Das Netz - Spiel am Abgrund

Drama | Deutschland 2022 | 359 (8 Folgen) Minuten

Regie: Rick Ostermann

Am Rand eines Fußballspiels fällt ein junger Mann einem Messermord zum Opfer; fast zeitgleich kommt es auf dem Parkplatz des Geländes zu einem Unfall, bei dem ein Fußball-Talentscout ums Leben kommt. Dessen Freundin ist Anwältin, fürchtet hinter dem Tod ein Verbrechen und stößt auf ein Netz aus Korruption, das bis zum Präsidenten der World Football Association reicht. Eine ambitionierte Serie mit komplexem Drehbuch, die kurz vor der umstrittenen WM 2022 das System Weltfußball kritisch durchleuchtet und dabei mit einem im Wesentlichen glaubwürdigen Figurenensemble aufwartet. Spannende, actionreiche Szenen wechseln sich in der Aufklärung eines immer weitere Kreise ziehenden Kriminalfalles ab mit ruhigeren, der Recherche der netzartig verflochtenen Hintergründe gewidmeten Passagen sowie Psychogrammen der Beteiligten. Eine überzeugende Illustration des Profifußballs als System der internationalen Geldflüsse, Abhängigkeiten und ersatzreligiösen Versprechungen, auch wenn sich der Plot ein wenig an Gewichtung und Integration der diversen Handlungsebenen verhebt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Rick Ostermann
Buch
Bernd Lange · Johannes Flachmeyer · Anneke Janssen · Thomas Ritter
Kamera
Juan Sarmiento G.
Musik
Stefan Will · Robert Robster Henke
Schnitt
Simon Gutknecht · Julia Karg · Benjamin Kaubisch · Christoph Wermke
Darsteller
Birgit Minichmayr (Lea Brandstätter) · Tom Wlaschiha (Richard Felgenbauer) · Raymond Thiry (Jean Leco) · Max von der Groeben (Marcel Fork) · Gaetano Bruno (Maurizio Corridoni)
Länge
359 (8 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi | Serie

Diskussion

Grün ist das Gras – und die Hoffnung. Und das Gras ist die Hoffnung für einen Haufen junger Afrikaner, die in der epischen Exposition der achtteiligen Serie „Das Netz – Spiel am Abgrund“ auf einem Rasenplatz in Accra den Ball kicken. Auf sie gerichtet ist bereits das kühle Auge des Talentscouts David Winter (Itay Tiran), der die vielversprechendsten Jungen ausfindig machen und mit der Lockung der professionellen Ligen nach Europa lotsen soll. Sie landen zunächst recht hart, in einer Schleiferschule in Meersburg am Bodensee, wo sich schon bald ihre Wege trennen: Für wenige Glückliche geht es tatsächlich aufwärts, zu den Superclubs in London, Paris oder Barcelona, für die meisten endet jedoch schon dort der Traum von Ruhm und Geld, und es wartet auf sie ein trauriges Leben in Elend oder Illegalität.

Von Fair Play keine Spur

Die motivischen Parallelen sind frappant: fantastisch große, teils kriminelle Geldflüsse auf internationaler Ebene, eine enorme Asymmetrie von Macht und Einfluss zwischen Ländern und Kontinenten, dazu das quasireligiöse Glücksversprechen an die Massen – das System Fußball gemahnt deutlich an den weltweiten Drogenhandel! Woran es auch erinnert, das wird ebenso früh auf beiden Seiten artikuliert: an modernen Sklavenhandel, denn die „Talente“ werden ge- und verkauft, haben kaum noch Verfügungsrechte über ihren eigenen Körper und müssen sofort ihre Pässe aushändigen. Vom Fußball als dem „Fair Game“, dem schönen und möglichst fairen Spiel, bleibt in der Sicht der Serie wenig bis nichts mehr übrig; eher sind die meisten Akteur:innen „Fair Game“ (Freiwild) im intriganten Spiel um Interessenssphären auf höchster Ebene.

