Hunde, die bellen, beißen nicht

Komödie | Südkorea 2000 | 110 Minuten

Regie: Bong Joon-ho

Ein arbeitsloser Hochschullehrer greift zu drastischen Maßnahmen, als ihm das Gebell der Hunde vor seiner Wohnung zunehmend auf die Nerven geht. Damit löst er eine Kettenreaktion aus, die für eskalierendes Chaos in einem ärmlichen südkoreanischen Wohnblock sorgt. Die schwarze Komödie über die südkoreanische Unterschicht und ihre Aufstiegsträume ist der Debütfilm von Filmemacher Bong Joon-ho; sie setzt sich aus kleinen Episoden und Ereignissen zusammen und erzählt vom Teufelskreis der Armut, Korruption und kleinen solidarischen Gesten, die sich der Grausamkeit der Welt entgegenstellen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
FLANDERSUI GAE
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2000
Regie
Bong Joon-ho
Buch
Bong Joon-ho · Song Ji-ho · Derek Son Tae-woong
Kamera
Jo Yeong-gyu
Musik
Jo Sung-Woo
Schnitt
Lee Eun Soo
Darsteller
Lee Sung-jae (Yun-ju) · Doona Bae (Hyun-nam) · Kim Ho-jung (Eun-sil) · Byun Hee-bong (Hausmeister) · Go Su-hee (Jang-mi)
Länge
110 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Komödie

Der Debütfilm von Bong Joon-ho: Die Entführung eines Hundes sorgt für eskalierendes Chaos in einem ärmlichen südkoreanischen Wohnblock.

Diskussion

Der Behaviorismus der 1950er-Jahre mit klaren Reiz-/Reaktion-Schemata und der Vorstellung vom Menschen als Blackbox gilt schon lange als überholt. Doch ein Teil der Geschichte vom vollständig konditionierbaren Subjekt ist bis heute erhalten geblieben. Eine diffuse Angst vor Manipulation und einem Dasein nicht als mündiger Bürger, sondern als pawlowscher Hund. In einer späten Szene von Bong Joon-hos Debütfilm „Hunde, die bellen, beißen nicht“ aus dem Jahr 2000 beginnt in einem Hörsaal gerade ein Vortrag zum „Neuen Behaviorismus“. Er wird nicht gezeigt, aber das ist auch gar nicht notwendig. Denn alles, was es dort zu sagen gäbe, haben die ersten hundert Filmminuten schon vorweggenommen. Bereits 20 Jahre vor seinem Welt- und „Oscar“-Erfolg mit „Parasite“ erzählte der Filmemacher von der Armut in seiner Heimat Südkorea. Von Menschen, die einander wie Tiere behandeln, und von der erratischen Verzweiflung marginalisierter Leben.

Hundeleben

Der Dozent, der den Vortrag über Verhaltenstheorie hält, ist Yun-ju (Lee Sung-jae). Gemeinsam mit seiner schwangeren Ehefrau Eun-sil (Kim Ho-jung) lebt er in einem heruntergekommenen Wohnkomplex. Er verdient so wenig, dass sie noch mit Babybauch einer unliebsamen Arbeit nachgehen muss, und ihre Beziehung leidet sichtlich unter ihren materiellen Verhältnissen. Yun-ju hofft auf eine Professur, doch ohne saftiges Bestechungsgeld kommt er dabei keinen Schritt voran. Es ist nicht gut um seine Psyche bestellt, und eines Tages dreht er durch. Weil ihn das ewige Bellen aus einer anliegenden Wohnung in den Wahnsinn treibt, entführt er kurzerhand das Schoßhündchen einer Nachbarin, einen Shih Tzu.

Die zweite Hauptfigur ist Park Hyun-nam (Doona Bae), die durchs Leben treibende Buchhalterin des Komplexes. Ihre Arbeitszeit verbringt sie am liebsten am Telefon mit ihrer besten Freundin, der Kiosk-Besitzerin Yoon Jang-mi (Go Soo-hee). Als ein kleines Mädchen auf der Suche nach seinem verlorenen Hund in das Verwaltungsbüro kommt, macht Hyun-nam die Suche zu ihrem Auftrag. Dabei heftet sie sich auch an die Fersen von Yun-ju, der es nicht bei einer Hunde-Entführung belassen wird.

