Satire | Saudi-Arabien 2023 | 118 Minuten

Regie: Fahad Alammari

In vier Episoden entfaltet sich eine Sittenkomödie über Alltagsglauben, Konventionen, Tradition und Modernisierung im gegenwärtigen Saudi-Arabien. Viermal eskalieren kleine Lügen und Vergehen zu mittelschweren Katastrophen. Dabei ist die Umsetzung so sehr darum bemüht, handwerklich auf neuestem technischem Stand zu sein, dass die eigentliche Inszenierung darunter leidet und mitunter schwerfällig wirkt. Die Geschichten über Schuld und Sühne, die auf einer Web-Serie basieren, werden immer dann interessant, wenn die Strafe noch auf sich warten lässt und subversive Momente die narrative Starrheit aufbrechen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ALKHALLAT+
Produktionsland
Saudi-Arabien
Produktionsjahr
2023
Regie
Fahad Alammari
Buch
Mohammed Algarawi
Darsteller
Fahad Albutairi (Faysal) · Suhaib Godus (Dieb) · Ismail Alhassan (Yehia) · Ziyad Alamri (Saud Al Hanuni) · Fouz Alabdullah (Sara Khambouly)
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Satire

Vier satirische Geschichten um Betrügereien und Täuschungen aus dem gegenwärtigen Saudi-Arabien, in denen kleine Lügen und Vergehen zu mittelschweren Katastrophen eskalieren.

Diskussion

Saudi-Arabien greift nach der Zukunft. Wer die Träume des Königreichs verstehen will, sollte sich vor allem seine ambitionierten Städtebauprojekte ansehen. Etwa die riesige Planmetropole Neom, die nur mit Solar- und Windenergie betrieben und vollständig von Robotern bedient werden soll. Ein Teil des Projekts ist auch die Bandstadt The Line, eine wie der Name schon sagt fast zweidimensionale Linie in der Wüste. 170 Kilometer schnurgerade Urbanität, die in maximal künstlicher Form eine Schneise von der Küste bis ins Zentrum des Landes schlägt. Hier hat alles seinen Platz; aus tausend möglichen Pfaden werden zwei.

Ebenfalls eine Art Pionierprojekt ist die erste Netflix-Produktion aus Saudi-Arabien mit dem Namen „Alkhallat+“. Und auch hier herrscht eine gewisse Sehnsucht vor, das Chaos der Welt zu ordnen und die Zahl der Möglichkeiten zu reduzieren. Aus der Web-Serie „Alkhallat“ mit 22 Episoden wird das Langfilmdebüt von Regisseur Fahad Alammari, das über knapp zwei Stunden Laufzeit vier halbstündige Kurzgeschichten erzählt. Viermal eskalieren kleine Lügen zu mittelschweren Katastrophen. Die Sittenkomödie zeigt Menschen, die die vorgegebenen Pfade verlassen und so in hochnotpeinliche Situationen geraten. Es ist kein Spoiler, sondern nur die Ausformulierung der zentralen These des Films, wenn man ergänzt: Diese Grenzgänge scheitern auf ganzer Linie. Auf der arabischen Halbinsel werden selbst kleine Übertritte bestraft. Der Reiz des Films liegt in der vorübergehenden Unordnung zwischen Verbrechen und Strafe.

Über die Ambivalenz von Konventionen

Um tatsächliche Straftaten geht es nur im ersten Kapitel. Es erzählt von chaotischen Hochzeitsvorbereitungen. Wild fegt die Kamera in langen Fahrten zwischen den Gästen umher. Einer will sich eine Zigarette genehmigen, schleicht sich dafür aus dem Haus, zu seinem Auto – nur, um Auge in Auge mit dem Mann zu stehen, der gerade mit drei Komplizen seine Reifen stehlen will. Einen kann er aufhalten und einsperren, doch dann mischen sich die anderen Diebe unter die Hochzeitsgäste, um ihren Kumpel zu befreien, bevor die Polizei eintrifft.

Eine Erzählung über die Ambivalenz von Konventionen. Die schaffen einerseits Ordnung, machen aber auch jenen, die sich nicht an sie gebunden fühlen, das Leben leichter. Wie so oft im Film werden Rollenwechsel vollzogen; die Figuren schaffen sich künstliche Identitäten. Einer der Diebe gibt sich als Kellner aus und freundet sich mit dem Bräutigam an, ein anderer behauptet, Anwalt zu sein. Der Humor des Films hat immer damit zu tun, wie die eilig aufgebauten Kartenhäuser wieder zusammenstürzen. Doch das Ganze ist kein reines Konversationsstück, kleine Verfolgungsjagden und Spannungsmomente unterbrechen die Dialogsequenzen.

