Horror | USA 2025 | (acht Folgen)

Regie: Noah Hawley

Im Jahr 2120 wird die Erde von einer Handvoll globaler Konzerne beherrscht, die mit ihren Experimenten an Maschinenwesen den Traum von der menschlichen Unsterblichkeit vorantreiben. Im Zentrum der achtteiligen Serie als Fortführung der „Alien“-Filme steht eine Krebspatientin, deren Bewusstsein in einen künstlichen Körper transferiert wird und die gemeinsam mit anderen Hybriden an der Bergung eines havarierten Raumschiffs teilnimmt, das mit außerirdischer Fracht auf die Erde gestürzt ist. Die Serie verbindet existenzielle Fragen mit höchst einfallsreichem Filmhandwerk und entfaltet ein visuell überwältigendes Szenario auf einer tropisch erhitzten Erde. Ein außergewöhnliches, meisterhaftes Werk, das der Filmreihe erzählerisch wie ästhetisch überraschend neue Perspektiven abgewinnt. - Sehenswert ab 16.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
ALIEN: EARTH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
26 Keys Prod./Scott Free/20th Television/FXP
Regie
Noah Hawley · Dana Gonzales · Ugla Hauksdóttir
Buch
Noah Hawley
Kamera
David Franco · Dana Gonzales · Bella Gonzales · Colin Watkinson
Musik
Jeff Russo
Schnitt
Robin August · Regis Kimble · Curtis Thurber
Darsteller
Sydney Chandler (Wendy) · Timothy Olyphant (Kirsh) · Alex Lawther (CJ) · Samuel Blenkin (Boy Kavalier) · Essie Davis (Dame Sylvia)
Länge
(acht Folgen)
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Horror | Science-Fiction | Serie | Thriller
Externe Links
IMDb | TMDB

Eine achtteilige Serie in Anlehnung an die „Alien“-Filmreihe, mit der die Saga ins Jahr 2120 auf eine tropisch erhitzte Erde verlagert wird, wo Mensch-Maschinen-Wesen gegen alte wie neue Schrecken antreten.

Aktualisiert am
27.08.2025 - 15:31:19
Diskussion

Ein überdimensioniertes Raumschiff, das sich auf hartem Kollisionskurs mit der Erde befindet, ist selten eine gute Nachricht; im Fall von „Alien: Earth“ sogar im doppelten Sinne. Denn auf dem Weltraumkreuzer, der sich am Anfang der Serie des Showrunners Noah Hawley eindrucksvoll in die urbane Kulisse einer Großstadt bohrt, befindet sich obendrein eine tödliche Fracht.

Eingeweihte der „Alien“-Filmreihe, die Ridley Scott 1979 mit „Alien“ begründete, mögen an dieser Stelle geneigt sein, innerlich abzuschalten und die Handlung als gegeben vorauszusetzen. Es ist allerdings ratsam, dies nicht zu tun, denn in der achtteiligen Serie über das unheimliche Killerwesen aus den Tiefen des Alls kommt einiges ganz anders. So unterschiedlich die bisherigen Fortsetzungen und Adaptionen der Reihe auch geartet sind – nach Scott verwirklichten sich unter anderem Regisseure wie James Cameron und David Fincher –, galten einige Grundannahmen doch stets als gesetzt. So waren es im „Alien“-Universum nicht etwa idealistische Wissenschaftler, die sich auf Jahrzehnte währende Space-Trips begaben. Vielmehr verpflichteten sich unterbezahlte Weltraumsöldner und -arbeiter, um in den Tiefen des Alls einer Drecksarbeit nachzugehen, die außer ihnen niemand übernehmen wollte.

Vom ersten, grauenerregenden Auftritt zur Serie

Man braucht nur an den Kälteschlaf zu denken, um sich die Strapazen dieser Unternehmungen vor Augen zu führen, um die langen Distanzen zwischen den Gestirnen zu überbrücken. Ridley Scotts Urfilm beginnt just nach einem solchen Erwachen aus dem jahrelangen Schlaf. Die Geburtsstunde, mit der sich das berüchtigte Alien aus der Designschmiede von HR Giger seinen ersten grauenerregenden Auftritt verschafft, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Der Horror, den die von Sigourney Weaver gespielte Protagonistin Ellen Ripley an Bord des Raumschiffs Nostromo erlebte, wurde in den Folgefilmen in vielen Szenarios durchdekliniert und erweitert. Zuletzt führte Fede Alvarez in „Alien: Romulus“ die Filmreihe zu ihren elementaren Wurzeln zurück.

Seit der James-Cameron-Inszenierung „Aliens“ (1986), in der ein Trupp von Weltraum-Marines von dem Killerwesen systematisch dezimiert wird, schien der Reihe aber die kreative Luft auszugehen. Eine Serie, welche den Titel „Alien: Earth“ trägt, klingt da zunächst allzu durchsichtig und kalkuliert. Doch Noah Hawley gelingt es, dem Stoff mit einer Mixtur aus intellektueller Schärfe und ästhetischer Versiertheit ungeahnt neues Leben einzuhauchen. Ausgangspunkt ist die Frage, welche Art von Gesellschaft eigentlich jenen Schlag desillusionierter Weltraumsöldner hervorbringt, die das „Alien“-Universum bevölkern. Es ist eine Welt, die so vertraut wie fremd erscheint. Auf der Erde im Jahr 2120 haben sich die bekannten politischen Systeme nivelliert; es sind nur noch fünf große Konzerne und insbesondere deren CEOs, die über die Geschicke der Erdenbürger verfügen. Geopolitik ist dabei zu einer Variante der „Shareholder Value“ geworden.

