eingeschobener Text, dass er sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Quarantäne befindet, weil jede Infektion für ihn lebensbedrohlich ist. Ein erzwungener Rückzug in die Abgeschiedenheit, in der hoffentlich noch genug Zeit bleibt, um aus den Trümmern eine neue, blühende Sprachlandschaft zu stemmen.

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