Neom-Kino

Leider merkt man sehr schnell, dass Regisseur Alammari sich zu oft auf die immer gleichen Inszenierungsstrategien verlässt. Die vielen Drohnenaufnahmen etwa wollen sich nie ganz ins Geschehen fügen, sondern drücken nur aus, dass hier auf dem aktuellen technischen Stand gearbeitet wird. Actionszenen werden oft etwas behäbig aus vielen gleichförmigen Totalen zusammengesetzt. Selbst da, wo die Figuren hektisch bis überfordert sind, strahlen die Bilder eine große Trägheit aus. Neom-Kino, das meist auf eng gesetzten Pfaden wandert. Nur das Spiel mit der Tiefenschärfe und einige pointiert eingesetzte Schwenks brechen die visuelle Monotonie auf.

Etwa im zweiten Kapitel, in dem eine Kellnerin in einem Luxusrestaurant aus Versehen den Eltern des Besitzers absagt, damit ihre eigenen Angehörigen einen der begehrten Tische erhalten. Jetzt muss sie die zerstrittenen Eheleute bewirten, aber auch den ewig grimmigen Koch und ihre Arbeitgeber zufriedenstellen, ohne dass ihr Versehen auffliegt.

Viele der Situationen des Films erinnern an Screwball-Komödien, auch wenn nie ein vergleichbares Level an Rasanz und Esprit erreicht wird. Interessant ist hingegen, wie sich kulturelle Eigenheiten in die Genre-Standards einschreiben. Mehrfach wird mit der verschleiernden Wirkung des Niqabs gearbeitet, die viele Gefühlsregungen unsichtbar macht. Die Wut einer frustrierten Ehefrau wird lustiger, wenn sie fast unsichtbar und doch ganz und gar offensichtlich ist. Neben dem Überraschenden ist eben auch das Unvermeidbare eine Domäne der Comedy.

Subversive Momente

In den letzten beiden Kapiteln wird der Ton des Films etwas düsterer. Im dritten stirbt ein Mann bei einem Autounfall, und ein Freund versucht mit dem Handy des Toten dessen Affäre vor seiner Ehefrau zu verheimlichen. Stimmungsvolle Bildkompositionen mit Spiegeln und den effektvollen Ventilatoren des Leichenhauses erzeugen Horror-Atmosphäre. Im letzten Abschnitt versucht ein knauseriger Familienvater, seine Kinder gratis mit ins Hotel zu schmuggeln – und vor seiner Frau geheim zu halten, dass auch ein Nachtclub Teil des Gebäudes ist. Doch wer den Bestrafungswillen der ersten Filmhälfte kennt, wird von den Dramaturgien der zweiten nicht mehr überrascht sein.

Bei allen in narrativer Hinsicht starren Linien gibt es jedoch immer wieder angenehm subversive Momente. Wo die großen Bewegungen missglücken, überzeugen Details. „Eure Generation ist so verdorben!“, schimpft ausgerechnet ein Autodieb über eine Gruppe von Kindern. „Ich befehle dir, der Anführer zu sein!“, werden die Machtverhältnisse in einer Szene wild durchmischt.

Manchmal gehen Ermächtigung und Entmachtung eben Hand in Hand. Jede Kraft, die ordnet, fordert das Ungeformte heraus. Gerade die Sprache des Films wirkt oft verschleiert und pfadabhängig. Verweise auf Allah bestimmen jeden Dialog. Stoßgebete, Segen und Flüche füllen die Lücken aller Kommunikation. Alle, die sich im Moment wenig gottgefällig verhalten, führt seinen Namen im Mund. „Alkhallat+“ handelt deshalb auch von alltäglicher Scheinheiligkeit – von den Widersprüchen, die starre Tradition in einer ultrareichen Exzess-Nation provoziert. Wer einen mathematischen Vektor durch die wilde Natur zieht, beseitigt sie dadurch nicht, sondern betont den Kontrast. Und ein Kontrast ist eben immer auch eine Alternative. Tausend Himmelsrichtungen als Gegenstück zur stumpfen Bewegung entlang einer Linie.

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