Drama | Deutschland 2022 | 336 (8 Folgen) Minuten

Regie: Caroline Link

Eine Serie über die Arbeit zweier Kinder- und Jugendpsychologen, die in ihrem Therapiealltag mit jungen Menschen zu tun haben, die seelisch ins Straucheln geraten sind. Die Dramaturgie orientiert sich an vergleichbaren Serienformaten, weiß aber auch eigene Akzente zu setzen. Der ruhige, behutsame Erzählstil erlaubt fundierte Einblicke in ein breites Spektrum an seelischen Problemen und wie man damit besser umgehen kann. Statt auf gesellschaftliche Analysen der Hintergründe psychischer Beschwerden setzt die Serie auf die Kraft der persönlichen Erzählung. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Caroline Link
Buch
Caroline Link
Kamera
Bella Halben
Musik
Niki Reiser
Schnitt
Simon Gstöttmayr
Darsteller
Judith Bohle (Katinka) · Carlo Ljubek (Tom) · Carla Hüttermann (Nellie) · Ella Lee (Hanna) · Matthias Habich (Robert)
Länge
336 (8 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Serie

Eine achtteilige Psychotherapie-Serie über das Seelenleben junger Patientinnen und Patienten.

Diskussion

Die Verletzungen der jungen Patientinnen und Patienten aus der Serie „Safe“ mögen äußerlich nicht sichtbar sein, dennoch sind sie real. In der Praxis der beiden Kindertherapeuten Katinka (Judith Bohle) und Tom (Carlo Ljubek) kommt zur Sprache, was im Alltag der Jugendlichen und Kinder sonst unausgesprochen bleibt. Oft kommt es gar nicht direkt zur Sprache. Sondern drückt sich anders aus, im Spiel nämlich. Ihm räumt die Regisseurin Caroline Link in ihrer Serie „Safe“ eine besondere Rolle ein und erzählt dabei auch von der heilenden Kraft der Bilder und Vorstellungen, die wir in uns tragen und uns von uns selbst machen.

In einer Zeit, in der psychische Erkrankungen zu einer immer größeren Gefahrenquelle – besonders für Kinder und Jugendliche – geworden sind, ist es nur konsequent, dass der Bereich der psychotherapeutischen Arbeit auch zum Gegenstand von Serien geworden ist. Ganz neu ist das nicht. Im Jahr 2005 trat der israelische Showrunner Hagai Levi mit seiner Serie „BeTipul“ eine ganze Reihe an Adaptionen auf dem europäischen und US-amerikanischen Fernsehmarkt los. Das Prinzip der israelischen Serie war denkbar einfach: eine Therapiesitzung pro Folge, in der jeweils ein Patient vorkam.

Jede Menge Identifikation

Die Figuren offenbarten sich darin ihrem Therapeuten. Ansonsten gab es keine großartige Action, keine Ausschmückungen, nur die rigorose Offenlegung der Therapiesituation. Das Analysezimmer als existenzielle Bühne. Ein Kammerstück, dessen handelndes Personal sich auf Analytiker und Analysand beschränkte. Das Novum daran war: psychische Erkrankung nicht als spektakulär gefährlichen Wahn darzustellen, sondern als allgegenwärtiges Gesellschaftsphänomen mit jeder Menge Identifikationspotenzial.

Die US-Adaption von „BeTipul“, die Serie „In Treatment“ (2008) mit Gabriel Byrne in der Hauptrolle, feierte bei HBO Publikumserfolge und lief dort drei Staffeln lang. Seit 2021 feiert „In Treatment“ mit einer neuen Therapeutin (Uzo Aduba) eine Neuauflage, die das Verhältnis von Therapeutin und Patient in Zeiten von Corona beleuchtet. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die französische Adaption des Originalformats in „In Therapie“. Ein Therapeut (Frédéric Pierrot) empfängt darin seine Patienten, die auf verschiedene Weisen unter dem Eindruck der Terroranschläge auf das Konzerthaus Bataclan stehen.

