Das Netz der Freiheit

Drama | Spanien 2017 | 120 Minuten

Regie: Pablo Moreno

Biografisch inspiriertes Drama um die Nonne Hélène Studler (1891-1944), die während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Frankreich ein Rettungsnetzwerk aufbaute und zahlreiche Kriegsgefangene aus den Lagern schmuggelte. Die filmische Hagiografie hat jenseits einer oberflächlichen Bebilderung und eines rein biografischen Interesses wenig zu bieten. Der anspruchslos produzierte Film baut auf einem hölzernen Drehbuch auf, das den eindimensionalen Figuren kaum Entwicklung gewährt und keine inhaltliche Auseinandersetzung eröffnet. Die übermäßig auf Pathos setzende Erzählweise lässt überdies keinerlei Raum für eigene Emotionen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
RED DE LIBERTAD
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2017
Regie
Pablo Moreno
Buch
Pablo Moreno
Kamera
Rubén D. Ortega
Musik
Oscar Martin Leanizbarrutia
Schnitt
María Esparcia
Darsteller
Assumpta Serna (Hélène Studler) · Pablo Santamaría (Othon) · Pablo Viña (Alfonse) · Luisa Gavasa (Schwester Luisa) · Raúl Escadero (Dolmetscher)
Länge
120 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Great Movies/EuroVideo
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Drama um die Nonne Hélène Studler (1891-1944), die während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Frankreich ein Rettungsnetzwerk aufbaute und zahlreiche Kriegsgefangene aus den Lagern schmuggelte.

Diskussion

Hélène Studler war eine beeindruckende Persönlichkeit. 1891 geboren, trat sie als junge Frau in die Kongregation der Schwestern von Saint-Vincent-de-Paul ein und wirkte fortan in Metz im Nordosten Frankreichs. 1940 marschierten dort die Nationalsozialisten ein, Elsaß-Lothringen wurde besetzt und faktisch dem Deutschen Reich angeschlossen. Mit den Nazis kamen auch unzählige Kriegsgefangene. Schwester Hélène bestand darauf, sich um diese Menschen zu kümmern, sie mit Nahrung, Decken und medizinischer Hilfe zu versorgen. Dies organisierte sie mit einer Gruppe von Mitstreitern, einem stetig wachsenden Netzwerk, das heimlich auch Post aus den Gefangenenlagern herausschmuggelte. Irgendwann wurden aus den Briefen auch Menschen: Über 2000 Gefangene soll Studlers „Netz der Freiheit“ über die Jahre befreit haben.

Barmherzigkeit in einer unbarmherzigen Welt

Das gleichnamige Filmdrama erzählt biografisch inspiriert von dieser mutigen Frau, für die es eine natürliche Konsequenz aus ihrem Glauben war, barmherzige Nächstenliebe zu leben. Irgendwann erkannte Hélène, dass sie als „Schwester der Barmherzigkeit“ in einem unbarmherzigen Regime nicht „unpolitisch“ bleiben kann; und dass die Grenzen zwischen gelebter Nächstenliebe und politischem Aktivismus fließend sind.

Der Film nimmt die Zeit zwischen der Besetzung durch die Nazis 1940 und dem Tod von Schwester Hélène im Jahr 1944 in den Blick. Er erzählt von den Anfängen und der Etablierung ihres Rettungsnetzwerkes. Und von dessen Höhepunkt: Die Widerstandsgruppe um die Nonne war 1942 an der spektakulären Befreiung von General Henri Giraud aus der Festung Königstein bei Dresden beteiligt. Wobei dieser Aspekt im Film seltsam stiefmütterlich abgehandelt wird, da man wenig von der Flucht und noch weniger von deren Vorbereitung zu sehen bekommt. Auch dem Widerstandskämpfer und späteren französischen Präsidenten François Mitterrand soll das Netzwerk bei seiner Flucht vor den Deutschen geholfen haben.

