Immer wieder muss die Gerichtsvollzieherin Orsolya ihre Geschichte erzählen: Wie der obdachlose Mann sich in seiner Kellerbehausung mit einem Draht selbst stranguliert hat, während sie mit den Gendarmen draußen wartete, damit er seine Sachen packen konnte. Wie sie den Mann mit aufgerissenen Augen im eigenen Urin auffanden und jede Hilfe zu spät kam. Dabei hatte sie doch noch um eine Fristverlängerung bei der Immobilienfirma Westeuropa K.u.K. gekämpft und die Zwangsräumung um einen Monat aufschieben können. Aber die Schuldgefühle lassen sich nicht wegsprechen, auch wenn ihr jeder versichert, dass sie für die Tragödie nicht verantwortlich sei. Am Ende landet Orsolya doch wieder bei dem Refrain: „Rechtlich gesehen bin ich unschuldig, aber ich fühle mich sehr, sehr schuldig.“
Eine Frau in der Krise
Im Zentrum von „Kontinental ‘25“ steht die moralische Krise einer Frau. Wobei sich an diesem Zentrum eine ganze Reihe gesellschaftlicher Aktualitäten ablagert: soziale Ungleichheit, Bauboom und Vertreibung, der Zuwachs an Überwachungsmaßnahmen und das Erstarken des Nationalismus. „Kontinental ‘25“ ist dabei aber kein „Themenfilm“, wie man ihn im sozialrealistischen Kino öfters findet. Vielmehr nimmt der rumänische Filmemacher Radu Jude den Begriff beim Wort. Jeder Dialog ist mit den genannten Themen nur so gespickt – und jedes Bild: vom „Kuhle Wampe“-Filmplakat in einem Kinocafé über die allgegenwärtigen Werbebotschaften bis hin zu den historischen Bauten der in Siebenbürgen gelegenen Stadt Cluj-Napoca.
Formal wirkt „Kontinental ‘25“ wie hingeworfen. Meist statische Einstellungen, gedreht mit produktionstechnisch minimalem Aufwand in nur zehn Tagen mit einer iPhone-15-Kamera. Eine Beschränkung, die Radu Jude als eine Rückbesinnung auf das Kino der Lumières und die basalen Kategorien des Filmemachens begreift. Die konkrete Inspiration war allerdings Roberto Rossellinis „Europa 51“. Auch hier wird ein Todesfall zum Auslöser einer Suche nach sinnstiftenden Antworten.
Vom Leben an den Rändern
Radu Jude erprobt mit jedem Film eine andere Formensprache. Seine Signatur lässt sich weniger an einem visuellen Stil als an einer Haltung festmachen. Intellektuellem Scharfsinn, angereichert von einem beachtlichen Lektürepensum, vermixt mit distinktem Vulgarismus. Wie schon „Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt“ (2023) schlittert auch „Kontinental ‘25“ an der Grenze von Drama und Komödie entlang. Schon der Prolog ist von einem sarkastischen Tonfall durchzogen. In einem Themenpark im Wald sucht der obdachlose Mann zwischen animatronischen Dinos fluchend nach Pfandflaschen, bevor er sich der Stadt nähert. „Ehre und Treue im Dienst meines Landes“, ist auf einem großflächigen Wahlplakat zu lesen; die Politikervisage erhält dabei von einer Laterne, die im Bildvordergrund steht, ein Bärtchen appliziert.
Mit effizienter Knappheit skizziert Jude das Bild einer urbanen Gegenwart, die von Ausschlüssen und Ungleichheiten geprägt ist. Und in die man unweigerlich verstrickt ist, wenn man sich als Mensch mit Einkommen und Dach über dem Kopf in den öffentlichen Raum begibt. Belebte Straßencafés, ein Bankgebäude, eine Konzertbühne: Orte, an denen der bettelnde Mann ein Störfaktor ist, den man möglichst schnell wieder loswerden möchte. Als er sich an einem Wasserspender seine Flasche auffüllen möchte, muss er sich sogar gegen einen patrouillierenden Roboterhund zur Wehr setzen.
Der Film nimmt Orsolyas Not ernst, spricht sie aber nicht frei. Sie versucht ihren Job gut zu machen und dabei menschlich zu agieren. Als staatliche Beamtin vertritt sie aber auch die Interessen von Gläubigern – in diesem Fall eine deutsche Immobilienfirma, die das alte Gebäude für ein Hotel mit dem pompösen Namen „Kontinental Boutique“ abreißen will. Nach dem Suizid fallen die Medien über Orsolya her, wobei die Empathie für den Toten nur vorgeschoben ist. Als Angehörige der ungarischen Minderheit wird Orsolya zum Ziel nationalistischer Hasstiraden. Nationalismus kommt aber auch von der anderen Seite, denn Orsolyas Mutter ist bekennende „Orbánistin“.
Auch Schuldgefühle verschleißen sich
Radu Jude setzt Orsolyas Parcours vorwiegend im öffentlichen Raum in Szene und legt dabei die historischen Schichten der Stadt Cluj frei. Historische Gebäude aus der Zeit der Habsburgermonarchie, sozialistische Plattenbauten und die sich „wie in China“ überall ausbreitenden gesichtslosen Wohnanlagen. Ein regelrechtes Faible hat Jude für Denkmäler von Nationalhelden, Königen und Fürsten sowie Kämpfern gegen den Kommunismus; die genaueren Bedeutungen erschließen sich wohl nur mit Insiderwissen.
Der Film geht nie so weit, dass er in Zynismus verfallen würde; seine Kritik formuliert er ein wenig weicher und weniger ätzend als noch in „Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt“ (2023). „Kontinental ‘25“ zeigt aber in aller Klarheit, mit welch relativistischen Strategien man sich durch die Widersprüche der Gegenwart hindurchmogelt – etwa, wenn Orsolya noch im Gespräch mit einer Freundin 500 Euro an eine Hilfsorganisation für Roma-Familien überweist und ihr monatliches Spendenvolumen herunterrattert. Auch Schuldgefühle verschleißen sich irgendwann. Dann fährt man in den Urlaub.