Die Filme von Julia Ducournau sind mutig, radikal, bildstark, überraschend und maßlos. In „Raw“ (2016) verschlingt eine junge Frau den abgeschnittenen Finger ihrer Schwester, in „Titane“ (2021) hat die Hauptfigur Sex mit einem Auto. Das kühle Metall wird zum Fetisch; statt Milch rinnt der Hauptfigur Motoröl aus den Brüsten. In „Alpha“ verwandelt ein Virus die Menschen in Marmorstatuen, die zu Staub verfallen.
Body-Horror ist der Ausdruck, der am ehesten fällt, wenn über Ducournaus Filme gesprochen wird. David Cronenberg und David Lynch gelten als Bezugspunkte, die sie beeinflusst haben. Doch die französische Regisseurin verweigert sich allen Zuordnungen. In erster Linie ist sie eine Genreregisseurin, die allerdings gerne die Konventionen missachtet. Sie benutzt das Genre und krempelt es um. Ihre Filme sind ungezügelte, mitunter brutale Seherfahrungen, die keine Grenzen kennen. Aufregendes Kino, in dem Körper sich verwandeln und mit ihnen die Identität der Figuren. Am Schluss sind sie nicht mehr dieselben.
Ein Traum im Traum
Der Film spielt Ende der 1980er-Jahre in Le Havre. Die Protagonistin Alpha (Mélissa Boros) ist 13 Jahre alt und lebt allein mit ihrer Mutter, die als letzte verbliebene Ärztin in einem völlig überfüllten Krankenhaus arbeitet. Ein Virus, allegorisch mit Aids vergleichbar, geht um und verwandelt die Menschen allmählich in Marmorstatuen, aus denen roter Staub quillt. Das ist ein höchst ungewöhnlicher Erzählentwurf. Einmal liest der Englischlehrer ein Gedicht von Edgar Allan Poe vor: „Is all that we see or seem / But a dream within a dream?“ Als Zuschauer ist man gewarnt: Man kann seinen Augen nicht trauen.
Auf einer Party lässt sich die Schülerin ein „A“ auf den linken Oberarm tätowieren. „A“ für Alpha. Doch die Wunde will nicht verheilen; ständig blutet sie in den unpassendsten Augenblicken. In der Schule verbreitet sich deshalb das Gerücht, dass Alpha sich mit der hochansteckenden Krankheit infiziert habe. Kurz darauf kommt ihr Onkel Amin (Tahar Rahim) nach Hause, ein abgemagerter, hochnervöser Junkie, der bereits am Virus erkrankt ist und mehr und mehr versteinert – im wahrsten Sinne des Wortes.
Aus dem Tod ins Leben
Mit ihrem neuen Film etabliert Ducournau so etwas wie Nähe und Verbundenheit in ihrem Oeuvre. Zunächst geht es um das Coming-of-Age einer Schülerin, die nach einem Platz im Leben sucht und die Liebe kennenlernen will. Mélissa Boros spielt sie eindrucksvoll als neugierige junge Frau, die sich urplötzlich in die Rolle der Außenseiterin gedrängt fühlt. Erst ihr Onkel, der dem Tod näher ist als dem Leben, vermag sie aus dem emotionalen Chaos, das sie umgibt, zu befreien. Wundervoll vieldeutig ist eine Szene, in der Alpha und Amin aus Platzmangel im selben Bett schlafen und währenddessen die gleichen Bewegungen mit Armen und Beinen vollführen, fast als wären sie eine Symbiose eingegangen. Dieser Eindruck entsteht erst, weil Alphas Mutter (Golshifteh Farahani) ihnen heimlich zusieht.
Sehr lebendig ist auch jene Szene, in der Alpha und Amin ein abendliches Fußballspiel unter Flutlicht crashen und kurz darauf durch die Nacht rennen; dazu erklingt der Song „The Mercy Seat“ von Nick Cave; „I am not afraid to die“, heißt es darin in einer mehrmals wiederholten Zeile. Tahar Rahim hat für die Rolle über 20 Kilo abgenommen; die Kleidung schlottert ihm am Körper, die Knochen zeichnen sich ab, die Haut liegt in Falten. Ständig ist er in Bewegung oder knabbert an seinen Fingernägeln. Eine ungeheuerliche Metamorphose und grandiose Darstellung.
Die Farbe Rot
Stilistisch ist „Alpha“ ein Film in Rot. Diese Farbe sticht hervor: Rot wie das Blut, wie das blutgetränkte Wasser eines Swimmingpools, wie die Lackierung der Autos, wie der Wüstensand, der im Finale durch die Straßen fegt. „Man denke jetzt, für einen Augenblick, an Antonionis Rote Wüste und in der Roten Wüste an die rosa Insel im Meer“, hat Frieda Grafe einmal anlässlich eines anderen Films geschrieben. Noch so eine Assoziation, der sich Julia Ducournau wahrscheinlich verweigern würde.