Dokumentarfilm | USA 2022 | 105 Minuten

Regie: Ryan White

Dokumentarfilm über die Geschichte der Mars-Rover „Spirit“ und „Opportunity“ von 2003 bis 2019. In einem abwechslungsreichen Mix aus Interviews mit Wissenschaftlern und Ingenieuren, anschaulichen Animationssequenzen, Fernsehmitschnitten und Archivaufnahmen rückt die Interaktion der Bodenstation mit dem zweiten, „Oppy“ genannten Rover zunehmend in den Fokus, der ursprünglich nur 90 Tage arbeiten sollte, aber fast 15 Jahre aktiv blieb. Die chronologische Darstellung zielt mit einer teils sentimentalen Vermenschlichung der Fahrzeuge und einem durchgängigen Soundtrack auf ein breites Publikum, lässt allerdings eine Vertiefung wissenschaftlicher Fragen vermissen. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
GOOD NIGHT OPPY
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Ryan White
Buch
Ryan White · Helen Kearns
Kamera
David Paul Jacobson
Musik
Blake Neely
Schnitt
Rejh Cabrera · Helen Kearns
Länge
105 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über die Geschichte der Mars-Erkundung durch die Rover Spirit und Opportunity während der Jahr 2003 bis 2019.

Diskussion

Warum ist die Menschheit so begierig, Grenzen zu überschreiten, unbekannte Welten zu erkunden und dorthin vorzustoßen, wo vorher noch niemand war? Mit diesen und anderen Fragen setzt sich der Dokumentarfilm des US-Regisseurs Ryan White auf vielfältige Weise auseinander. Er zeichnet Entwicklung, Bau, Einsatz und Ende der Mars-Rover „Spirit“ und „Opportunity“ nach, die die US-Raumfahrtbehörde NASA 2003 kurz nacheinander auf den roten Planeten schickte, mit dem Ziel, herauszufinden, ob es dort früher einmal Wasser gegeben hat.

Die Raumsonde „Spirit“ landete am 4. Januar 2004 im Gusev-Krater des Mars. Sie hieß zunächst „Mars Exploration Rover A“, kurz MER-A, und wurde erst nach dem Start in „Spirit“ umbenannt. Am 22. März 2010 brach der Kontakt zu dem Rover ab. Am 25. Mai 2011 beendete die NASA die aktive Kontaktaufnahme mit ihm, was dem faktischen Missionsende gleichkam.

Bis zum „Tod“ im Staubsturm

Die Schwestersonde „Opportunity“ (MER-B) landete wenige Tages später am 25. Januar 2004 in einem kleinen Krater der Tiefebene Meridiani Planum, den die NASA später Eagle Crater taufte. Der Rover legte insgesamt etwa 45 Kilometer zurück und war bis zum 10. Juni 2018 aktiv. Sein Einsatz endete nach 14 Jahren und 219 Tagen, als er nach einem monatelangen Staubsturm nicht mehr aus dem Ruhezustand geweckt werden konnte. Die NASA erklärte das Programm am 13. Februar 2019 für erfolgreich beendet.

Das Besondere an beiden Rovern ist, dass ihre „Lebensdauer“ ursprünglich nur auf 90 Tage ausgelegt war. Beide Geräte waren aber zur Freude der Wissenschaftler und Ingenieure ungeachtet aller technischen Probleme um ein Vielfaches länger im Einsatz; „Opportunity“ sogar fast 15 Jahre lang.

Der Film kombiniert viele Interviewszenen mit Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern der Mars-Mission, anschauliche Animationssequenzen zum Raumflug und den Expeditionen der Rover und teils schwarz-weiße Archivaufnahmen der NASA und des Forschungs- und Entwicklungszentrums Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Pasadena in Kalifornien. Dazu kommen Fernsehmitschnitte und Familienfotos und -videos der beteiligten Personen. Ein Off-Kommentar, den Angela Bassett in der Originalfassung in einem angenehm ruhigen Duktus spricht, liefert weiterführende Informationen.

„Sind wir wirklich allein im Universum?“

Das Drehbuch von Ryan White und Helen Kearns, die mit Rejh Cabrera auch für den Schnitt verantwortlich zeichnet, lässt die Geschichte der Mars-Exploration chronologisch Revue passieren. Im Intro wird der Auftrag der Forscher skizziert; hier fragt die Mission-Managerin Jennifer Trosper: „Sind wir wirklich allein im Universum?“ Und eine Rover-Fahrerin will wissen: „Gab es je Leben auf dem Mars?“ Zentrale Aufgabe beider Missionen ist jedoch die Suche nach Wasser, das auf der Erde den Ursprung jeglichen Lebens bildet.