Spielend sich selbst begegnen

Zwar nimmt Caroline Link keinen direkten Bezug auf das Format „BeTipul“, doch „Safe“ wäre ohne das Vorbild kaum denkbar. Link nennt ihrerseits das Buch „Dibs. In Search of Self“ von der Kinderpsychotherapeutin Virginia Axline als wichtige Inspirationsquelle. Das Buch zeichnet eine Reihe von Therapiesitzungen über den Zeitraum von einem Jahr mit einem Jungen auf, der ein deutlich abweichendes Sozialverhalten an den Tag legt. Gemeinsam mit dem Therapeuten Carl Rogers gilt Axline als Begründerin der nicht-direktiven Spieltheorie, eines Therapieansatzes, der das kindliche Spiel als natürliches Mittel der Selbstdarstellung begreift.

Man merkt „Safe“ die Orientierung an der therapeutischen Praxis an. Es sind keine spektakulären Wendungen oder Enthüllungen über den wahren Charakter der Figuren, die das Geschehen der fiktiven Therapiesitzungen prägen, sondern Veränderungen, die durch kleinste Interventionen der Therapeuten angestoßen werden. Etwa wenn sie ihre kindlichen Patientinnen dazu bewegen, sich durch Zeichnungen ihrer Position in der Welt gewahr zu werden, auch um negative Selbstbilder zu korrigieren. Das kann auch im Sandkastenspiel passieren, wie es die junge Patientin Ronja (Lotte Shirin Keiling), die gerne Krawall im Kindergarten macht, vor Augen führt.

„Nothing is written“

Insgesamt sind die acht Episoden der Staffel von einem ruhigen, behutsamen Erzählstil geprägt, der sich Zeit nimmt, um die Schwierigkeiten der jungen Protagonisten zu schildern, die seelisch ins Straucheln geraten sind. Bewegend ist das Schicksal der Jugendlichen Nelly (Carla Hüttermann). Sie leidet nach einer traumatischen Missbrauchserfahrung unter Panikattacken. Der gleichaltrige Sam (Valentin Oppermann) hat Schwierigkeiten, seine Aggressionen zu kontrollieren, und gerät damit auch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Seine Pflegefamilie ist mit seinen Wutausbrüchen überfordert, die sich auch in der Praxis ereignen. Valentin Oppermann spielt den Jungen mit einer Mischung aus schauspielerischer Präzision und bedrohlichen Ausrastern. Eine imposante Leistung. Einmal stellt der Junge sich die Frage, ob er dazu verdammt sei, das Schicksal seines Vaters zu wiederholen, der sich umgebracht hat. Sein Therapeut holt daraufhin zu einer längeren Anekdote über den Kinofilm „Lawrence von Arabien“ aus, die von der Rettung in der Wüste berichtet. „Nothing is written“, zitiert der Psychologe den von Peter O’Toole gespielten T.E. Lawrence, um auf die Veränderlichkeit unseres vermeintlichen Schicksals zu verweisen.

Caroline Link erzählt an dieser Stelle auch von der Kraft der Erzählung, in diesem Fall einer cineastischen, die es vermag, neue Sichtweisen auf unser eigenes Leben einzuüben. Mit „Safe“ gelingt ihr ein sensibler Blick auf das Seelenleben der kindlichen und jugendlichen Protagonisten. Die beiden Therapeuten straucheln bisweilen selbst in ihrem Leben. Tom ist geschieden, Katinka hat eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Es zeigt sich aber, dass die befreiende Kraft des Gesprächs (und Spiels) im therapeutischen Setting selbst begründet liegt und nicht an der Figur eines vermeintlich idealen Therapeuten festgemacht ist.

Emotional berührende Geschichten

Ein wenig irritierend wirkt der Umstand, dass sämtliche Charaktere zwar an persönlichen Beziehungen zu leiden scheinen, die Gesellschaft aber als soziologischer Bezugsrahmen der Handlung weitgehend ausgeblendet wird. Vergleichbare Serien wie „In Treatment“ thematisieren dagegen immer wieder brennende gesellschaftliche Themen, bei den US-amerikanischen und französischen Ablegern von „BeTipul“ zuletzt auch immer wieder die Themen Rassismus, Klassenunterschiede und das ökonomische Gefälle. Die emotional mitreißenden Geschichten der Protagonisten in „Safe“ machen diesen Makel allerdings wett und lassen für eine Fortsetzung der Serie noch Luft.

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