Der Film hat allerdings jenseits seines biografischen Interesses wenig zu bieten. „Das Netz der Freiheit“ ist eine zwar nicht ganz billig, aber recht anspruchslos produzierte oberflächliche Hagiografie über Hélène Studler. Abgesehen von Assumpta Serna in der Hauptrolle, die Nuanciertheit und Ausdruck mitbringt, scheint der Großteil der Darsteller mit seiner Aufgabe überfordert zu sein. Da wird mit den Augen gerollt, werden dramatische Blicke geworfen, überdeutlich agiert und gestikuliert, dass man sich zwischenzeitlich eher in einer Satire denn einem Drama wähnt.

Kaum Nuancen zwischen Gut und Böse

Dass die meisten Figuren nicht überzeugen, liegt auch am hölzernen Drehbuch, das den Protagonisten kaum Entwicklung bietet und sie auf ein oder zwei Charakterzüge festschreibt. Hier gehört man entweder zu den „Guten“ oder zu den „Bösen“ (also den Nazis); dazwischen gibt es wenig bis nichts. Wenn der Metzger sich zunächst nicht am Netzwerk beteiligen will, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Schwester Hélène ihn auf die richtige Seite gezogen hat. Der hasenfüßige Schuster wiederum darf sich, quasi als Ausgleich, später zum wahren Helden mausern.

Maske, Kostüm- und Szenenbild vermitteln einen vor allem schmucken Eindruck von Land und Leuten, was die Protagonisten nicht überzeugender macht. Die jungen, auffallend hübschen Helferinnen von Hélène tragen ihr dunkles Haar stets in adretten Korkenzieherlocken und sehen auch sonst wie frisch einer Werbeanzeige entsprungen aus. Die phänotypisch recht gleichförmigen männlichen Mitstreiter mit dunklem Oberlippenbärtchen, Baskenmütze und makelloser Kleidung sind ähnlich adrett ausgestattet. Und wie um das französisch-nostalgische Klischeebild zu komplettieren, tragen die Figuren dauernd Körbe mit Baguettes durch die Gegend. Den Kriegsgefangenen wird ein bisschen braune Farbe auf Gesichter und Mäntel getupft.

Wie laienhaft diese Produktion ist, lässt sich auch an einer Zuschauerin mit sehr heutig aussehendem herausgewachsenem Farb-Haaransatz ablesen, die während eines Gerichtsprozesses gegen Schwester Hélène in der Menge steht. Ähnlich schlampig ist der falsch geschriebene Name „Miterrand“ im Abspann.

Strategie der maximalen Überwältigung

Zu Zwischentönen fällt der unpräzisen Regie von Pablo Moreno ebenfalls wenig ein. Ziel der Inszenierung scheint es zu sein, die Affekte der Zuschauer mit Nachdruck jeweils in eine bestimmte Richtung zu lenken. Egal, ob es sich dabei um Erschütterung, Rührung, Mitleid oder Bewunderung handelt – fast immer werden die Gefühle mithilfe einer maximalen emotionalen Überwältigung anvisiert. Stille und Subtilität zählen nicht zu Morenos Stil. Deshalb kommen die Ereignisse und Emotionen plakativ und gewissermaßen monolithisch daher, untermalt von einem fast durchgehenden, auf Pathos und Bombast setzenden Klangteppich, was keinerlei Raum lässt, um als Zuschauer eigene Emotionen zu entwickeln.

Nicht ganz so penetrant verhält es sich mit der Darstellung des Glaubens und dessen großem Anteil an Studlers Mut und Tatkraft. Die Frömmigkeit der Nonne und ihrer Unterstützer wird zwar deutlich betont. Allerdings könnte dieser Aspekt durchaus penetranter dargestellt werden, wie man aus ähnlichen, ebenfalls von missionarischem Eifer getriebenen filmischen Heiligenerzählungen weiß.

Die Geschichte von Hélène Studler ist von einer schlichten Rahmenhandlung umschlossen, die der Erzählung aber keine neuen Aspekte hinzufügt. Generell mangelt es dieser filmischen Hagiografie an inhaltlicher Auseinandersetzung, obwohl die Biografie der Nonne mehr als reich ist an vielseitig interessanten Gesichtspunkten. Doch „Das Netz der Freiheit“ beschränkt sich auf eine seltsam statische, rein äußerliche Bebilderung eines Ausnahmelebens. Die mutige und beeindruckende Figur der Hélène Studler hätte Besseres verdient.

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