Romería - Das Tagebuch meiner Mutter

Drama | Spanien 2025 | 112 Minuten

Regie: Carla Simón

Eine 18-jährige Frau, die nach dem frühen Tod ihrer Eltern bei der Familie ihrer Mutter in Barcelona aufgewachsen ist, reist zum ersten Mal zur Familie ihres Vaters an die Atlantikküste von Galicien. Eigentlich benötigt sie nur eine Sterbeurkunde für ein Stipendium. Von ihren zahlreichen Verwandten mit offenen Armen empfangen, wird sie jedoch von einem Schwarm widersprüchlicher Erzählungen über ihre Eltern überwältigt, die nicht zu dem Bild passen, das sie sich bislang von ihnen gemacht hat. Ein autobiografisch inspiriertes und durchdrungenes Drama über Macht und Ohnmacht des Erinnerns, Verdrängen und Verschweigen. Trotz einiger Längen steckt der wunderbar fotografierte und überzeugend gespielte Film voller Liebe zum Leben, zur Familie, zum Kino und zum Meer. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
ROMERÍA
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Elastica Films/Ventall Cinema/Dos Soles Media/Romería Vigo
Regie
Carla Simón
Buch
Carla Simón
Kamera
Hélène Louvart
Musik
Ernest Pipó
Schnitt
Sergio Jiménez · Ana Pfaff
Darsteller
Llúcia Garcia (Marina) · Mitch Martín (Suso) · Tristán Ulloa (Lois) · José Ángel Egido (Marinas Opa) · Marina Troncoso (Marinas Oma)
Länge
112 Minuten
Kinostart
02.04.2026
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
IMDb | TMDB

Drama um eine junge Frau, die früh ihre Eltern verloren hat, und während eines Besuchs bei ihren Verwandten in Galicien erfährt, dass ihr viele Details über ihren Vater verheimlicht wurden.

Aktualisiert am
18.03.2026 - 17:36:19
Diskussion

Als Marina (Llúcia Garcia) nicht mehr weiterweiß, geschieht etwas Seltsames. Auf einem Fest trifft sie ihren Onkel, den sie erst vor wenigen Tagen zum ersten Mal kennengelernt hat – wie auch die restliche große, quirlige Familie ihres früh verstorbenen Vaters, ein wuselndes Durcheinander aus Cousins, Cousinen, Tanten, Onkeln und Großeltern. Die vielen widersprüchlichen Geschichten, die sie seitdem über ihre Eltern gehört hat, passen weder zu dem, was ihr die Familie ihrer ebenfalls früh verstorbenen Mutter, bei der sie in Barcelona aufgewachsen ist, immer erzählt hat; noch zu dem Bild, das sie sich selbst anhand der spärlichen Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter gemacht hat.

In ihrem Tagebuch beschreibt Marinas Mutter die Wohnung, in der Nähe von Vigo an der galicischen Atlantikküste, in die sie mit Marinas Vater Fon in den 1980er-Jahren gezogen ist: mit Blick auf die Ría de Vigo, die Cíes-Inseln und vor allem das Meer, mal „ruhig, blau, friedlich“, mal „wild und rau“. Und so stellt sich Marina („die zum Meer Gehörende“) wohl auch die Liebe ihrer Eltern vor: leidenschaftlich, groß, wild, aber harmonisch.

Tuscheln über schlechtes Blut

Als Marina im Jahr 2004, nachdem sie gerade 18 geworden ist, von Katalonien aus in den spanischen Norden fährt, weil sie für ein Filmstipendium die Sterbeurkunde ihres Vaters benötigt, stößt sie schnell auf Ungereimtheiten. Laut der Sterbeurkunde war Fon kinderlos; ein Fehler, der sich durch einen Notarbesuch ihrer Großeltern recht einfach beheben ließe. Doch der Großvater drückt Marina lieber einen Umschlag voller Geldscheine in die Hand, der das Stipendium ersetzen soll. Fons Geschwister sind sich uneins darüber, wo Marinas Eltern früher gewohnt haben. Ihre Cousins und Cousinen tuscheln etwas von schlechtem Blut und schließlich darüber, dass Fon versteckt worden sei, als er an Aids erkrankt war. Gestorben ist Fon außerdem erst 1992, fünf Jahre später, als Marina annahm. Fünf Jahre, in denen er sich bei ihr hätte melden können.

All das bringt Marina in ihrem Inneren nicht mehr zusammen. So herzlich und innig sie alle aufnehmen und an ihrem Leben teilhaben lassen, als wäre sie bloß ein weiteres Mitglied dieser chaotischen, fröhlichen und neurotischen Familie, so verloren fühlt sie sich bisweilen. Also versucht sie auf diesem Fest, auf das sie sich zusammen mit ihrem gleichaltrigen Cousin Nuno geschlichen hat, von ihrem Onkel Iago (Alberto Gracia), dem schwarzen Schaf der Familie, der nicht weiß, wie er die Miete bezahlen kann und ständig betrunken oder bekifft ist, Antworten zu bekommen. Ihr Vater, erklärt Iago ihr, konnte nicht für sie da sein. Er konnte kein Bruder sein, kein Sohn, kein Vater, weil er ein Junkie war.

