Komödie | USA 2023 | 116 Minuten

Regie: Richard Linklater

Ein unauffälliger Uni-Dozent arbeitet in einem kuriosen Zweitjob für ein Team der Polizei, das hinter Menschen her ist, die einen Auftragskiller anheuern wollen. Als er in der Rolle eines Profikillers eine Frau kennenlernt, die ihren Ehemann loswerden will, gerät er in Verwicklungen, bei denen er bislang ungeahnte Seiten an sich selbst entdeckt. Eine absurde Krimi- und Verwechslungskomödie um die Wechselbeziehung von Schein und Sein, in der sich Rollenzuschreibungen als formbare Ressource entpuppen. Getragen wird der mit viel Gespür für aberwitzige Situationskomik inszenierte Film von einem hervorragenden Hauptdarsteller. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
HIT MAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2023
Produktionsfirma
AGC Studios/Detour Filmprod./Aggregate Films/BarnStorm Prod.
Regie
Richard Linklater
Buch
Richard Linklater · Glen Powell
Kamera
Shane F. Kelly
Musik
Graham Reynolds
Schnitt
Sandra Adair
Darsteller
Glen Powell (Gary Johnson) · Adria Arjona (Madison Figueroa Masters) · Austin Amelio (Jasper) · Retta (Claudette) · Sanjay Rao (Phil)
Länge
116 Minuten
Kinostart
04.07.2024
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Komödie | Krimi
Externe Links
IMDb | TMDB

Krimikomödie um einen Uni-Dozenten, der für die Polizei als Lockvogel einen Auftragskiller mimt und irgendwann nicht mehr weiß, welche Rolle ihm besser gefällt.

Diskussion

Es gibt Filme, die so gut sind, dass man lange nicht merkt, wie gut sie wirklich sind. Weil man in der Welt, die sie entwerfen, viel zu sehr zu Hause ist, als dass man viele Gedanken auf ihre brillante Konstruktion verschwenden würde. Richard Linklaters „A Killer Romance“ ist so ein Film. Die Geschichte, die er erzählt, meint man so oder ähnlich schon tausendmal gesehen zu haben – filmhistorisch ist sie vermutlich in erster Linie auf Alfred Hitchcock zurückzuführen. Ein junger Mann, Gary (Glen Powell), Typ Normalo mit Hang zum Einzelgängertum, wird in eine wilde Räuberpistole um Mord, Erpressung und Eifersucht hineingezogen und entdeckt dabei an sich selbst Seiten, die er vorher nicht gekannt hatte.

Genauer gesagt, und hier beginnt bereits die Brillanz von „A Killer Romance“, entdeckt er diese neuen Seiten nicht nur, sondern gibt ihnen auch einen Namen. Wenn er sich im Auftrag der Polizei als Auftragskiller ausgibt, um potenzielle Kunden dingfest zu machen, nennt er sich Ron. Dieser Ron ist im Unterschied zu Gary, der im Hauptberuf an der Universität Philosophie und Psychologie unterrichtet, kein Normalo, sondern die Verkörperung der Fantasien jener, die auf die Idee kommen, einen Auftragskiller anzuheuern. Dem bärtigen Redneck mit Waffenfetisch begegnet er als tätowierter Outlaw, der mittelalten „Trophy Wife“, die sich angesichts von Eheproblemen um ihren Luxuslebensstil sorgt, als romantischer Schönling mit ins Gesicht fallenden Haarsträhnen und Dreitagebart.

Anfangs rein platonisch

Natürlich etabliert der Film die Unterscheidung Gary/Ron nur, um sie wieder kollabieren zu lassen. Und zwar, indem er Madison (Adria Arjona) ins Spiel bringt. Eine hübsche junge Frau, die auf den ersten Blick schüchtern, auf den zweiten aber lebhaft ist und sich darauf versteht, Männer um den Finger zu wickeln. Die ihrerseits aber an den Falschen geraten ist. Deshalb will sie ihren cholerischen, sie systematisch terrorisierenden Ehemann dringend loswerden und trifft sich aus diesem Grund mit Ron. Aber ist es nicht vielleicht eher Gary, der den Auftrag platzen lässt, um Madison vor dem Gefängnis zu bewahren?

Wenn er wenig später eine Affäre mit Madison beginnt, nennt Gary sich freilich weiterhin Ron. Und stellt erstaunt fest, dass ihn die neue Identität zu einem besseren Liebhaber zu machen scheint. Nur: Hat sich wirklich etwas an ihm verändert? Oder ist es vielleicht per se aufregender, mit einem Auftragskiller Sex zu haben als mit einem Uni-Dozenten? Allerdings beginnen die Probleme erst, wenn die beiden Frischverliebten das Bett verlassen und sich gemeinsam im öffentlichen Raum bewegen; der Film spielt in New Orleans, an Lokalkolorit ist er allerdings nicht allzu sehr interessiert. Ron und Gary sind fortan nicht mehr trennscharf auseinanderzuhalten. Genauer gesagt taucht eine dritte Figur auf, ein reichlich schmieriger Undercover-Cop namens Jasper (Austin Amelio), der den Versuch unternimmt, die Differenz zwischen Ron und Gary zu seinem eigenen Vorteil auszubeuten.

Die Regeln werden erst erfunden

„A Killer Romance“ übersetzt die Auftragskiller-Geschichte nicht in einen düsteren Genrestoff, und die Liebesgeschichte auch nicht in eine romantische Komödie, sondern beides in ein Spiel. Und zwar in eines, dessen Regeln nicht von Anfang an feststehen, sondern erst im Zuge des Spiels, Spielzug für Spielzug, erfunden werden. Die Anregungen für diese Spielregeln holen der Film und seine Hauptfigur sich aus der Geistes- und Kulturgeschichte. Mehrmals sieht man Gary bei seinem Job an der Universität, wie er beispielsweise über Sozialkonstruktivismus doziert oder über das Freud’sche Persönlichkeitsmodell. Passenderweise fressen auch seine beiden Katzen aus Näpfen mit den Aufschriften „Ego“ und „Id“/Es. Das kontrollierende, Identität als unveränderbar postulierende Über-Ich fehlt. Wie mehr und mehr auch bei Gary/Ron.

Bei dem dynamisch erzählten, vom Charme des großartigen Hauptdarstellers Glen Powell getragenen Film besteht zu keiner Sekunde die Gefahr, dass „A Killer Romance“ sich selbst in eine dröge Unterrichtsstunde verwandeln könnte. Zudem schwingt durchweg eine weitere Ebene mit: Spaß am Spiel heißt hier immer auch Spaß am Schauspiel. Wenn Gary sich in die verschiedenen Inkarnationen von Ron verwandelt, dann ist das so, als würde er in verschiedene Filmrollen schlüpfen. Die Geschmeidigkeit, die er sich dabei antrainiert, färbt bald auch auf Gary selbst ab: „Sag mal, seit wann sieht unser Professor so scharf aus?“, fragt eine seiner Studentinnen eine Kommilitonin. Wie ein Hollywoodstar, hätte sie hinzufügen können.

Eine formbare Ressource

In gewisser Weise hat Linklater einen Film über eine gefährdete Gattung gedreht: Filmstars haben derzeit einen schweren Stand; tendenziell verschwinden sie hinter den Franchises und Multiversen, die das populäre Kino der Gegenwart, oder was von ihm übrig ist, dominieren. Was dabei verloren zu gehen droht, ist eben jene spielerische, elegante Leichtigkeit, die Wunderwesen wie Gary/Ron verkörpern. Identität ist für sie nicht klebriger Ballast, sondern formbare Ressource.

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