Komödie | USA 2025 | 150 Minuten

Regie: Josh Safdie

New York, im Jahr 1952: Ein junger Schuhverkäufer möchte professioneller Tischtennisspieler werden und versucht seinem Ziel so gewitzt wie rücksichtslos und egoistisch näher zu kommen. Ein Schuldenberg und ein anstehendes Match mit seinem Konkurrenten in Japan fordern seinen Erfindungsreichtum schließlich besonders heraus. Zwischen Sportlerdrama und Schelmenstück erzählt der Film mit inhaltlichen Abschweifungen, originellen Einfällen und einer anachronistischen Musikauswahl von einem, der in der Nachkriegszeit hoch hinauswill. Die Stärke des atemlos inszenierten Werks liegt in der markanten Präsenz seiner Figuren und den ständigen Reibungen, die das Drehbuch zwischen ihnen entfacht. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
MARTY SUPREME
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
A24/Elara Pic./IPR.VC
Regie
Josh Safdie
Buch
Ronald Bronstein · Josh Safdie
Kamera
Darius Khondji
Musik
Daniel Lopatin
Schnitt
Ronald Bronstein · Josh Safdie
Darsteller
Timothée Chalamet (Marty Mauser) · Gwyneth Paltrow (Kay Stone) · Odessa A'zion (Rachel Mizler) · Kevin O'Leary (Milton Rockwell) · Koto Kawaguchi (Koto Endo)
Länge
150 Minuten
Kinostart
26.02.2026
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Komödie | Sportfilm
Externe Links
IMDb | TMDB

Die Geschichte eines New Yorker Schuhverkäufers, der in den 1950er-Jahren als Tischtennisspieler groß durchstarten will, als bildgewaltige Erzählung zwischen Sportlerdrama und Schelmenstück.

Veröffentlicht am
18.02.2026 - 15:44:07
Diskussion

Orangene Tischtennisbälle, was für eine geniale Idee. Zumindest ist der Nachwuchsspieler Marty Mauser (Timothée Chalamet) dieser Meinung und versucht sie seinem Sponsor wortreich und temperamentvoll zu verkaufen. Er behauptet nämlich, die Augen könnten den weißen Bällen vor den häufig ebenfalls weißen T-Shirts der Spieler nicht präzise genug folgen. Was pragmatisch klingt, folgt aber wahrscheinlich anderen Beweggründen.

Marty, der sich selbst unbescheiden „Supreme“ („der Höchste“) nennt und ein mitunter ins Zwanghafte kippendes Talent dafür hat, anderen etwas aufzuschwatzen, möchte sich nicht nur um jeden Preis von der Konkurrenz abheben, sondern auch erfindungsreich seine eigenen Unzulänglichkeiten kaschieren. Wenn gerade nicht die Farbe des Balls schuld daran ist, dass er ein Match verliert, dann eben ein herumliegendes Kabel, das ihn in seiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Jedes Mittel ist recht, solange er sich keinen Fehler eingestehen muss.

Eine epische, adrenalingeladene, ideenreiche und bildgewaltige Erzählung

Nachdem Josh Safdie seine letzten Projekte noch gemeinsam mit seinem Bruder Benny realisierte, führt er bei „Marty Supreme“ nun allein Regie. Kleiner ist der Film dadurch nicht geworden, eher im Gegenteil. An Ehrgeiz mangelt es Safdie ebenso wenig wie seinem Protagonisten. „Marty Supreme“ ist eine epische, adrenalingeladene, ideenreiche und bildgewaltige Erzählung, die den jüdischen Titelhelden um die halbe Welt führt, während sie sich im Kern um sehr amerikanische Tugenden wie Individualität und Erfolg dreht.

Angesiedelt ist die Geschichte um den zu Beginn noch als Schuhverkäufer arbeitenden Marty im Jahr 1952. Aufwändig wird mit Kostümen und Ausstattung eine Vergangenheit in Braun- und Beigetönen rekonstruiert, auch täuschend echt nachgemachte Wochenschauen kommen zum Einsatz. Die Nachkriegszeit dient dem Film zudem als Anlass, um seelische Narben und internationale Spannungen zu thematisieren. Viele haben im Krieg Angehörige verloren, die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz liegt erst ein paar Jahre zurück, und ausgerechnet ein gehörloser Tischtennisspieler aus Japan, einem Erzfeind der USA, wird zu Martys Nemesis.

