Thriller | USA 2023 | 113 Minuten

Regie: Matt Ruskin

Eine ehrgeizige Journalistin, die in ihrer männerdominierten Redaktion chronisch unterschätzt wird, ist im Boston der 1960er-Jahre einem Serienkiller auf der Spur; dabei bekommt sie eine erfahrene Reporterin zur Seite gestellt. Als jedoch jeder Hinweis nur tiefer in ein Labyrinth aus weiteren Indizien zu führen scheint, beginnt der Fall zu einer Belastung für alle Beteiligten zu werden. Handwerklich solider Thriller nach einem realen Fall, der den Ermittlungsverlauf aufrollt und zugleich die Situation der Journalistinnen in einem patriarchalen Umfeld beleuchten will, dabei aber wenig Gespür für die Zeit beweist und auch den psychischen Druck auf die Protagonistinnen nicht wirklich ausloten kann. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
BOSTON STRANGLER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2023
Regie
Matt Ruskin
Buch
Matt Ruskin
Kamera
Ben Kutchins
Musik
Paul Leonard-Morgan
Schnitt
Anne McCabe
Darsteller
Keira Knightley (Loretta McLaughlin) · Carrie Coon (Jean Cole) · Chris Cooper (Jack Maclaine) · Alessandro Nivola (Detective Conley) · Rory Cochrane (Detective DeLine)
Länge
113 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Thriller

True-Crime-Thriller über zwei Journalistinnen, die die Geschichte der sogenannten „Boston Strangler“-Morde in den 1960er-Jahren aufdeckten.

Diskussion

Zunächst hat alles noch seine patriarchale Ordnung, jeder seinen Platz und seine Aufgabe im Verhältnis der Geschlechter. Die Männer in der Redaktion kümmern sich selbstverständlich um die großen politischen Themen und die gefährliche Welt des Verbrechens, während die Frauen Toaster testen und Lifestyle-Themen hübsch machen sollen. Dann häufen sich im Juni 1962 rätselhafte Morde an Frauen. Innerhalb von zwei Wochen hat es vier Leichen gegeben, und ausgerechnet die engagierte Journalistin Loretta McLaughlin (Keira Knightley) glaubt eine Verbindung zwischen den Taten zu erkennen: Gut möglich, dass es ein und derselbe Täter war.

Nach anfänglichem Zögern erlaubt ihr der Chefredakteur Jack Maclaine (Chris Cooper), der Sache in ihrer Freizeit nachzugehen. Und tatsächlich fördert die ehrgeizige Frau neue Fakten an die Oberfläche, von denen vor allem die Bostoner Polizei wenig begeistert ist. Als der politische Druck zunimmt, sich aber auch die Fakten nicht länger leugnen lassen, stellt Jack ihr die erfahrene Reporterin Jean Cole (Carrie Coon) zur Seite. Je näher die beiden Frauen der vermeintlichen Aufklärung in ihren zähen Ermittlungen näherkommen, desto mehr wird der Würger von Boston zu einem Gespenst, das sich auch im Privatleben der Journalistinnen breitmacht.

In den Fußspuren von David Finchers „Zodiac“

Die Geschichte von „Boston Strangler“ basiert auf einem wahren Fall. Ebenso hat es die beiden Journalistinnen Loretta McLaughlin und Jean Cole wirklich gegeben. Wer sich jedoch einen kleinen Funken Spaß an diesem Film erhalten möchte, sollte im Vorfeld keine große Recherche anstellen. Denn auch so ist die Auflösung der Geschichte insgesamt wenig überraschend. Wobei man dem Film zugutehalten muss, dass es Regisseur Matt Ruskin ohnehin nicht um „Whodunit“-Suspense gegangen sein dürfte. Vielmehr steht die Frage im Raum, was ein Verbrechen mit den Personen macht, die an seiner Aufklärung beteiligt sind.

Das Vorbild für die Disney+-Produktion ist eindeutig David FinchersZodiac, der hinsichtlich Atmosphäre und untergründiger Spannung jedoch eine Klasse für sich ist. Fincher gelingt, was in „Boston Strangler“ einfach nicht aufkommen will: ein Gefühl für die Figuren, ihre eigene Zeit, ihren dramaturgischen Raum, dem eine Dauer zugesprochen wird. Man kann in „Zodiac“ förmlich sehen, wie sich der Schatten, den die Mordserie wirft, ausbreitet und die Seelen der Menschen vergiftet. Bei Ruskin hingegen hetzt der Film durch die klassische Ermittlungsarbeit. Da werden Zeugen befragt, Archive durchforstet und Verdächtige interviewt. Für das Drama passen erzählte Zeit und Erzählzeit nicht zusammen. Zwar finden Sprünge in der Zeit statt. Von großen Veränderungen ist aber nichts zu sehen. Das eingeblendete Vergehen der Zeit bleibt eine Behauptung, wie auch die Probleme, das Leiden der Figuren an diesem labyrinthischen Fall nicht spürbar gemacht werden.

Da gibt Lorettas Mann zu Beginn noch den verständnisvollen Ehepartner, nur um sich dann in klassischen, unendlich oft gesehenen Szenen als gekränkter Ernährer der Familie aufzuspielen, der mit den beruflichen Ambitionen und dem Freiheitsdrang seiner Frau nicht mehr zurechtkommt. Dabei aber bringt „Boston Strangler“ den familiären Raum nicht wirklich zum Klingen. Lorettas Familienleben wirkt ebenso hastig in den Rhythmus der Ermittlung montiert wie der Alkoholismus von Jeans Ehemann. Allein, es folgt daraus nichts.

Selbst die feministische Perspektive, die der Film sehr bemüht einnehmen möchte, reicht nicht über einen naiven Liberalismus hinaus: Auch Frauen können die Jobs der Männer machen. Das ist richtig. Für unsere Gegenwart allerdings als Aussage deutlich zu wenig. Welchen Preis zahlen die Individuen, die ja niemals unabhängig von den gesellschaftlichen Strukturen agieren können? Dieser Frage gelte es im Privatleben von Loretta und Jean nachzuspüren, statt die klassischen Stationen eines Journalismus-Ermittler-Plots abzuarbeiten.

Über all diese Unzulänglichkeiten kann auch der aufdringlich-grünstichige Filter nicht hinwegtäuschen, der den abgedroschenen Bildern wohl ein Retro-Flair und den Hauch von Kino geben soll, der sonst an allen Ecken und Ende fehlt. So bleibt „Boston Strangler“ stromlinienförmiger Streaming-Content, mit dem man gut einen Abend rumbringen kann, der aber schnell vergessen ist.

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