Dokumentarfilm | Kanada/Deutschland/Myanmar 2022 | 92 Minuten

Regie: Snow Hnin Ei Hlaing

Der Dokumentarfilm begleitet eine buddhistische Hebamme und ihre muslimische Auszubildende im Bundesstaat Rakhine in Myanmar, die ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft miteinander kooperieren, während im Umfeld schwere Kämpfe zwischen Rebellen und Armee wüten. In einer Art Doppelporträt schildert der Film abwechselnd die Lebensumstände der beiden Frauen und bettet ihre Geschichten in den politischen und sozialen Kontext einer systematischen Verfolgung der Rohingya ein. Der Widerstand der Frauen im Alltag und ihr Beharren auf Kooperation setzt angesichts der grassierenden Feindseligkeiten unter dem Militärregime ein Signal der Hoffnung. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
MIDWIVES
Produktionsland
Kanada/Deutschland/Myanmar
Produktionsjahr
2022
Regie
Snow Hnin Ei Hlaing
Buch
Snow Hnin Ei Hlaing
Kamera
Soe Kyaw Htin Tun
Musik
Olivier Alary · Johannes Malfatti
Schnitt
Mila Aung-Thwin · Snow Hnin Ei Hlaing · Ryan Mullins
Länge
92 Minuten
Kinostart
26.01.2023
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Diskussion

Hla ist eine erfahrene buddhistische Hebamme, die in einem Dorf im Bundesstaat Rakhine im Westen von Myanmar eine kleine Krankenstation betreibt. Dort versorgt sie trotz eindringlicher Drohungen auch Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya, die in Myanmar einer systematischen Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt sind. Hla bildet die junge Rohingya Nyo Nyo zur Hebamme aus, die wiederum bei den muslimischen Patient:innen als Dolmetscherin aushilft. Obwohl die Familie von Nyo Nyo seit Generationen in Rakhine lebt, werden Nyo Nyo, ihr Mann und ihre beiden Söhne noch immer als Eindringlinge betrachtet. Die Rohingya müssen sich sogar den Vorwurf anhören, sie seien „muslimische Terroristen“.

Ein eigenwilliges Duo

Hla und Nyo Nyo bilden ein ungleiches Paar, dessen enge Freundschaft keineswegs konfliktfrei ist. Die engagierte Hebamme versteht ihr Handwerk, führt gegenüber ihrer Kundschaft jedoch ein strenges Regiment und greift schon mal zu drastischen Formulierungen, um Nyo zu schelten und zu besseren Leistungen anstacheln. Die junge Muslima erträgt die Äußerungen der dominanten Gründerin der Mini-Klinik, weil sie ihrer verfolgten Volksgruppe helfen möchte. Nyo, die mit ihrem Mann in einer Behelfsschule die einheimischen Kinder unterrichtet, träumt davon, zu ihrer Schwester in die Hauptstadt Rangun zu ziehen. Doch eine dritte Schwangerschaft verhindert das.

Als die Behörden wegen Unruhen die Krankenstation und andere Einrichtungen schließen, muss Hla improvisieren und verkauft im Hinterhof Fische. Um ihrer Volksgruppe zu helfen, entwickelt Nyo schließlich die Idee, eine eigene Gesundheitsstation zu eröffnen. Wegen eines Planungsfehlers droht das Vorhaben jedoch zu scheitern. Hla aber verärgert allein schon Nyos emanzipatorischer Plan, sodass sie trotz des freundschaftlichen Verhältnisses zu rassistischen Kommentaren greift.

Im Lauf des Films tritt Nyo zunehmend aus dem Schatten ihrer Lehrherrin und nimmt auch mehr Leinwandzeit ein; parallel dazu räumt der Film auch der bitteren Lage ihrer Ethnie größeres Gewicht ein.

Einblicke in eine abgeschottete Region

Die Regisseurin Snow Hnin Ei Hlaing stammt aus Rakhine und hat in Myanmar und Deutschland Film studiert. „Midwives“ entstand über einen Zeitraum von sechs Jahren, teils unter lebensgefährlichen Umständen, weil die Filmemacherin und ihr Kameramann eine Route mit Kontrollpunkten des Militärs benutzen mussten, um zu dem Dorf zu gelangen. Eine Drehgenehmigung hatten sie nicht. Die letzten Aufnahmen wurden nach dem Militärputsch von 2021 gemacht. Der Film ermöglicht Einblicke in eine abgeschottete Region, die für Journalisten oder ausländische Filmschaffende zeitweise verboten war.

„Midwives“ bettet die Geschichte der beiden Frauen sorgfältig in den politischen und sozialen Kontext ein. Schon zu Beginn skizzieren Inserts die Vorgeschichte der Unterdrückung. 2016 begann eine Welle der Gewalt gegen die Minderheit; das Militär zündete Dörfer an und tötete Zehntausende. Fast eine Million Rohingya flohen ins Ausland und leben seither zumeist in Flüchtlingslagern im benachbarten Bangladesch.

Aus den Dialogen erfährt man, dass der Staat den Rohingya 1982 das Recht auf Staatsbürgerschaft entzogen hat; für eine Reise nach Rangun benötigen sie ein Visum; ihre Kinder dürfen keine staatlichen Schulen besuchen. Mehrmals werden Bilder von Protestmärschen gezeigt, auf denen aufgebrachte Teilnehmer feindliche Parolen gegen Muslime skandieren, die als „illegale Einwanderer“ verunglimpft werden. Nyo wiederum ist angewidert davon, dass Buddhisten ihre Ethnie als „Kalar“, als Farbige, herabwürdigen.

Wiederholt sieht man am Horizont Explosionen, hört Schüsse und vorbeidonnernde Kampfjets, die von den Gefechten zwischen Armee und Aufständischen zeugen. Fernsehausschnitte berichten vom Putsch des Militärs unter General Min Aung Hlaing, der die scheindemokratische Phase unter Leitung der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi im Februar 2021 beendete. Bei landesweiten Protesten kamen laut Abspann 1300 unbewaffnete Demonstranten, darunter 50 Kinder, zu Tode; zudem gab es 11.120 Festnahmen.

Momente der Auflockerung

Angesichts dieser Fülle an Problem und all der Tristesse sind Sequenzen der Auflockerung willkommen. So schweift der Blick der Kamera gerne aus den Innenräumen in die Landschaft mit weiten Reisfeldern und Tempelbergen hinaus, die manchmal aus Nebelschwaden herausragen. Ruhigere Szenen, etwa in der Familie Nyos, bei medizinischen Behandlungen oder mit spielenden Kindern, werden manchmal mit sanften Musikakzenten unterlegt und sorgen dann für Momente des Innehaltens.

Manche Hintergründe bleiben dennoch im Unklaren. Warum sind etwa viele Rohingya trotz der gravierenden Anfeindungen im Land geblieben? Und wie können sie angesichts der prekären Bedingungen ihre Existenz sichern, wenn sie sich im Land nicht frei bewegen dürfen? Unterscheidet sich die Lage in Rakhine von der in den 13 anderen Bundesstaaten?

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