Drama | USA/Frankreich/Großbritannien 2022 | 124 Minuten

Regie: Florian Zeller

Ein New Yorker Anwalt soll sich um seinen 17-jährigen Sohn aus erster Ehe kümmern, der an Depressionen leidet. Der Vater schwankt zwischen Verständnis und Autorität, ist aber angesichts der psychischen Krankheit des Sohnes, der suizidale Tendenzen aufweist, überfordert. Der gut, aber routiniert konstruierte Film setzt in einer klaustrophobischen Atmosphäre sehr auf Kontraste, worunter die Figurenzeichnung leidet. Überzeugende schauspielerische Leistungen und das brisante Thema führen dennoch dazu, dass die tragische Geschichte nicht kaltlässt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE SON
Produktionsland
USA/Frankreich/Großbritannien
Produktionsjahr
2022
Regie
Florian Zeller
Buch
Christopher Hampton
Kamera
Ben Smithard
Musik
Hans Zimmer
Schnitt
Yorgos Lamprinos
Darsteller
Hugh Jackman (Peter) · Vanessa Kirby (Beth) · Zen McGrath (Nicholas) · Anthony Hopkins (Anthony) · Laura Dern (Kate)
Länge
124 Minuten
Kinostart
26.01.2023
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Drama um einen hochdepressiven Teenager, das Versäumnisse zwischen Eltern und Kindern und die Hilflosigkeit angesichts einer psychischen Krankheit reflektiert.

Diskussion

Florian Zeller gehört zu den Autoren, deren Stücke dermaßen erfolgreich sind, dass er sie auch auf die Leinwand bringt. Auf Zellers preisgekröntes Drama „The Father“ folgt nun seine eigene Filmadaption von „The Son“, ohne dass die beiden Filme viel miteinander zu tun hätten. Einige Überschneidungen gibt es dennoch. So behandeln beide Theaterstücke und Filme brisante Krankheiten – Demenz bei „Der Vater“ und Depressionen bei „The Son“; in beiden Filmen spielt außerdem Anthony Hopkins mit, einmal in der Haupt-, jetzt in einer Nebenrolle.

In „The Son“ spielt nun Hugh Jackman die Rolle des bemühten, aber ratlosen Vaters Peter Miller. Der ist im Beruf erfolgreich und lebt mit seiner zweiten Frau Beth (Vanessa Kirby) und ihrem gemeinsamen Baby in einer Luxus-Wohnung in Manhattan. Doch dann ereilt ihn ein Hilferuf seiner Ex-Frau Kate (Laura Dern). Peters älterer Sohn, der 17-jährige Nicholas (Zen McGrath), scheint seit Wochen die Schule zu schwänzen und reagiert auf Nachfragen seiner Mutter so abweisend, dass sie ratlos ist.

Wie ein fünftes Rad am Wagen

Beide beschließen, dass Nicholas zu Peter ziehen soll, um mit dem Tapetenwechsel womöglich auch wieder Ordnung in sein Leben zu bekommen. Der hochsensible Teenager findet bei seinem Vater jedoch einen familiären Mikrokosmos vor, in dem er sich bald als fünftes Rad am Wagen fühlt. In der neuen Schule taucht Nicholas nur am ersten Tag auf, was Peter sehr verärgert. Viel haben Sohn und Vater ohnehin nicht gemein. Während der Sohn eher künstlerisch veranlagt ist, denkt der ehrgeizige Vater in Karriere-Kategorien. Peter versucht, Verständnis für Nicholas zu zeigen und schickt ihn zum Psychotherapeuten. Doch als Nicholas ihm Vorwürfe macht, weil er Kate und ihn verlassen habe, rastet Peter aus. Die angespannte Lage eskaliert endgültig, als Nicholas einen Suizidversuch unternimmt und in eine Klinik eingewiesen wird.

Nicholas leidet an einer schweren Depression, ein Zustand, den Peter nicht nachvollziehen kann, und mit dem auch seine Mutter Kate überfordert ist. Verstärkt wird die missliche Lage durch die Patchwork-Familiensituation. Peters Spagat zwischen Nicholas’ Bedürfnissen und denen seiner neuen Familie misslingt. Die Spannungen zwischen den Beteiligten werden auch durch die Stadtwohnung verstärkt, in der trotz großzügiger Räumlichkeiten eine gewisse Klaustrophobie herrscht. Regelmäßig wird Nicholas Zeuge von Peters und Beths Familienglück und fühlt sich deplatziert.

Trotz einiger Außenaufnahmen in Cafés und auf den Straßen New York Citys, durch die Nicholas scheinbar ziellos irrt, inszeniert Zeller das Gros der Handlung in Peters Wohnung und verweist damit auf die Theaterprovenienz seines Stoffes. Dadurch wird der Film sehr dialoglastig; die Figuren geraten ständig in Konflikt miteinander und wirken damit recht schemenhaft. Auch greift es zu kurz, Nicholas’ psychische Nöte lediglich auf sein Gefühl des Verlassenseins zu reduzieren, denn die meisten Scheidungskinder leiden zwar auch, entwickeln dabei aber keine suizidalen Tendenzen.

Besonders schwer wiegt die Eindimensionalität der Figur von Anthony Hopkins, der in einem einzigen längeren Auftritt als Peters Vater wie ein ausgemachter Kotzbrocken wirkt, wenn auch mit Bravour. Als autoritärer, selbstgerechter Vater der alten Schule, der seinen Beruf stets der Familie vorgezogen hat und seine Einstellung bis heute nicht bereut, kann Hopkins nicht die Vielschichtigkeit zeigen, die ihm in „The Father“ zur Verfügung stand. Zwiespalt ist eher in der Rolle von Hugh Jackman angelegt, der sich von seinem Vater distanziert und um Empathie gegenüber Nicholas bemüht, dann aber doch die Verhaltensweisen seines eigenen Vaters reproduziert.

Es waltet eine gewisse Statik

Zeller hat die Story wie ein Musterschüler konstruiert: Die Dialoge sitzen, und alle Fäden laufen zusammen. Doch in seiner tragischen Zuspitzung wird der Film auch vorhersehbar. Wo „The Father“ durch die bildliche Konfrontation von Realem und den Wahnvorstellungen des Protagonisten Zweifel beim Kinopublikum säte und dem theatralen Stoff eine filmische Dimension hinzufügte, haftet dem Nachfolger „The Son“ jetzt eine gewisse Statik an.

Was bleibt, sind universelle Fragen und Selbstvorwürfe, die Eltern auf der ganzen Welt verfolgen, für die sie aber nur bedingt verantwortlich sind. „Was haben wir falsch gemacht?“, fragen sich Peter und Kate stellvertretend für Millionen Eltern. Sie bemühen sich von Herzen und treffen doch – oder deshalb – Entscheidungen, die schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Eltern können nicht perfekt sein und sind nicht allen misslichen Situationen gewachsen. Was Außenstehende rational beurteilen, ja vielleicht sogar verurteilen, können echte Menschen nicht und Filmfiguren noch viel weniger. Darauf baut Zellers Drama auf, das wegen der eindrücklichen Darstellungen von Hugh Jackman und Zen McGrath zwar berührt, als Ganzes aber zu sehr in seiner glatten, narrativ routinierten Konstruktion gefangen bleibt.

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