Literaturverfilmung | USA 2024 | 94 Minuten

Regie: Benoît Delhomme

Als vor den Augen einer Hausfrau und Mutter der Sohn ihrer Nachbarin in einem idyllischen US-Vorort tödlich verunglückt, droht die innige Freundschaft der beiden Frauen zu zerbrechen. Doch erst als sie sich wieder zaghaft einander anzunähern scheinen, beginnt der eigentliche Horror. Vor dem Hintergrund der mit pastellfarbener Patina überzeichneten 1960er-Jahre inszeniertes US-Remake einer belgischen Vorlage („Duelles“) als Mix aus nostalgischem Psychodrama und Psychothriller im Stile Alfred Hitchcocks. Zusammen mit den hervorragenden Hauptdarstellerinnen hält die markante Bildsprache die Zuschauer auf Distanz und entfaltet, fluide zwischen Thriller und Drama changierend, ein Spiel mit dem Zweifel. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
MOTHERS' INSTINCT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2024
Produktionsfirma
Anton/Freckle Films/Mosaic/Versus Prod.
Regie
Benoît Delhomme
Buch
Sarah Conradt-Kroehler
Kamera
Benoît Delhomme
Musik
Anne Nikitin
Schnitt
Juliette Welfling
Darsteller
Jessica Chastain (Alice) · Anne Hathaway (Céline) · Anders Danielsen Lie (Simon) · Josh Charles (Damian) · Eamon O'Connell (Theo)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Literaturverfilmung | Thriller
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Das stylische Regiedebüt von Kameramann Benoît Delhomme kreist um zwei „Housewives“ in einem US-Vorort der 1960er-Jahre, in deren Freundschaft sich nach einem Unglück Abgründe auftun.

Diskussion

Eine US-amerikanische Vorstadt Anfang der 1960er-Jahre: gepflegte, blühende Vorgärten mit akkurat gestutzten Rasenflächen wie aus dem „Schöner Wohnen“-Bilderbuch. Die Männer tragen dunkle, perfekt sitzende Anzüge, sind aber nur abends oder am Wochenende zu Hause, um an einem Glas Whisky zu nippen, Zigaretten zu rauchen und über Politik zu tratschen. Die Frauen stecken in knielangen taillierten Kleidern, die so pastellig-bunt schimmern wie die Holzfassaden ihrer luxuriösen New-England-Häuser oder der makellose Lack der Limousinen, in denen sie ihre Kinder zur Schule chauffieren. Ein Barbiepuppen-Paradies in Candy Colors. Ausgestattet mit aufwendigen Frisuren, markant gebogenen Designersonnenbrillen, Grace-Kelly-Handschuhen und eleganten Umhängetäschchen stolzieren die Mütter in hochhackigen Pumps über ihre sonnendurchfluteten Auffahrten.

Man ahnt früh die Abgründe hinter der Fassade

Mit gestochen scharfen, klar konturierten Aufnahmen überzeichnet der französische Kameramann Benoît Delhomme („Der Junge im gestreiften Pyjama“, „Lady Chatterleys Liebhaber“) dieses Idyll in seinem Regiedebüt derart, dass sich ähnlich wie in David Lynchs „Blue Velvet“ oder Frank Oz’ Remake „Die Frauen von Stepford“ die Abgründe, die hinter dem schönen Schein lauern, bereits in den ersten Einstellungen erahnen lassen.

Auch „Mothers’ Instinct“ ist ein Remake. „Duelles“, das Original von Olivier Masset-Depasse nach Barbara Abels Roman „Derrière la haine“, wurde in Belgien mit neun „Magrittes“, den wichtigsten Filmpreisen des Landes, ausgezeichnet; unter anderem als bester Film und für die beste weibliche Hauptrolle. Neben Gewinnerin Veerle Baetens als Alice war auch Anne Coesens in der Rolle der Céline für die Auszeichnung nominiert.

