Drama | Argentinien/Mexiko 2022 | 106 Minuten

Regie: Natalia Beristaín

Eine alte Mexikanerin aus gehobenen Kreisen sucht verzweifelt nach ihrer Tochter, die vor neun Monaten spurlos verschwunden ist. Bei ihren Nachforschungen wird sie mit vielen Leichen, aber auch der Nachlässigkeit und dem Desinteresse staatlicher Stellen konfrontiert, die mit den Entführern nicht selten unter einer Decke zu stecken scheinen. Aber sie erfährt auch die Unterstützung anderer Frauen, da in Mexiko Tausende auf der Suche nach ihren Angehörigen sind. Ein atmosphärisch dichtes Drama, das als eine Art Road Movie durch ein zerrissenes Land voller Gewalt, Korruption und schreiender Ungerechtigkeit führt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
RUIDO
Produktionsland
Argentinien/Mexiko
Produktionsjahr
2022
Regie
Natalia Beristaín
Buch
Natalia Beristaín · Diego Enrique Osorno · Alo Valenzuela
Kamera
Dariela Ludlow
Musik
Pablo Chemor
Schnitt
Miguel Schverdfinger
Darsteller
Julieta Egurrola (Julia) · Teresa Ruiz (Abril Escobedo) · Arturo Beristáin (Arturo) · Kenya Cuevas · Jimena González
Länge
106 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Atmosphärisch dichtes Drama über eine Mexikanerin aus besseren Kreisen, die sich nicht damit abfinden will, dass ihre Tochter spurlos verschwunden ist.

Diskussion

Im Gesicht der 70-jährigen Frau spiegelt sich Müdigkeit, Verzweiflung und Wut. Es war wieder eine falsche Spur. Die Tote, die die Polizei gefunden hat, kann nicht ihre Tochter sein. Julia (Julieta Egurrola) ist fest entschlossen, weiter zu suchen. Wieder einmal hat ein Sachbearbeiter ihre Vermisstenanzeige nicht richtig gelesen, wieder spürt sie die Ablehnung, die Ignoranz und das gleichgültige Achselzucken der Polizisten. Seit neun Monaten ist Julias Tochter Ger verschwunden. Nach einer kurzen Urlaubsreise kehrte sie nicht zurück. Seither ist Julia auf der Suche. Das zehrt die alte Frau aus und konfrontiert sie fast täglich mit Mord, Vergewaltigung und Totschlag; der Staub und der Geruch der Verwesung bleiben in ihren Kleidern hängen. „Alles tut mir weh!“, klagt Julia.

Alles andere als ein Einzelfall

Während Gers Vater und ihr Bruder längst resigniert haben, wird Julia von der Journalistin Abril (Teresa Ruiz) unterstützt, die dabei ihr Leben riskiert. Bestärkung erfährt sie aber auch von Selbsthilfeorganisationen, in denen sich die zusammengeschlossen haben, die ihre verschwundenen Kinder oder Geschwister suchen. Plattformen wie „Voz y dignidad por los nuestros“ (Eine Stimme und Würde für die Unsrigen“), die Menschen wie Julia bei ihrer Suche unterstützen. Julia weiß, dass ihre Tochter kein Einzelfall ist. Seit 2006, dem Beginn des sogenannten Kriegs gegen den Drogenhandel, sind in Mexiko 90.000 Personen verschwunden. Menschen, von denen jede Spur fehlt und deren Schicksal bei staatlichen Stellen nur Desinteresse oder bürokratische Schikanen hervorruft.

Das Schicksal der „desaparecidos“, der Verschwundenen, ist ein wichtiges Thema im lateinamerikanischen Film und in der lateinamerikanischen Literatur. Doch während die Filme, die sich mit den Opfern der chilenischen und argentinischen Militärdiktaturen der 1970er- und 1980er-Jahre auseinandersetzen, etwa „Die offizielle Geschichte“ (1985) von Luis Puenzo oder „Garaje Olimpo“ (1999) von Marco Bechis, noch von einer politischen Haltung geprägt sind und Täter wie Opfer benennen, änderte sich diese Perspektive mit dem Drogen- und Bürgerkrieg in Kolumbien und seit 2006 auch im Umgang mit den Femiziden und anderen Massenmorden in Mexiko.

Das Amalgam aus mafiöser und staatlicher Gewalt, Korruption, Drogenhandel und dem Zerfall sozialer Strukturen ist noch komplizierter und vielschichtiger als die Aufarbeitung der Verbrechen der südamerikanischen Militärdiktaturen. Damit setzt sich etwa die mexikanische Regisseurin Fernanda Valadez in „Was geschah mit Bus 670?“ auseinander. Doch während es sich bei Valadez’ Protagonistin noch um eine Mutter aus fast ärmlichen Verhältnissen handelt, zeigt „Ruido“, dass die gesellschaftliche Gewalt auch die obere Mittelschicht in Mexiko erreicht hat.

Du bist nicht allein

Regisseurin Natalia Berestaín hat in ihrer eigenen Mutter, der mexikanischen Schauspielerin Julieta Egurrola, eine großartige Hauptdarstellerin gefunden. Die Kamera bleibt stets eng bei der Protagonistin und zeigt in grauen Herbstfarben, die so wenig mit tropisch-opulenten Mexiko-Klischees zu tun haben, zugleich die Hoffnungslosigkeit und die Auflösungsprozesse der Gesellschaft. Farben kommen mit den Demonstrationen der immer vehementer auftretenden feministischen Protestgruppen ins Bild. Auch das ist ein Teil von Julias Reise, ihr zögernder Blick auf den Protest, ihre Unentschlossenheit, das „Du bist nicht alleine!“ der jungen Frauen für sich zu akzeptieren. Zugleich aber spürt sie, dass der Versuch, das Verschwinden eines geliebten Menschen als persönliches Schicksal bewältigen zu wollen, in die Sackgasse führt.

„Ruido“ ist ein Road Movie der besonderen Art. Der Film entwirft Julias verzweifelte Suche weder als Thriller noch als familiäres Melodrama, sondern überzeugt vor allem durch seine atmosphärische Dichte. Julia reist durch ein zerrissenes Land voller Ungerechtigkeit und Gewalt. Immer wieder wird sie dabei mit den schleppenden polizeilichen Ermittlungen, der Korruption im Sicherheitsapparat und der Verwaltung sowie der Komplizenschaft von Polizei und Justiz mit den Mördern konfrontiert. Bewaffnete Polizisten und Sicherheitskräfte werden dabei immer mehr zur Metapher für eine Gesellschaft, die einen brutalen Kampf gegen sich selbst führt und durch Gewalt und Straflosigkeit geradezu gelähmt ist.

Der Titel des Films, „Ruido“, Lärm, bezieht sich auf den Antagonismus von privatem und kollektivem Schmerz, auf die Lärmempfindlichkeit der Protagonistin, ihren Tinnitus und die Disharmonie, die sie überall spürt, aber auch auf den Lärm der Demonstrantinnen und Selbsthilfeorganisationen, die schreien und trommeln, damit die Gesellschaft die Verschwundenen nicht verdrängt und vergisst.

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