Das eigentliche Interesse, das die Korporationen mit Namen wie Prodigy, Weyland-Yutani, Lynch, Dynamic und Threshold umtreibt, besteht darin, den ewigen Traum der Menschheit von der Überwindung des Todes Wirklichkeit werden zu lassen. Das wissenschaftlich-weltanschauliche Streben nach Unsterblichkeit hat verschiedene Mensch-/Maschinen-Kombinationen hervorgebracht. Technologisch verbesserte Menschen (Cyborgs), reine Maschinenwesen (Synths) sowie Hybride (synthetische Wesen, in die ein menschliches Bewusstsein transferiert wurde) bevölkern die Welt von „Alien: Earth“.

Neue Lebensformen, unvorhergesehene Komplikationen

Insbesondere die Hybride stehen im Zentrum von „Alien Earth“. Das Unternehmen Prodigy unter seinem Gründer Boy Kavalier (Samuel Blenkin), den die Mitwelt „Boy Genius“ nennt, hat erstmals ein menschliches Bewusstsein in einen synthetischen Körper überführt. Das Leben der kindlichen Protagonistin Wendy (Sydney Chandler), die an Krebs erkrankt ist, wird in den künstlichen Körper einer jungen Erwachsenen transferiert. Die „Operation“ glückt, doch die neue Lebensform bringt Komplikationen mit sich, die selbst Boy Genius nicht zu überschauen vermag.

Wendy bleibt nicht die einzige Hybride. An ihrer Seite findet sich ein ganzes Zimmer voller Kinder in neugeschaffenen Erwachsenenkörpern, die mit einer heiklen Mission betraut werden; die scheinbar Unverwundbaren sollen sich an einer Bergungsmission beteiligen. An der Einschlagstelle des abgestürzten Raumschiffs wartet viel Arbeit auf die „Lost Boys“, wie Boy Genius seine Elevinnen und Eleven in Anspielung an seine Lieblingserzählung „Peter Pan“ nennt. Was als Rettungsmission im Dienst der Menschheit beginnt, wandelt sich bald zu einer wesentlich ambivalenteren Expedition, die schließlich in die Frage mündet: „Wer ist eigentlich das wahre Monster?“

Hawley und seine Mit-Autoren verhandeln in „Alien: Earth“ geschickt theoretische Fragestellungen, wie sie der Transhumanismus oder der Techno-Optimismus aufwerfen. „Was heißt es in Zukunft, auf menschliche Weise menschlich zu sein?“, lautet eine der Fragen, die im Laufe der Handlung eine enorme Zuspitzung erfährt und der Serie eine inhaltliche Tiefe verpasst, die nicht einmal die „Prometheus“-Filme von Ridley Scott als Etablierung der „Alien“-Mythologie aufwiesen.

In einer Post-Klimawandel-Welt

Doch „Alien: Earth“ bietet nicht nur geistig-intellektuelles Futter. Die Bilder der Kameraleute unter David Franco und das Produktionsdesign von Andy Nicholson betören geradezu mit einer unheilschwelenden Post-Klimawandel-Welt, deren unheimliches Licht auf eine feucht-schwitzende, schimmelnde 50-Grad-Celsius-Erde fällt. Die Menschheit hält sich angesichts der tropischen Verhältnisse vorzugsweise in Innenräumen auf, welche vom retrofuturistischen Charme der frühen „Alien“-Filme beseelt sind.

Auch ästhetisch lässt „Alien: Earth“ die klinischen Science-Fiction-Designs von „Prometheus“ und „Alien: Covenant“ mitsamt ihrem sakralen Pathos hinter sich. Ein paar außerirdische Mitreisende des havarierten Raumschiffs fühlen sich auf der tropischen Erde pudelwohl. Es sind nicht zwangsläufig die bekannten Aliens und „Facehugger“, die in „Alien: Earth“ für Schrecken und Terror sorgen, wenngleich auch die einschlägigen Monster ihren gebührenden Auftritt erhalten. Hawley führt vielmehr neue Spezies in den „Alien“-Kosmos ein, die für neuen Schauer sorgen. Eines dieser absonderlichen Wesen ist ein auf Tintenfischarmen laufendes, bloßgelegtes Auge, das sich mittels seiner Tentakel in den Schädel einer Wirtskreatur bohrt, wo es fortan – schrecklich glotzend – deren kognitive Funktionen übernimmt.

Neben solchen Schreckensbildern ist es der vortreffliche Soundtrack, der sich für das Genre mit unerwarteten Hardrock-Klängen und verzerrten E-Gitarren ins Bewusstsein frisst. „Alien: Earth“ ist eine Ausnahmeserien, die durch außergewöhnliche erzählerische Perspektiven und ästhetische Wagnisse besticht. Schon die Intros der acht Episoden sind kleine Kurzfilme; eher Kunstwerke und Ouvertüren als grobschlächtige Rekapitulationen der vorangehenden Handlung; mit ihren vielschichtigen Montagen deuten sie in meisterhaften Schnittfolgen auch auf das weitere Geschehen voraus.

Eine Frage, die sich nicht erst 2120 stellt

Die visuell opulenten, detailverliebt gefilmten Einstellungen von „Alien: Earth“ laden damit unmittelbar nach dem ersten Sichten zum Wiedersehen ein. Über welche Serie aus den letzten Jahren lässt sich Vergleichbares behaupten? Am Ende von „Alien: Earth“ steht die Frage der Protagonistin Weny, einer Hybridin, die auf der Suche nach ihrem verloren gegangenen Bruder ist: „Wenn ich kein Mensch bin, was bin ich dann?“ Das Unheimliche dieser Frage liegt darin, dass sie sich wahrscheinlich nicht erst im Jahr 2120 stellen wird. Noah Hawleys virtuose „Alien“-Inszenierung definiert das Science-Fiction-Genre im Serienfach tatsächlich neu.

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