Über einen stets am Abgrund tänzelnden Helden

Safdies Film über diesen stets am Abgrund tänzelnden Helden will aber mehr sein als bloß ein historischer Stoff. Großes Kino soll geschaffen werden, das wird bereits zu Beginn deutlich, als Marty mit seiner Jugendfreundin Rachel (Odessa A’zion) Sex im Hinterzimmer hat und die Zuschauer plötzlich in eine vermeintlich irreale Science-Fiction-Welt katapultiert werden, in der ein Rudel emsiger Spermien eine Eizelle befruchtet. Dass „Marty Supreme“ sich in kein Geschichtskino-Korsett zwängen lassen will, macht sich auch an der Musikauswahl bemerkbar. Die schmissigen Pop-Songs von Peter Gabriel, Alphaville oder Tears for Fears stammen allesamt aus den 1980er-Jahren, und der nervöse Synthesizer-Score des vor allem unter seinem Pseudonym Oneohtrix Point Never bekannten Daniel Lopatin klingt zumindest sehr nach diesem Jahrzehnt.

Solche Brüche fallen aber gar nicht auf in einem Film, der zwar äußerst spezifisch sein wuselndes New Yorker Milieu zeichnet, zugleich aber sehr universell von einem furcht- wie auch rücksichtslosen Helden erzählt, der gegen sämtliche Widerstände hoch hinauswill. Durch seine Handlung stolpert „Marty Supreme“ wie zufällig. Mal ist er dichtes Sportlerdrama, mal verspieltes Schelmenstück. Stets nimmt er sich dabei die Freiheit für erzählerische Abschweifungen, Albereien und Verrücktheiten. In fast jede Szene packt Safdie ausgefallene Episoden wie die sonderbare Anekdote eines Holocaust-Überlebenden (Géza Röhrig) oder neue Katastrophen wie eine durch die Decke krachende Badewanne. Hauptsache, das atemlose Tempo des Films wird gehalten.

Lösegeld für einen entführten Hund

Um Martys verhinderte Tischtenniskarriere geht es zwischendurch lange gar nicht mehr, oder nur indirekt. In New York geht er eine Affäre mit dem abgehalfterten Hollywood-Star Kay Stone (Gwyneth Paltrow) ein. Ihre Begegnungen ähneln ständigen Verhandlungsgesprächen mit sexuellen Zwischenspielen. Die mittlerweile schwangere Rachel erweist sich derweil in puncto Durchtriebenheit als Marty durchaus ebenbürtig. Gemeinsam wollen die beiden mit dem Lösegeld für einen entführten Hund Schulden begleichen.

Das unverrückbare Zentrum des Films bleibt aber Timothée Chalamet. Mit pomadisiertem Haar, aufgemalten Pockennarben und nerdig großer Brille spielt er seine Figur unermüdlich, expressiv und körperlich. Marty kennt keine Moral, nur seinen eigenen Vorteil. Er lügt, stiehlt und ist so blind vor Ehrgeiz, dass er mit seinen niederträchtigen Aktionen zwar oft durchkommt, auf Dauer aber droht, sich selbst zu zerstören. Chalamet zelebriert die Exzesse seiner neunmalklugen und oft auch schlichtweg unsympathischen Rolle dabei manchmal ein bisschen zu genüsslich und selbstverliebt. Aber es gelingt ihm stets, seine Figur mit Leben und Widersprüchen zu füllen. Lediglich in der Schlussszene lösen sich letztere ein wenig zu schnell und unplausibel in Wohlgefallen auf.

Aus dem Schauspiel Funken schlagen

Safdies Regie versteht es vor allem, aus dem Schauspiel Funken zu schlagen. Die Besetzung ist sichtlich um Originalität bemüht, aber eben auch wirklich gelungen. Kays Ehemann, ein mächtiger Stift-Magnat, wird vom realen Unternehmer Kevin O’Leary verkörpert, der zwar keine Schauspielerfahrung hat, dank seiner routinierten Medienpräsenz aber weiß, wie man einen schmierigen Bösewicht gibt.

Des Weiteren spielt die aus der Sitcom „Die Nanny“ bekannte Fran Drescher Martys Mutter, der unangepasste Independent-Regisseur Abel Ferrara einen zwielichtigen Widersacher und der Rapper Tyler the Creator Martys Kumpel. Safdie weiß die markante Präsenz seiner Darsteller hervorzuheben und ständig Reibungen zwischen ihnen zu produzieren. Kameramann Darius Khondji ist konsequent nah an den Figuren und fängt die Hektik der Tischtennisspiele ebenso unmittelbar ein wie die hochemotionalen Wortgefechte. „Marty Supreme“ ist ein Film, der in der Aufregung zu sich findet.

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