Jessica Chastain und Anne Hathaway glänzen

In Delhommes US-Variante verkörpern nun Jessica Chastain und Anne Hathaway die beiden benachbarten und eng befreundeten Hausfrauen Alice und Céline derart charismatisch, ausdrucksstark und zugleich unaufdringlich ernsthaft, dass die Atmosphäre trotz des pointiert überzeichneten Settings nicht ins Satirische kippt. Theo und Max, die Söhne von Alice und Céline, sind in etwa gleich alt, sieben, acht Jahre, beste Freunde und Schulkameraden. Obwohl sie ihre Kinder und auch ihre Männer zu lieben scheinen, sind die beiden Frauen in ihrem Alltag allenfalls halbglücklich. Alice ist in ständiger Angst um Theo, der an einer gefährlichen Lebensmittelallergie leidet, und versucht deshalb krampfhaft, nahezu jeden Schritt von ihm zu kontrollieren. Zugleich sehnt sie sich zurück in ihren Beruf als Journalistin. Selbstbewusst mischt sie sich in das Politikgespräch der Ehemänner ein und weist sie mit ihren Kenntnissen triumphierend in die Schranken, was diese mit anerkennendem Lachen quittieren.

Dafür, dass Alice wieder arbeiten möchte, hat ihr Mann Simon jedoch nur wenig Verständnis. Schließlich verdient er doch genug Geld für beide. Aber vielleicht, schlägt er vor, könne Alice ja mal etwas für die Schülerzeitung schreiben. Alice fällt es erkennbar schwer, in diesem Moment die Fassung zu bewahren. Enttäuschung, Wut und Verzweiflung blitzen in ihrer Mimik auf, während sie darum ringt, dass ihr die Gesichtszüge nicht entgleiten. Chastain spielt das großartig.

Hathaway wiederum verleiht Céline eine tiefe, beunruhigende Traurigkeit, wenn sie Wange an Wange mit ihrer Freundin Zigaretten rauchend mit leerem, dunklem Blick gesteht, wie sehr sie darunter leidet, infolge von Komplikationen bei der Geburt von Max keine Kinder mehr bekommen zu können. Diese biografischen und sozialgeschlechtlichen Bruchlinien bleiben jedoch nur angedeutet, bis ein dramatisches Unglück dem Film eine radikale Wende verleiht.

Ein unausgesprochener Vorwurf

Eines Morgens sieht Alice, wie Max im Nachbarhaus auf das Balkongeländer klettert und sich zu einem Vogelhäuschen vorbeugt. Als er auf ihre entsetzten Rufe nicht reagiert, rennt sie nach nebenan, hämmert lautstark gegen die Tür, eilt nach oben. Doch als sie dort ankommt, ist es zu spät.

Fortan schwebt der unausgesprochene Vorwurf, Alice habe zu zögerlich reagiert, wie ein Damoklesschwert über der nachbarlichen Beziehung. Céline schleppt sich von einem Nervenzusammenbruch zum nächsten, während ihr Mann Damian sich hemmungslos betrinkt. Doch ausgerechnet, als Céline sich allmählich zu fangen scheint und sie wieder die Nähe zu Alice und dem kleinen Theo sucht, beginnt Alice an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Simon wiederum macht sich Sorgen um die psychische Stabilität und Urteilskraft von Alice.

Wie eine hochauflösende Hommage an Hitchcock

Unaufhaltsam entspinnt sich aus dem düsteren Drama ein packender Psychothriller, in dem Argwohn die Freundschaft zersetzt und sich die vertraute Nähe zur Falle entwickelt. Delhomme inszeniert die lauernden Blicke, das süßlich falsche Lächeln und die erstarrten Gesichter wie eine hochauflösende Hommage an Hitchcocks „Verdacht“. Wer da wen täuscht, bleibt lang genug offen, dass der Plot etliche mal mehr, mal weniger überraschende Haken schlagen kann, ehe sich gegen Ende die Genretonalität ein weiteres Mal ändert und die Auseinandersetzung gewaltsam eskaliert.

Doch so intensiv, beklemmend und mitreißend das auch gespielt ist, realistisch wird es dadurch nicht. Soll es aber auch nicht. „Mothers’ Instinct“ feiert das Kino (alter Schule). Delhommes Kamera hält die Zuschauenden gezielt auf Distanz, um sie an der schönen, schillernden Oberfläche eines Genrestreifens entlang zweifeln zu lassen, der auf faszinierend fluide Weise zwischen Drama und Thriller oszilliert.

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