Leichen stecken in den Wänden

Eigentlich verbindet man mit Bong Joon-ho einen präzisen Erzählapparat, aber gerade Filme wie „Memories of Murder“ oder „Mother“ haben auch immer wieder abschweifende Sequenzen, in denen sie sich einfach dem Fluss der Ereignisse hingeben. Im Debüt ist diese Tendenz am stärksten ausgeprägt. Der Plot kennt kein allzu klares Ziel, es werden eher Ereignisse aufaddiert und ein Milieu geformt. Ein wenig willkürlich werden Genre-Codes wie Register gezogen, und plötzlich steckt Park Hyun-nam in einer Coming-of-Age-Geschichte oder Yun-ju in einer Horrorkomödie. Fast vignettenhaft wirkt es, wenn wir in einem Keller minutenlang einem Freund des Hausmeisters zuhören, wie er die Geistergeschichte von „Kessel-Kim“ erzählt.

Der soll Baupfusch am Gebäude festgestellt haben und dafür von den Arbeitern eingemauert worden sein. Was wie ein kurioser Schlenker wirkt, fügt sich doch in das Gesamtbild ein, das Bong Joon-ho zeichnen will: Architektur als Schicksal, aktive Ghettoisierung, die Leichen stecken schon in den Wänden. Keller und Tunnel bieten in seinem Kino immer Schutzräume. Beiläufig wird erwähnt, das Gebäude wäre im Rahmen des Bau-Booms im Jahre 1988 entstanden. Im Jahr, in dem Südkorea die Olympischen Sommerspiele abhält, will die Regierung zwei Millionen Wohneinheiten bauen. Wie der Autor Hyungmin Pai in seinem Aufsatz Architecture as perpetual crisis: the constantly evolving architecture of South Korea schreibt: „Damals stellte [der schnelle Bau von Wohneinheiten] den räumlichen Mechanismus für den Aufstieg der koreanischen Mittelschicht dar, heute jedoch ist das der Hintergrund wachsender Ungleichheit, die das Gefüge der koreanischen Gesellschaft zu zerreißen droht.“ Die Macht des Gebäudes zeigt sich gleich in einer der ersten Einstellungen, in der es sich gewaltig über Yun-ju türmt wie eine riesige Skinner-Box.

Kampf um Freiräume

Doch die Figuren wirken nicht, als wären sie leicht abzurichten. Sie sind unberechenbare Chaoten, die sich Freiräume erkämpfen. Bong zeigt das auf originelle Weise. Er interessiert sich (eigentlich ganz behavioristisch) nur indirekt für ihr psychologisches Innenleben, dafür aber umso stärker für die Art, wie sie sich durch die Welt bewegen. Für ihr Schlurfen und Schlendern, fernab jedes Fabrik-Rhythmus. Für die Sprungkicks, die sich wie ein Markenzeichen durch seine Filme ziehen. In seinem oft sehr ernsthaften Slapstick-Kino bringt jeder Angriff aus dem Gleichgewicht. Es wird permanent gerannt, meist sehr ungelenk, mehrere Verfolgungsjagden ordnen den Film. Eine endet für Hyun-nam damit, dass sie gegen eine Tür läuft und steif wie ein Brett nach hinten umkippt, fast wie Figuren in einem Bugs-Bunny-Cartoon.

Ohnehin trägt alles im Film eine leicht überzeichnete Comic-Aura. Bong drängt zur Zuspitzung, zur zornigen Karikatur der Welt. Wenn Yun-ju spazieren geht, wird gerade Insektenvernichtungsmittel gespritzt, und er läuft durch die weißen Schwaden wie durch Tränengas. Und wenn Hyun-nam zu einem heroischen Akt ansetzt, platziert der Regisseur auf den Dächern hinter ihr jubelnde Fans und Konfetti. Die Weltsicht des Films ist düster, seine Bilder hingegen manisch.

Sanfte Augenblicke

Bong Joon-hos Stil ist in diesem Debüt eigentlich schon vollständig vorhanden, er wird ihn in späteren Filmen nur noch weiter ausdifferenzieren. Was „Hunde, die bellen, beißen nicht“ jedoch fehlt, sind ein wenig die großen Pointen. Während Filme wie „Snowpiercer“ oder „Parasite“ klar in einem neuen Zustand kulminieren, bleibt das Debüt immer ein wenig subtiler und verworrener. Da sind noch keine neuen Welten, keine Monster, Revolutionen und Katastrophen. Dafür sanfte Augenblicke. Eine Intimität, die spätere Filme nicht immer aufbringen. Etwa Park Hyun-nam und Yoon Jang-mi auf Streifzug durch die Nacht, ein wenig angetrunken, sie lallen und kichern. Die Welt liebt sie nicht, und sie wissen nicht, wie sie sich dafür rächen können. Schließlich treten sie einen Autospiegel ab. Sinnlose, vor allem hilflose Zerstörungswut. Später schlafen sie in der Bahn ein, Arm in Arm, und halten den Spiegel gemeinsam in ihren Händen wie einen kostbaren Schatz. Man hat ihnen nichts geschenkt; selbst ihre Freundschaft haben sie gestohlen

Kommentar verfassen

Kommentieren