Fantasy | USA 2022 | (8 Folgen) Minuten

Regie: Tim Burton

Der ältesten Addams-Family-Tochter steht nach vielen Schulverweisen nur noch der Besuch des Internats offen, das einst schon ihre Eltern besuchten. Dessen Schüler genießen nicht den besten Ruf in der Stadt. Überdies sorgen ungeklärte Mordfälle in den Wäldern rund um das Anwesen für Angst und Schrecken. Während sich der Sheriff um Aufklärung und um eine Beendung des zunehmend innigeren Verhältnisses zwischen seinem Sohn und der Addams-Tochter müht, beginnt das intelligente Mädchen auf eigene Faust zu ermitteln. Das Serien-Spin-off der berühmt-berüchtigten Familienchronik bemüht sich, den sarkastisch-unernsten Ton der Vorlage abzuschütteln und im Zuge der Coming-of-Age-Geschichte rund um die Mordgeschichte ernsthaften Grusel zu verbreiten. Set- und Kostümdesign, ein paar Sidekicks sowie die stimmige Musik gewährleisten aber dennoch eine Nähe zum Original. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WEDNESDAY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Tim Burton · Gandja Monteiro · James Marshall
Buch
Miles Millar · Al Gough
Kamera
David Lanzenberg · Stephan Pehrsson
Musik
Danny Elfman · Chris Bacon
Schnitt
Jay Prychidny · Ana Yavari · Paul G. Day
Darsteller
Jenna Ortega (Wednesday Addams) · Gwendoline Christie (Larissa Weems) · Jamie McShane (Sheriff Galpin) · Percy Hynes White (Xavier Thorpe) · Hunter Doohan (Tyler Galpin)
Länge
(8 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Fantasy | Serie

Serien-Spin-off um die älteste Tochter des Addams-Family-Clans, die aufs Internat ihrer Eltern muss und auf eigene Faust in einer Mord-Serie ermittelt.

Diskussion

Schule als sozialer Ort ist eigentlich etwas Schönes. Man trifft eine Menge Gleichaltrige, schließt Freundschaften und verliebt sich vielleicht zum ersten Mal. Doch andererseits gibt es auch Lehrer, das Eingesperrtsein, die Überheblichen, Neider und Gemeinen, das ewige Lernen; sprich: den alltäglichen Existenzkampf. Es liegt auf der Hand, dass Wednesday Addams diesen Kampf mit harten Bandagen ausfechten muss. Der 14-jährige Spross ist ein Musterexemplar jener legendären „Addams Family“, die einfach nicht ins Normgerüst der ehrenwerten US-Gesellschaft passen will und deshalb allenthalben auf Ablehnung stößt. Für die Addams-Family stellte das immer schon ein Rätsel dar, da sie eigentlich Spießer par exellence sind, nur eben beseelt von schwarzer Kleidung und einer ebensolchen Lebenseinstellung.

Wednesday (Jenna Ortega) ist mal wieder von der Schule geflogen, weil sie die Anfeindungen gegen ihren jüngeren Bruder Pugsley (Isaac Ordonez) mit ein paar hungrigen Piranhas im Schulschwimmbecken quittierte. Zum Glück gibt es neben der normalen Eliteeinrichtung eine andere Bildungsoption, die das besonders kreative Talent des Mädchens zu würdigen weiß. Die Nevermore Academy war schon immer eine Heimstatt für die besonderen Geister von Jericho. Schließlich war auch schon ihre Mutter Morticia (Catherine Zeta-Jones) dort Jahrgangsbeste, und auch Wednesdays Vater Gomez (Luis Guzmán) nichts weniger als ein Mordskerl. Da Wednesday aber gerade ein gespanntes Verhältnis zu ihren Erziehungsberechtigten hat, betritt sie die altehrwürdigen Hallen des düsteren Internats voll schlechter (also bester) Gefühle.

Mehr „Harry Potter“ als „Addams Family“

Als Zuschauer muss man sich tunlichst bald damit arrangieren, dass es sich bei „Wednesday“ um eine Serie handelt, in dem die berüchtigte Addams-Sippschaft nur schmückendes Beiwerk darstellt. Sobald die Verwandtschaft Wednesday bei der Schule abgesetzt hat und die großzügige Auffahrt des riesigen Anwesens wieder verlässt, beginnt für die Protagonistin ein neuer Abschnitt des Erwachsenwerdens – weit weg vom Familiensitz, dem heimeligen Horror und den alltäglichen Experimenten zur Lebensverkürzung ihres Bruders. Die Serie hat mehr von „Harry Potter“ als von all den wunderbaren filmischen Adaptionen der makabren Cartoons, die ab den 1930er-Jahren in „The New Yorker“ erschienen.

