Scrooge: Ein Weihnachtsmusical

Animation | Großbritannien/USA 2022 | 96 Minuten

Regie: Stephen Donnelly

Neuadaption des unverwüstlichen Weihnachtsklassikers von Charles Dickens, in dem die wundersame Wandlung des grimmigen Menschenfeinds Ebenezer Scrooge zum lieben Mitmenschen durch die drei Geister der Weihnacht gefeiert wird. Der Film funktioniert als auf Gefühlsduselei abzielendes, die düsteren Elemente der Geschichte leicht abmilderndes animiertes Musical, das im Kern die Lieder aus Leslie Bricusses „Scrooge“ (1970) heranzieht und zeitgemäß-schmissig umarrangiert. Trotz der leicht verkitschten Musik eine visuell kreative Achterbahnfahrt, in der ältere Kinder zusammen mit ihren Eltern veranschaulicht bekommen, dass sich Mitmenschlichkeit nicht nur zu Weihnachten auszahlt. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
SCROOGE: A CHRISTMAS CAROL
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Stephen Donnelly
Buch
Stephen Donnelly
Musik
Jeremy Holland-Smith
Schnitt
Graham Silcock
Länge
96 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 10.
Genre
Animation | Familienfilm | Literaturverfilmung | Musical | Weihnachtsfilm

Animierte Musicaladaption nach Charles Dickens klassischer Weihnachtserzählung um einen zynischen Menschenfeind, der sich an Weihnachten mit Geistern auseinandersetzen muss.

Diskussion

Es ist die alte Geschichte, wie sie Charles Dickens erstmals in den 1840ern veröffentlichte und wie sie seitdem unzählige Male in Filmen adaptiert und variiert wurde: Ebenezer Scrooge ist immer noch der Geldverleiher und Menschenfeind, der seit sieben Jahren die Kanzlei seines zu Weihnachten verstorbenen Kompagnons Jacob Marley allein, aber unvermindert herzlos und effizient führt. Einzig Scrooges Neffe Fred, der alljährlich den erfolglosen Versuch startet, seinen Onkel zum Weihnachtfest einzuladen, heißt nun Harry. Da dieser freudentrunken und überschwänglich in den buntesten Farben animiert durchs vorweihnachtliche London tanzt und voller Inbrunst „Ich liebe Weihnachten“ singt, ist gleich ab der ersten Minute von „Scrooge – Ein Weihnachtsmusical“ klar, welchen Ton Stephen Donnelly (Adaption und Regie), Jeremy Holland-Smith (Komponist) und Gary Dunn (Charakter-Designer) anschlagen: Scrooge hin oder her, am Ende wird alles „splendid“.

Scrooge, Marleys Geist, Bob Cratchit & Tiny Tim

Sicher, wenn Ebenezer die Szenerie betritt, verdunkeln sich die Wolken, und die Räume werden noch ein wenig kälter, als sie im Kerzen- und kaum glimmenden Kaminschein ohnehin schon sind. Doch die Gesichtszüge des älteren, erstaunlich eleganten Herrn sind nicht ganz so verhärmt und bitter, wie sie Dickens in seinem Original beschreibt. Wenn er von Harry umtanzt wird, scheint weniger Boshaftigkeit sein Wesen zu beseelen als eher ein klein wenig Verzweiflung. Man möchte fast Mitleid mit dem derart bedrängten Mann haben, der jedes Jahr zu Weihnachten (und nicht nur dann) einfach nur seine Ruhe vor der nervigen Verwandtschaft haben möchte. Aber nur fast: dann ist der doch wieder der kaltschnäuzige Widerling, der seinem einzigen Mitarbeiter Bob Cratchit kurz vor Heiligabend noch die verschüttete Tinte vom kargen Lohn abzieht, wo wir doch wissen, dass bei diesem der kranke kleine Tim, seine vielen Geschwister und seine arme Mutter eh nur ein sehr karges Weihnachtsmahl erwarten.

