Die Buchstaben müssen ihre Ordnung erst finden, aus IOM SAP und EM TON wird: „C’EST PAS MOI“. Leos Carax dreht einen Film über sich selbst, der sich dem Autobiografischen mit weitgehend vorhandenen Bildern nähert und die Frage nach dem Ich entschlossen mit dem Kino beantwortet. Noch nie habe er, so heißt es später einmal, in einem Film die Point-of-View-Perspektive verwendet (das, was man im Deutschen „subjektive Kamera“, den Blick auf die Handlung durch die Augen einer Figur, nennt). In „It’s Not Me“ spricht das Ich aus multipler Perspektive.
„Work in Progress“ – „?“. Carax betreibt ein Spiel mit Ausstreichungen und Fragezeichen, „da bin ich … da, nicht da, da … nicht da“, er mimt das Kind im Spiegelstadium, nur dass er, anders als das Kind, sich im Anderen erkennt. Bevor Carax selbst ins Bild tritt, was in „It’s Not Me“ nur in wenigen Momenten passiert, ist da zunächst einmal sein Alter Ego, der Schauspieler Denis Lavant: als Monsieur Merde, der im Episodenfilm „Tokio!“ (2008) geborene satyrhafte Kobold und Blumenfresser aus der Kanalisation, der in „Holy Motors“ (2012) wieder auftauchte und mit wild zuckenden Bewegungen die Menschen erschreckte.
Ein Ich aus Einflüssen und Einschreibungen
„It’s Not Me“ ist autobiografischer Essay und Montagefilm, Carax erzählt sich selbst über seine Einflüsse und Einschreibungen. Dabei streift er in riesigen Schritten auch die politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen der letzten Jahrzehnte bis in die heutige Krisenzeit. Der Filmemacher liegt im Bett, er trägt Pyjama und dunkle Sonnenbrille, zu seinen Füßen sein Hund, es muss Javlo sein, denn anders als sein Leben, das undatiert bleibt, gibt es für das Leben seiner Hunde eine Timeline: Théo (1988), Polo (2011), Javlo (2019).
Carax fällt in einen tiefen Schlaf, eine Wärmebildkamera filmt ihn dabei. Auftakt zu einem audiovisuellen Strom, der sich aus den Bewegungsstudien von Eadward Muybridge und Bildern aus Filmen von Charlie Chaplin, Hitchcock und vielen anderen sowie Szenen aus eigenen Filmen speist, angereichert mit Aufnahmen der eigenen Tochter (Homemovies, neu Gedrehtem), Nachrichtensplittern (zum Beispiel über Femen-Aktivistinnen) und Musik (Miles Davis, Prokofiew, Beethoven, Kylie Minogue, David Bowie) sowie Bildern von Schreckensgestalten der Vergangenheit und Gegenwart. Dazwischen Ansätze einer echten Familienerzählung: der Vater, der Filmemacher als Kind, der sich mal neben seinen drei Schwestern auf einem Familienfoto erkennt, mal in einem Cartoon von „Tim und Struppi“. Vom ersten Bild und Ton an anwesend: der Übervater Jean-Luc Godard, verkörpert beziehungsweise appropriiert in Form von appellativen, die Anrufung sogleich in Zweifel ziehenden Zwischentiteln, der farbigen Typo, der tiefen rachitischen Stimme Lavants und einmal sogar in einer auf Carax’ Anrufbeantworter hinterlassenen Nachricht ... „Ruf mich zurück.“ „It’s Not Me“ ist Carax’ Version von Godards „Histoire(s) du cinéma“, sein „JLG/JLG“. „Ein Selbstporträt, keine Autobiographie.“, heißt es bei dem Filmemacher-Philosophen Godard. Und bei Carax: „Ich bin OK. Ich bin k.o. Ich bin Chaos.“
Alles durchdringt sich
Godard ist der gute Vater. Es gibt auch die „schlechten“ – Väter wie den Stand-up Comedian Henry McHenry (Adam Driver) aus dem düsteren Musical „Annette“ (2021), Carax’ Antwort auf die MeToo-Bewegung und den Diskurs um toxische Männlichkeit. Oder Roman Polanski. Aber auch der ist eben nicht nur der Vergewaltiger, er ist auch das Kind im Krakauer Ghetto, der Shoah-Überlebende, der Ehemann, dessen Frau bestialisch ermordet wurde. Die toxischen Männer führen annähernd nahtlos zur „Maske des Terrors“. Eine Mutter liest ihren Kindern eine Gutenachtgeschichte vor, die von Hitlers „Endlösung“ handelt, draußen vor dem Fenster fallen die Bomben.
Inszenierte Szenen stehen neben Archivbildern, alles durchdringt sich, Bilder, Ton, Schrift, Stimme. 1939, bei einer Massenkundgebung des nationalsozialistisch gesinnten Amerikadeutschen Bundes im New Yorker Madison Garden, stürzt ein 26-jähriger junger Mann auf die Bühne und stört die Versammlung: Isadore Greenbaum. Auf Hitler folgen Putin, Trump, Assad. Kriege und andere Schrecken wie die an Land gespülten Leichen der im Meer ertrunkenen Geflüchteten. Die Schwerkraft drückt nach unten, dann aber: Die Mondlandung.
„Wie kann man den Blick der Götter zurückgewinnen?“
„It’s Not Me“ ist eine Auftragsarbeit für das Pariser Centre Pompidou. Ausgehend von der Frage „Où en êtes-vous?“ („Wo stehen Sie gerade?“) ist seit 2014 eine Reihe von Filmen entstanden, in denen sich Filmemacher:innen wie Apichatpong Weerasethakul, Kelly Reichardt, Joanna Hogg, Bertrand Bonello und andere mit mal mehr, mal weniger Aufwand, Ernsthaftigkeit und wohl auch Budget dieser Frage annehmen. Carax’ Antwort ist mit 42 Minuten für dieses eher videobriefhafte Format fast schon ein Langfilm. Anders als alles, was er bisher gemacht hat, fügt sich „It’s Not Me“ gleichwohl ins Werk, das schon immer mit Aneignungen und Zersplitterungen arbeitete, mit Bild-Ton-Asynchronitäten, multiplen Subjektivitäten und der Idee von Non-Identität.
„It’s Not Me“ ist auch ein Film über den Verlust. Düster liegt der Tod der Schauspielerin Yekaterina Golubewa, Partnerin und Mutter seiner im Film mehrfach auftauchenden Tochter, über dem Film. Aber auch das Sehen, der Blick ist in der Flut der Bilder verlorengegangen: „Wie kann man den Blick der Götter zurückgewinnen?“