Wieder einmal geht es um eine Internatsgesellschaft mit obskurem Lehrpersonal und all den sich neckenden Jugendlichen. Während drinnen die unterschiedlichsten (Zweck-)Bündnisse geschmiedet werden, lauert draußen wirkliches Ungemach. Zunächst recht menschlich, weil die Bürger von Jericho – allen voran der chronisch misstrauische Sheriff Donovan Galpin (Jamie McShane) – die Nevermore Academy samt Belegschaft am liebsten ins Ausland verlegen würden. Da die Schulleiterin Larissa Weems (Gwendoline Christie) und Bürgermeister Noble Walker (Tommie Earl Jenkins) aber ein mysteriöses Stillhalteabkommen verbindet, gibt es zwischen Studentenschaft und Bevölkerung sogar regelmäßig Kontakt, was nicht ohne Folgen bleibt. Denn es existiert noch etwas anderes, weniger Menschliches, was zwischen beiden Parteien für Friktionen sorgt: unerklärliche Mordfälle, die zumeist im Wald zwischen Internat und Stadt überhandnehmen und Angst und Schrecken verbreiten.

Makabrer Addams-Humor & ernsthafter Grusel

Für Wednesday ist dies zunächst ein angenehmer Thrill, der schon bald ihren Ehrgeiz weckt, den als grässliches Monster beschriebenen Mörder zu enttarnen. Das ist dann auch der rote Faden, der sich durch die Serie zieht, bis der Mörder im achten Teil sein wahres Gesicht zeigt. Dieser ist nämlich – und das wird schon zur Halbzeit der Serie offenbar – ein sogenannter „Hyde“, der seine Gestalt vor den Mordtaten wechselt wie sonst nur der Werwolf bei Vollmond. Zudem ist er einer befehlenden Macht hörig, sodass sich die „Whodunit“-Suche auf einen größeren Kreis erweitern lässt.

Ist „Wednesday“ also mehr eine Teen-Mystery-Krimiserie denn eine Comedy-Groteske in alter Addams-Tradition? Ja und nein! Tim Burton, der die ersten vier Folgen inszeniert hat und neben Alfred Gough und Miles Millar auch als Ideengeber fungiert, kämpft sichtlich mit zwei Seelen in seiner Brust, der für schwarzen Humor und einer für fantastischen Grusel. Steht am Anfang noch die morbide Pointe gepaart mit politischer Inkorrektheit im Vordergrund, muss mit Eintritt in die Internatswelt und dem Beginn der Mordserie der Spaß immer öfter dem ernsten Horror weichen, was sich eigentlich mit der chronischen Ernstlosigkeit des „Addams“-Universum beißt.

So scheint sich das fünfköpfige Autorenteam darauf geeinigt zu haben, dass es immer dann sarkastisch wird, wenn der Rest der Familie auf Besuch kommt. Ansonsten bleibt die Spannung eher mysteriös und gruselig. Da als einzige Reminiszenz ans „Addams Family“-Universum ein eiskaltes Händchen (eine zwar abgetrennte, aber dennoch höchst fidele Menschenhand) als Wednesdays ständiger Begleiter fungiert, wird man auch in neuer Umgebung indirekt immer an die gute alte „Addams-Family“-Zeit erinnert. Eine Folge steht sogar ganz im Zeichen von Wednesdays wahnsinnigem Onkel Fester (Fred Armisen), sodass die Trennung von Original und Spin-off nicht allzu schmerzhaft ausfällt.

Im Teenie-Gefühlswirrwarr

Ansonsten muss man sich damit abfinden, dass Wednesday (im Gegensatz etwa zu ihrem Animationspendant Lisa Simpson in der Serie „Die Simpsons“) eben doch auch älter und erwachsener wird und sich mit Beziehungswirrwarr mit einer besten Freundin – in Form ihrer dem bunten Kitsch frönenden Zimmergenossin Enid Sinclair (Emma Myers) – und möglichen Love Interests konfrontiert sieht. Letzteres schein vom Grundcharakter der Figur her eigentlich ausgeschlossen, wird in der Serie aber gleich doppelt befeuert, da es mit Tyler (Hunter Doohan), dem Sohn des Sheriffs, und dem morbiden und seherisch begabten Mitschüler Xavier Thorpe (Percy Hynes White) gleich zwei Bewerber gibt. Das macht die ansonsten dem Muster von High-School-Stoffen folgende Serie auch auf einer zweiten Ebene spannend, gehören beide Womanizer doch zum Kreis der Mordverdächtigen.

„Wednesday“ macht schaurigen Spaß, wenn man sich erst einmal von Qualitäten und Stilmitteln der eigentlichen Vorlage etwas gelöst hat. Immerhin reicht die ein oder andere Gehässigkeit von „Wednesday“ aus, um zu erkennen, wessen Geistes Kind hier Pate steht. Auch wenn im deutschen Dialogbuch noch einige Holprigkeiten auszubügeln wären, etwa wenn Wednesday in der deutschen Synchro zu ihren Mitschülern sinnfrei sagt, „Amateure wie ihr versauen den Ruf des Kidnappings“, während die deutschen Untertitel treffender von „Amateure wie ihr besudeln die Kunst der Entführung“ sprechen. Im Zweifel bleibt ja immer noch die sehr pointierte Originalversion. Für alle dürften das wunderbar gruselige Set- und Kostümdesign des „Tim Burton“ -Universums, das schaurige Mördermonster und die augenzwinkernde Genre-Musik von Danny Elfman aber recht stimmungsfördernd sein. Und natürlich die Option, dass mit Wednesday in Zukunft eine Kriminalistin heranwachsen könnte, die selbst einem Sherlock Holmes das Wasser reicht.

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