Dokumentarfilm | USA 2022 | 83 Minuten

Regie: Julie Ha

Der koreanische Immigrant Chol Soo Lee wurde 1973 in San Francisco für einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt, den er nicht begangen hatte. Während er zehn Jahre lang im Gefängnis saß, avancierte er zur unfreiwilligen Symbolfigur einer Bürgerrechtsbewegung. Nach seiner Freilassung fand er aber keinen Anschluss mehr an die Gesellschaft und zog sich bei einem Unfall schwere Verbrennungen zu. Die formal bündige und funktionale Dokumentation wird sukzessive zur berührenden Würdigung eines Immigranten, der in den Vereinigten Staaten nie ein selbstbestimmtes Leben führen konnte. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
FREE CHOL SOO LEE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Julie Ha · Eugene Yi
Buch
Julie Ha
Kamera
Michael Chin · Jerry Henry
Musik
Gretchen Jude
Schnitt
Jean Tsien · Aldo Velasco
Länge
83 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Dokumentation über das Schicksal des koreanischen US-Immigranten Chol Soo Lee, der als unschuldig verurteilter Mann unfreiwillig zur Symbolfigur einer Bürgerrechtsbewegung wurde.

Diskussion

Der koreanische Immigrant Chol Soo Lee (15.8.1952-2.12.2014) steigt eine Treppe hinauf. Kaum ein Dutzend Stufen ringen ihm alles ab. Der von schweren Verbrennungen und jahrelanger medizinischer Behandlung gezeichnete Körper bringt kaum noch den Willen auf, sich ein weiteres Mal die Stufen hochzuschleppen. Die orthopädischen Maßschuhe hängen wie Blei an seinen Füßen. Und doch sind sie nur ein Bruchteil der Last, die das Leben ihm aufgebürdet hat.

Es ist eine der letzten Szenen in „Free Chol Soo Lee“ von Eugene Yi und Julie Ha. Sie erzählt nicht von einer einzigen brutalen Wendung des Schicksals, sie zeigt nicht das Ende eines plötzlichen Einschnitts in ein ansonsten unbeschwertes Leben. Sie ist vielmehr ein schmerzhaftes Symbol der Kontinuität eines von Tragik durchzogenen Lebens.

Drei weiße Zeugen reichen aus

„Free Chol Soo Lee“ zeichnet diese Kontinuität nach. Zumindest von Beginn der Ereignisse an, die den in Korea geborenen Mann zur Symbolfigur der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung machten. Im Juni 1973 wurde ein Mitglied der chinesisch-US-amerikanischen Gang Wah Ching in Chinatown, San Francisco, auf offener Straße erschossen. Schon kurz darauf verhaftete man Chol Soo Lee, einen jungen Koreaner, den drei weiße Zeugen als Mörder identifizierten und der kaum zwei Wochen später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Während der unschuldige Lee seine Strafe im Hochsicherheitstrakt absaß, rekonstruierte der investigative Reporter K.W. Lee den Fall. Seine Recherchen trugen die Vorgänge in die Öffentlichkeit, wo eine von koreanischen Aktivisten und Kirchengruppen angeführte Bürgerrechtsbewegung entstand. „Free Chol Soo Lee“, lautete der Slogan; die Forderungen nach seiner Freilassung wurden zur symbolischen Frontlinie ihres Kampfes um Anerkennung.

Rassismus und Vetternwirtschaft

Der zwischen Chol Soo Lees Aufzeichnungen, „Talking Heads“ und Archivaufnahmen hin- und herspringende Film bleibt formal so bündig wie funktional. Überzeugend ist der Film vor allem deshalb, weil ihn weder die „True-Crime“-Aspekte noch die praktisch eins zu eins auf die Gegenwart projizierbare Anklage eines von Rassismus und Vetternwirtschaft geprägten Justizsystems vom Schicksal seines Protagonisten trennen können. Alles an Chol Soo Lees Leben schreit danach, auf die aktuelle US-Kulturkampf-Rhetorik bezogen zu werden. Die Regisseure wehren sich auch nicht dagegen, finden in den entscheidenden Momenten aber immer wieder zur eigentlichen Stärke des Films zurück: zum Porträt eines Manns, der gegen seinen Willen zum Verbrecher, zum Helden und nach dem Ende der Protest- und Bürgerrechtsbewegung wieder zum unbedeutenden Einwanderer gemacht wurde.

Chol Soo Lee, ein koreanischer Allerweltsname, wurde zum Namen einer ganzen Bürgerrechtsbewegung. Der Mann hinter dem Namen drohte derweil von der brutalen Welt des Hochsicherheitstrakts zerrieben zu werden. Der Triumph, den die Free-Chol-Soo-Lee-Bewegung schließlich bei seiner Freilassung feierte, war für den unfreiwilligen Messias, den diese Community verehrt, nur ein vorübergehendes Ende der Qual, die zehn Jahre Freiheitsentzug für ihn bedeutet haben.

Die Zeit trennte ihn zunehmend von dieser Erleichterung und seiner Identität als Symbolfigur. Sie drückte ihn zurück in das Leben, in eine Identität, über die er nie die Souveränität gewann. Chol Soo Lee, der als Kind eines Vergewaltigers auf die Welt kam und von seiner Mutter abgelehnt wurde, die schließlich einen GI heiratete und mit ihm in die USA übersiedelte; der in einem Land aufwuchs, das sich immer weigerte, ihm eine Heimat zu sein, und der in der Community, die ihn zu ihrer Symbolfigur erklärte, nie einen Platz fand, eben dieser Mann sah sich in der Mitte seines Lebens mit der Aufgabe konfrontiert, neu anzufangen und nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben.

Würdigung eines fremdbestimmten Lebens

Ein Hausmeisterjob war die einzige Aussicht auf ein „ehrliches Leben“. Drogen wurden zur Brücke zwischen der harschen Realität der Niedriglohnarbeit und dem noch immer nachklingendem Status als Ikone. Seine Autobiografie sollte „Freedom without Justice“ heißen. Er schrieb sie nie zu Ende. Sein letzter Versuch, an schnelles Geld zu kommen, endete in einem gescheiterten Brandanschlag.

Von schweren Verbrennungen gezeichnet, trat er Jahre später wieder in der Öffentlichkeit auf. In eben diesem Zustand sieht man ihn die wenigen Stufen einer kleinen, unbedeutenden Treppe erklimmen. Im Dezember 2014 starb Chol Soo Lee mit 62 Jahren. Eugene Yi und Julie Ha widmen ihm einen späten filmischen Nachruf, eine Würdigung des Lebens, das Chol Soo Lee nie selbstbestimmt führen durfte.

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