Schon in der zweijährigen Entwicklungs- und Bauphase vor dem Start ergaben Tests, dass die beiden Rover unterschiedliche „Persönlichkeiten“ aufwiesen. Der Projektleiter Steve Squyres hält fest, dass „Spirit“ immer wieder Probleme macht, während „Opportunity“ zweifelsohne „Miss Perfect“ sei. Auch wenn der Filmtitel den Blick auf „Oppy“ lenkt, nehmen im Film beide Rover lange Zeit gleich großen Raum ein; oft werden sie sogar im Split Screen simultan gezeigt.

Über die Mensch-Maschine-Beziehung

Im Prolog lässt der recht dialoglastige Film bereits ein Schlüsselelement der Dramaturgie anklingen, wenn Basset im Kommentar mit Blick auf „Opportunity“ erklärt: „Manchmal hat sie ihren eigenen Willen“. Oder wenn ein anderer Off-Erzähler ergänzt: „Sie wird ein Familienmitglied.“

Nach und nach wird deutlicher, dass die Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure im Kontrollzentrum in Pasadena und bei der NASA während der immer länger dauernden Mission eine enge Beziehung zu den sechsrädrigen Roboterfahrzeugen entwickelten. Die frappierende Tendenz zur Anthropomorphisierung der Geräte zeigt sich beispielsweise in einer Sequenz, in der die Rover-Fahrerin Vandi Verma angesichts einer gefährlichen Fahrt in einem steilen Kraterhang konstatiert: „Wir erlauben dem Rover, für sich zu denken. Denn er weiß mehr über die Situation als wir.“ Und gipfelt in einer Szene, in der Steve Squyres Tränen vergießt, als das endgültige Aus für „Oppy“ feststeht; er empfinde sogar „Dankbarkeit für die Beziehung, die wir hatten“. In manchen Szenen nimmt diese starke Identifikation mit den Fahrzeugen geradezu sentimentale Züge an.

Musik spielt eine wichtige Rolle

Ein weiteres Kennzeichen der durchgehenden Vermenschlichung der Rover ist der Einsatz von Aufweck-Songs. Die Leitstelle verknüpft die ersten morgendlichen Kommandos an „Spirit“ und „Opportunity“ gerne mit beliebten Popsongs wie „Here Comes the Sun“ von den Beatles, „Roam“ von The B-52's, „SOS“ von Abba oder „I’ll Be Seeing You“ von Billie Holliday. Als „Opportunity“ nach 14 Jahren in einen Sandsturm gerät, die Batterie auf ein minimales Niveau fällt und der Kontakt für sechs Monate unterbrochen ist, versucht die Mission Control den Rover mit dem mitreißenden Song „Wake Me Up Before You Go-Go“ von Wham! wiederzubeleben.

Eingebettet sind die Lieder in einen nahezu flächendeckenden Musikteppich von Blake Neely. Der Soundtrack drängt sich oft in den Vordergrund und trägt in dramatischen Situationen ziemlich dick auf, wenn ein Rover sich etwa im tiefen Sand festfährt oder wenn gegen Ende klar wird, dass „Oppy“ an „arthritischen Beschwerden“ und „Gedächtnisverlust“ leidet.

Was ist mit dem Mars-Wasser passiert?

Die visuelle Darstellung der endlosen Wüstenflächen und der gewaltigen Sandstürme, die im Film die einprägsame Bezeichnung „Dust Devils“ tragen und von der Trickfilmschmiede Industrial Light & Magic verantwortet wurden, ist ebenso makellos wie die Ausführung der Animationssequenzen, die den Anflug der Sonden und die Arbeit der Rover auf dem roten Planeten anschaulich machen. Die wissenschaftlichen Entdeckungen der Expeditionen kommen dagegen etwas zu kurz. Als der ohnehin erfolgreichere „Oppy“ nach neun Jahren eine Gesteinsformation entdeckt, die auf eine frühere Anwesenheit von Wasser schließen lässt, hält der Systemingenieur Rob Manning zwar fest, dass der Mars einst „eine nasse Welt“ mit Ozeanen gewesen sein muss. Doch die zentrale Frage eines Kollegen wird nicht weiterverfolgt: „Was ist mit diesem Wasser passiert?“ Ganz zu schweigen von der Frage, was dieses Verschwinden für die Erde bedeutet.

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