Es sind die letzten Tage des alten Hawaiis. Die Strände, die Vulkane, die Felsen und das Grün, das sie überwuchert, scheinen noch unberührt. Allein die Palmen- und Wassergärten, Hüttensiedlungen und die wenigen Steintempel zieren die natürliche Schönheit des Archipels. Und doch: Reinheit und Unberührtheit sind in den letzten Jahrzehnten vor dem 19. Jahrhundert, von denen „Chief of War“ erzählt, längst Illusion. Die Königreiche des Archipels, O’ahu, Maui, Hawaii und Kaua’i, führen seit jeher Krieg, und auch James Cook hat an diesem Punkt der Geschichte die Inseln als Herold der Kolonialmächte bereits besucht. Hawaii ist nicht mehr isoliert. Den ursprünglichen Zustand eines unberührten Paradieses gibt es nicht, und wie der ewige Krieg der Inselgruppen zeigt, gab es ihn nie.
Dass gleich zu Beginn die Nachfolger Cooks auf Hawaii landen, ändert alles, hält die Serie aber eben nicht im Rahmen des Konflikts zwischen Kolonialmacht und indigener Kultur fest. Die Zukunft, die mit den Kolonialisten kommt, ist das am Horizont aufziehende Schicksal, aber sie ist noch fern. Die Götter, die durch die Seherin (Roimata Fox) sprechen, fürchten nicht den nächsten Kolonialherrscher, sie fürchten Ka’ahumanu (Luciane Buchanan), die der Häuptling und künftige König der Insel, Kamehameha (Kaina Makua), in diesem Schlüsselmoment der hawaiianischen Geschichte zur Frau nehmen wird.
Ein komplexes politisches und kulturelles Abbild der Inselreiche
„Chief of War“ zeichnet ein komplexes politisches und kulturelles Abbild der einzelnen Inselreiche, die zu Beginn der Handlung kurz vor der Vereinigung zum Königreich Hawaii stehen. Nicht allein im Krieg zwischen den Völkern ist das erkennbar. Auch innerhalb der Kasten der Königreiche rumort es: Nicht jede und jeder glaubt an die Prophezeiung, die von einem König erzählt, der die Stämme einen wird, nicht alle haben einen Platz in den Hierarchien der Stämme, und die Hierarchien der Königreiche bringen sichtbar Gewinner und Verlierer hervor.
Als Exilant des Königreichs Maui, das von seinem Onkel Kahekili (Temuera Morrison), dem mächtigsten der Herrscher des Archipels, regiert wird, wandelt Ka’iana (Jason Momoa) schon vor der Ankunft der englischen Entdecker zwischen den Welten. Er glaubt nicht mehr an die Prophezeiung und, nachdem Kahekili ihn unter falschen Vorzeichen ein weiteres Mal in den Krieg ziehen lässt, auch nicht mehr an dessen Herrschaftsanspruch. Von den Kriegern Mauis gejagt, strandet Ka’iana bald vollends zwischen den Welten: er landet an Bord eines britischen Expeditionsschiffs, sieht die Welt jenseits der Hawaii-Inseln; sieht den Fortschritt und die Grausamkeit, die sein Volk erwarten.
Wie viel Veränderung muss bekämpft, wie viel akzeptiert werden?
Ka’ianas Geschichte ist eine der verlorenen Unschuld, aber eben nicht die eines larmoyanten Niedergangs. Ka’iana sieht auch einen Weg vorwärts, sieht die Möglichkeiten, die Waffen und Handel bieten. „Chief of War“ nähert sich der Kollision der Welten nicht über die einfache Gegenüberstellung. Im Schatten der Kolonialisierung, aber gänzlich der Perspektive der indigenen Völker Hawaiis verschrieben, dreht sich hier alles um die notwendigen Vermittlungsprozesse zwischen Prophezeiung, Brüderschaft, Tradition und Erneuerungsbewegung. Die Frage, wie viel Veränderung bekämpft und wie viel Veränderung akzeptiert werden muss, verhandelt „Chief of War“ innerhalb der hawaiianischen Kultur.
Der Authentizitätsanspruch geht dabei weit über die Besetzung von Schauspieler:innen mit indigenen Wurzeln und die hawaiianische Sprache hinaus: Narrativ und ästhetisch ist hier alles um kulturspezifische Lebensweisen Hawaiis gestaltet. Religiöse und politische Rituale geben oft den Rahmen der Szenen vor, in denen sich in Wort und Gesang ein politischer Wille manifestiert. Dass dieser fast ausschließlich der herrschenden Kaste gehört, wird ebenso offen mitreflektiert wie die Geschlechterrollen, die zwischen persönlicher und kriegerischer Selbstbestimmung und Zwangsheiraten ein vielschichtiges Gesamtbild ergeben.
Hawaiianische Kultur, gekoppelt mit Tragik und Action-Extravaganz
Die Hochzeitszeremonie zwischen Kamehameha und Ka’ahumanu ist ein Zeugnis für den Spagat, den die Showrunner wieder und wieder bewältigen. Die Heirat ist zugleich würdevolle Zeremonie und düsteres Einzelschicksal einer Frau; ein im tragischen Zwiespalt zwischen Schönheit und Schwere gefangener Moment. „Chief of War“ verdient sich sein Pathos mit eben dieser Aufrichtigkeit und weiß die hawaiianische Kultur gleichermaßen gut mit der Tragik wie mit der Action-Extravaganz zu koppeln, lässt Jason Momoa wie Aquaman an die Finne eines Hais geklammert schwimmen, ihn anschließend das Tier töten, dem er sein Gebet widmet („Durch deinen Tod möge das Leben bewahrt werden.“). So wie Hans Zimmer seine Bombast-Klänge an die traditionellen Gesänge der Inseln anschmiegt, erden Jason Momoa und Drehbuchautor Thomas Pa’a Sibbett das Spektakel in Tradition und Ritus.
Inmitten der geschichtlichen Umwälzungen findet die Serie immer auch das Individuum. Im Zentrum steht Ka’ianas Familie, womit hier indes nicht die westliche Kernfamilie gemeint ist, sondern eine egalitär organisierte Gruppe zwischen Blutsverwandtschaft und tiefer freundschaftlicher Verbundenheit ist. Nahi’ (Siua Ikale’o), Namake (Te Kohe Tuhaka) und Heke (Mainei Kinimaka) sind nicht Ka’ianas leibliche Geschwister, bilden aber ebenso einen Teil der Familie wie seine Frau, die Kriegerin Kupuohi (Te Ao o Hinepehinga). Als indigenes Epos ist „Chief of War“ weit jenseits von Personal, Fakten, Daten und Artefakten gedacht. Nicht Geschichtsschreibung ist hier die Intention, sondern der Versuch, eine Kultur innerhalb ihrer Vielfalt und ihrer Widersprüchlichkeit einzukreisen: in Liebe, in Konflikten und in den tragischen Momenten, in denen beide kollidieren.