Von außen betrachtet haben Taeko und Jiro alles, was man sich nur wünschen kann: Das junge Paar ist frisch verheiratet, lebt in einer bescheidenen, aber heimeligen Wohnung, und beide haben sichere Jobs. Der achtjährige Sohn Keita spielt mit Begeisterung das Brettspiel Othello und hat gerade eine Meisterschaft gewonnen. Sein Sieg soll gefeiert werden und Taeko hat auch Jiros Eltern eingeladen – und sogar noch eine kleine Geburtstagsüberraschung für ihren Schwiegervater vorbereitet. Das könnte also ein schöner Sommertag werden.
Doch sobald die Schwiegereltern Myoe und Makoto die Wohnung betreten haben, wird aus der Vorfreude plötzlich Anspannung: Etwas zu aufgesetzt ist die Fröhlichkeit, mit der Taeko und Jiro die Gäste empfangen, etwas zu bemüht ihr Versuch, den Eltern alles recht zu machen. Vor allem der Schwiegervater schafft es kaum, Taeko in die Augen zu schauen. Aus einer diffusen Vorahnung wird bald Realität, denn unter der Fröhlichkeit dieses Familientreffens schwelen unausgesprochene Geheimnisse, unterdrückte Spannungen und unverhohlene Egoismen, die das Idyll schnell bröckeln lassen.
Unterdrückte Emotionen brechen sich Bahn
Erst sind es nur sorgenvolle und tadelnde Blicke, dann vage Andeutungen. Niemand will es direkt ansprechen, das würde die japanische Höflichkeit verbieten. Doch schon in den ersten Minuten der Feier stellt sich heraus: Für Taeko ist dies bereits die zweite Ehe. Zwar hat Keita seinen Stiefvater anerkannt und fühlt sich sichtlich wohl in der Patchwork-Familie. Doch Taekos minutiöse Vorbereitungen sind offensichtlich ein erneuter Versuch, von den Schwiegereltern akzeptiert zu werden. Für die ist Taeko „beschädigte Ware“ – so rutscht es Myoe einmal sogar vor Taeko heraus. Zwar entschuldigt sie sich für die Beleidigung, doch was einmal gesagt ist, ist eben gesagt.
Der japanische Filmemacher Koji Fukada stellt in den Anfangsminuten seines neunten Films die Weichen für ein ausgewachsenes Familiendrama, und doch ist „Love Life“ ein überraschend leichtes Melodram. Das liegt vor allem an Fukadas distanzierter Erzählweise, die von Figur zu Figur springt und so ein impressionistisches Bild aus einer Vielzahl von Psychogrammen zusammensetzt: Neben Taeko und Jiro finden nach und nach auch die Perspektiven von deren jeweiligen Ex-Partnern Raum und öffnen ein verworrenes Netz aus Beziehungen. Die unterdrückten Emotionen brechen sich endgültig Bahn, als auf der Feier auch noch ein Unfall passiert: Die Erwachsenen haben ihre Animositäten über Alkohol und Karaoke kurz vergessen, als Keita unbeaufsichtigt im Badezimmer stürzt und in die noch gefüllte Badewanne fällt. Taeko macht sich später Vorwürfe, sie habe seinen Tod indirekt verschuldet.
Leben und Liebe werden erst durch die Schattenseiten lebendig
Gerade in aufwühlenden Momenten und aussichtslosen emotionalen Sackgassen wie diesen findet Fukada immer auch Raum für absurde Komik: Noch im Krankenhaus müssen Taeko und Jiro Fragen von der Polizei beantworten. Gerade in dieser sterilen Umgebung sprechen sie zum ersten Mal über ihre Gefühle füreinander – allerdings nicht miteinander, sondern mit den Beamten, die sie ausdruckslos anschauen und pflichtbewusst Notizen machen. Auch ihnen ist diese Patchwork-Familie suspekt, und sie bohren weiter nach, welches Verhältnis Jiro zu Keita hatte. Nein, er habe das Kind nicht loswerden wollen, ja er habe den Jungen wie seinen eigenen Sohn geliebt. Wenn Myoe noch im Krankenhaus mit versteinertem Gesichtsausdruck fragt, wann sie denn nun einen eigenen Enkel bekäme, weiß man schließlich nicht, ob man angesichts der brutalen Absurdität der sozialen Konvention lachen oder weinen soll.
Keitas Tod lässt schließlich alle Beteiligten ihre Lebensentscheidungen grundsätzlich hinterfragen. Es entsteht eine gleichermaßen profane wie existenzielle Gemengelage, die im schlichten Filmtitel widerhallt: „Love Life“ – das Leben und die Liebe haben eben viele Nuancen und werden erst durch die Schattenseiten lebendig. Fukada umkreist in diesen meisterlich inszenierten Miniaturen die großen Fragen des Lebens und umgeht damit elegant die pauschalisierende Schwarzweißmalerei, zu der Familiendramen wie dieses oft neigen.
Weshalb die früheren Beziehungen scheiterten
Jiro und Taeko können erst rückblickend verstehen, weshalb ihre früheren Beziehungen scheiterten und wie diese Erlebnisse ihr Hier und Jetzt noch immer beeinflussen: Taekos gehörloser Exmann Park verschwand einst spurlos und kommt in einer emotionalen Szene auf Keitas Beerdigung zurück. Er lebt auf der Straße und ist plötzlich zurück in Taekos Leben, denn sie ist die einzige Mitarbeiterin des Sozialamts, die Gebärdensprache beherrscht und ihm helfen kann. Auch Jiro wird in eine Neuverhandlung mit seiner Ex Yamazaki hineingezogen und muss sich fragen, ob er vielleicht doch noch Gefühle für sie hat.
Erst in ihrer gemeinsamen Trauer gelingt es Taeko und Jiro, ihre Vergangenheit auszusprechen – ein erster Schritt, um irgendwann wieder nach vorne schauen zu können. Und plötzlich steht neben den unausgesprochenen Gefühlen auch noch eine unerhörte Frage im Raum: Müssen Jiro und Taeko womöglich ihre Beziehung beenden und zu ihren Ex-Partnern zurückkehren, um diesen Verlust zu überstehen?