Es gelingt dem Drehbuch von Bernd Lange von Beginn an gut, mit einem gemessen an der Komplexität der Verflechtungen konzentrierten internationalen Figurenensemble eine Vielzahl an Perspektiven auf Fußball als Sport und bedeutenden Wirtschaftsfaktor zugleich zu versammeln – vom ostdeutschen Skinhead und Hooligan Marcel (Max von der Groeben) bis hinauf zum Präsidenten der World Football Association (WFA), Jean Leco (Raymond Thiry). Allen gemeinsam ist dabei die Absicht, „das System zu verändern“ – nur eben nicht in die gleiche Richtung. Während Leco mit persönlichem Ehrgeiz sein Projekt einer „Club-WM“ zur maximalen Profitausbeute des Sports in den Medien anstrebt (Vorbild war hier offensichtlich das desaströs gescheiterte Unternehmen „The Super League“ 2021), fühlt sich Marcel mit Herz und (kräftiger!) Hand ganz und gar seinem Heimatverein in Dessau verpflichtet – und von allen modernen Entwicklungen, die sein Sport nimmt, latent bedroht.

Krimihandlung rund um einen dubiosen Todesfall

Als die widerstreitenden Interessen früh gewaltsam kollidieren und David Winter auf offener Straße mutmaßlich von (russischen) Auftragskillern exekutiert wird, nimmt die etwas verworrene und schwer zu integrierende Krimihandlung der Serie ihren Lauf, die zu nicht recht glaubwürdigen Allianzen nötigt, als etwa Davids Partnerin Lea (Birgit Minichmayr) und Marcel (der zufällige Zeuge) ein Team zu Recherche und Infiltration bilden, das den Fall auf eigene Faust klären will.

Die innere Architektur der einzelnen Episoden gerät so leicht aus dem Lot, und man empfindet die zumeist in Berlin spielenden Szenen zwischen Lea und ihrer Kollegin Christina (Eva Mattes) als retardierende Momente ohne rechten dramaturgischen Zweck. Immerhin führen die gemeinsamen Ermittlungen des schrägen Paars letztendlich bis hinter die dicken Türen der WFA (sehr häufig im Bild) und zur direkten Konfrontation mit Leco. Die finale Auflösung hält dann nach einem heftigen Body-Count in Folge 6 für alle noch mehr oder weniger einschneidende Überraschungen parat.

Wo Überzeugungen zu Markte getragen werden

Darstellerisch gut bis sehr gut agieren Max von der Groeben und Raymond Thiry. Ersterer gibt den schnell zuschlagenden Proleten geradezu beängstigend lebensecht; Thiry wiederum, dem zusätzlich zu seinen Szenen im Amt eine (zu) ausführliche Homestory mit starker Frau (Marie-Lou Sellem) und pubertierendem Sohn zugedacht wurde, gewährt durchaus präzise Einblicke in die komplizierte Seelenlage eines geborenen Oberbosses. Die vielleicht etwas schlichte Lehre dieser späteren Episoden: Alle sind tief verfangen im Netz, versuchen in diese oder jene Richtung zu agieren, müssen allerdings vornehmlich reagieren und in unerfreulichem Quidproquo faule Kompromisse schließen.

Das Wahre, Schöne, Gute, welches der Sport im Leben darstellen sollte – es ist schon lange auf der Strecke geblieben. Und, wenig überraschend: Die Serie zeigt insbesondere das Exekutivkomitee der WFA als eine zugleich traurig und sehr wütend stimmende Versammlung eitler und hochgradig korrupter Männer (und einiger Frauen) aus allen Teilen der Welt, die für ein „Linsengericht“ (zum Beispiel eine dicke, teure Uhr) ihre Überzeugungen zu Markte tragen und so die nötigen Transformationsprozesse des Fußballsports von einer Freizeitgestaltung der englischen Arbeiterklasse (woran die Serie „The English Game“ unlängst nochmal erinnerte) hin zur internationalen Völkerverständigung und – möglicherweise – einem ersehnten Integrationsmotor hemmen und sabotieren.

Präzise Analyse

„Das Netz – Spiel am Abgrund“ ist ein achtbarer Versuch, aus dem motivischen Steinbruch, den der weltweite Profifußball mit seinen diversen Akteuren als Sujet darbietet, ein dramaturgisch halbwegs gerechtes Panorama zu entwickeln. Schnell erzählt durch geschickte Schnitte auf mehrere Ebenen, präzise auch in der Analyse des Systems Fußball und seiner Entartungen, schafft das Projekt insgesamt jedoch vor allem ein teilweise chaotisches Mosaikbild mit einzelnen gelungenen Szenen, doch ebenso viel unorganisierter Disparatheit. Wäre die Serie ein Fußballspiel, der Trainer hätte in der Kabine noch das eine oder andere zu besprechen.

Kommentar verfassen

Kommentieren