Scrooge ahnt davon nichts, weil es ihn nicht interessiert. Aber das wird sich ändern. Jacob Marley wird aus dem Jenseits versuchen, seinen ehemaligen Kompagnon vor seinem eigenen Schicksal als reueloser Sünder zu bewahren und Scrooge die drei Geister der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Weihnacht auf den Hals schicken, die ihm zeigen, wie er war, ist und sein wird, wenn er sich nicht in diesen letzten Stunden vor Weihnachten von Grund auf ändert.

Actionreich und emotional mitreißend

Man sollte sich nicht vom ersten audiovisuellen Kitsch des Animationsfilms abschrecken lassen. „Scrooge – Das Weihnachtsmusical“ ist beileibe nicht so nervig, wie der singende, beschwingte Harry es in der ersten Gesangsnummer befürchten lässt. Wenn dann die Geister der Weihnacht Einzug halten und zusammen Scrooge ergründen, warum dieser so geworden ist, wie er ist, dann hat das durchaus vergnügliche und im Falle vom knöcherigen Kuttengeist der künftigen Weihnacht auch unheimlichere Züge. Das Animatorenteam geht dabei zwar nicht derart an die Grenze der Zartbesaiteten, wie es noch Robert Zemeckis („Zurück in die Zukunft“) tat, als er für Disney in „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ 2009 den Stoff bereits wunderbar schrecklich animierte. Aber zumindest sind die Bilderwelten des Stephen Donnelly nicht so geleckt, ungelenk und uninspiriert, wie sein Debütwerk „Monster High: Welcome to Monster High“ von 2016 vermuten lassen könnte.

Dass hier sichtlich versucht wird, eine Version des Dickens’schen „Christmas Carol“ zu schaffen, die für Klein und Groß gleichermaßen goutierbar ist, sorgt zwar dafür, dass die unangenehmeren Wesenszüge der Charaktere abgemildert werden, dafür sind aber die Abenteuer, die es in der Zeitreise ins Gewissen von Ebenezer Scrooge zu bestehen gilt, durchaus actionreich und emotional mitreißend.

In musikalischen Fußstapfen aus den 1970ern

Auch Komponist Jeremy Holland-Smith setzt mit seinem lieblichen Score eher auf Schmissigkeit als auf Grusel. Dabei musste er nicht bei null anfangen: 1970 inszenierte nämlich Ronald Neame bereits ein Musical namens „Scrooge“. Nicht animiert, sondern mit Albert Finney (Ebenezer) und Alec Guinness (Jacob Marley) kongenial und grimmig besetzt. Auch diese Version verstand es wunderbar, ihre Songs einer harten, fast schon realistisch gezeichneten Welt eines Londons mit all seiner (sozialen) Kälte des industrialisierten 19. Jahrhunderts entgegenzusetzen. Es stammt aus einer Zeit, in der in Hollywood und auch in Großbritannien von „West Side Story“ über „Oliver!“ bis hin zu „Hello Dolly“ die besten (Film-)Musicals aller Zeiten produziert wurden. Leslie Bricusse schrieb 1970 den Score und nicht weniger als 18 Nummern, von denen nun elf in die Score-Musik von Jeremy Holland-Smith hineinarrangiert wurden. Das macht sie (in der englischen Gesangsfassung) eingängiger, aber auch weniger raffiniert, als sie seinerzeit 1970 waren. Wer zum Vergleich das „Original“ sehen und den „Originalen“ lauschen möchte, dem sei die Fassung auf YouTube empfohlen, wo der Film im Original und in guter Qualität zu sehen ist. Ansonsten sind für kleine Kinder eher „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ (1992) und für Erwachsene „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ von Robert Zemeckis (2009) zu empfehlen. Im Kreise der gesamten Familie taugt indes durchaus die Netflix-Produktion von Stephen Donnelly, die mit leicht erhobenem Zeigefinger und Hang zu überbordender Gefühlsduselei zur frohen Weihnacht aufruft und daran erinnert, dass Mitmenschlichkeit unser höchstes Gut ist.

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