In dem Moment, in dem Marina endgültig begreift, dass die Vorstellungen, die sie sich vom Leben und Sterben ihrer Eltern gemacht hatte, falsch waren, geschieht das Seltsame. Eine Katze taucht auf, sieht sie an, als wollte sie ihr etwas sagen oder zeigen. Marina folgt ihr auf einem Weg, der sie in die Vergangenheit führt, zum Hochhaus, in dem ihre Eltern lebten, und von dessen Dach, als habe plötzlich Luis Buñuel die Regie übernommen, eine endlos lange Strickleiter heruntergelassen wird, an der Marina hinaufklettert. Es ist jedoch kein Traum, der sich fortan entfaltet, kein „Marina im Wunderland“. Der Film kippt nicht ins Surreale oder Fantastische, er findet lediglich, ganz unvermittelt und selbstverständlich, eine wunderbare Metapher für Marinas Erinnerungen, die sich verändern.

Das Erfinden von Erinnerungen

All das hat einen autobiografischen Kern, weil auch die Eltern der Regisseurin Carla Simón früh an Aids starben und sie beim Versuch, deren Leben zu rekonstruieren, ebenfalls keine endgültigen Antworten fand. Das legt nahe, „Romería“ auch als Film über Film oder überhaupt über narrative Kunst zu deuten. Was ist das Erzählen von Geschichten denn anderes als das Erfinden von Erinnerungen? Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte prägt Simóns bisheriges Werk so stark, dass sie nach „Fridas Sommer“ (2017) und „Alcarràs“ (2022) mit „Romería“ nun einen Zyklus abgeschlossen sieht.

Das alles ist gut zu wissen, lexikalisches Beiwerk, jedoch kein Grund, den Film deshalb mit anderen Augen zu sehen. Umgekehrt aber steckt das echte Leben so sehr in jeder Faser, jeder Szene und Einstellung dieses feinsinnigen Werks und seines Drehbuchs, dass es kaum verwundern kann, dass es nicht am Reißbrett entstanden ist. Immer wieder findet die Handlung an Stellen, an denen eingeübte Sehgewohnheiten eigentlichen einen Plot Point, einen kathartischen Twist mit großer Geste und Selbstfindungsemphase erwarten lassen, einen überraschend natürlichen, unspektakulären Fortgang.

Azurblaues Glitzern, summende Gespräche

Die Figuren um die von Llúcia Garcia mit kraftvoller Aura unterspielte Marina – eine überhaupt nicht außergewöhnliche und doch einzigartige junge Frau, werden anders als in „Alcarràs“ größtenteils nicht von Laiendarstellern verkörpert, wirken aber trotzdem so, als seien sie einfach sie selbst: gemischte, widersprüchliche Charaktere in verschiedensten Schattierungen. Simón verhält sich nicht zu ihnen, sie gibt ihnen Raum. Überhaupt entwickelt sie die Erzählung so behutsam gemächlich (manchmal fast zu gemächlich) zwischen azurblauem Glitzern und summenden Gesprächen, dass man – stünde im Presseheft nicht, dass „Romería“ in Spanien eine Prozession zum Totengedenken, aber auch ein Volksfest bezeichne (was in der magischen Metaphorik nach Marinas Begegnung mit der Katze beides zusammenfällt) – hätte vermuten können, der Filmtitel sei eine Hommage an Éric Rohmer.

Unaufgeregt, gleichsam organisch atmet der Film Kinogeschichte ein und aus: Segelbootbilder wie aus René Cléments „Nur die Sonne war Zeuge“, ein einsamer Strand, das Meer und das nackte, naiv-zerbrechliche Liebesglück aus Ingmar Bermans „Die Zeit mit Monika“ oder Michelangelo Antonionis verschwimmende Wahrnehmungen. Selbst der Wechsel zwischen den sorgsam arrangierten Filmbildern und Marinas verwackelten, rauschenden Videoaufnahmen voller Reißschwenks fügt sich da nahtlos ein.

Dass diese kleine, bezaubernde, Zeiten und Menschen unterschiedlicher Generationen in einer scheuen Umarmung verbindende und von Kamerafrau Hélène Louvart wunderschön fotografierte Geschichte zugleich auch noch etwas über die Vergangenheit Spaniens in den Jahren nach der Franco-Diktatur erzählt, über die Heroin-Epidemie und die Stigmatisierung von Aidskranken, ist, das räumt Simón selber ein, mehr als sie ursprünglich vorhatte. Es passiert, wie so vieles, wenn die Kunst im Mittelpunkt steht, ganz von selbst.

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