Dokumentarfilm | USA 2025 | 115 Minuten

Regie: Mark Obenhaus

Eine dokumentarische Biografie über den 1937 geborenen US-amerikanischen Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh, der seit den 1960er-Jahren über Kriegsverbrechen, Überwachungsskandale und Staatsstreiche berichtet. Bekannt wurde Hersh 1969 durch die Aufdeckung des Mỹ-Lai-Massakers der US-Armee; später berichtete er über den Watergate-Skandal und die Menschenrechtsverletzungen in Abu Ghraib. Neben der Chronologie seiner Karriere entwirft der Film das Porträt eines eigenbrötlerischen Wahrheitskämpfers, der zwischen kritischer Reflexion und verbissenem Starrsinn hin- und hergerissen wird. Passend dazu pendelt die filmische Form zwischen kühler Professionalität und paranoider Thriller-Ästhetik. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
COVER-UP
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Plan B Ent./Praxis Films
Regie
Mark Obenhaus · Laura Poitras
Kamera
Mia Cioffi Henry
Musik
Maya Shenfeld
Schnitt
Peter Bowman · Amy Foote · Laura Poitras
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
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Dokumentarfilm über den investigativen US-Journalisten Seymour Hersh.

Veröffentlicht am
29.12.2025 - 14:42:21
Diskussion

Schon vor dem ersten Bild setzt Musik ein, dröhnend und drohend. Sie beschwört das allumfassende Unbehagen eines Mannes herauf, das um jeden Preis mit der Welt geteilt werden muss. Es ist der Generalbass eines verfinsterten Lebens. Auch wenn der US-Enthüllungsjournalist Seymour Hersh paranoid sein sollte, dann heißt das noch lange nicht, dass feindliche Mächte nicht hinter ihm her sind.

Schon früh in „Cover-Up“ erklärt Hersh dem Regieduo Laura Poitras und Mark Obenhaus: „Vertrauen ist kompliziert. Ich traue selbst euch kaum.“ In einer mehr als sechzig Jahre andauernden Karriere hat der Journalist Kriegsverbrechen, Staatsaffären und Abhörskandale aufgedeckt; er wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und von mächtigen Männern bekämpft. Er hat so oft die Fäulnis unter der Oberfläche der US-amerikanischen Politik aufgedeckt, dass ihm selbst nur wenig sicherer Boden bleibt, auf dem er stehen kann. Heute schreibt er für die Plattform Substack; das Motto seines Blogs lautet: „It's worse than you think.“ Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.

Viele der Dokumentarfilme von Laura Poitras sind Porträts, die in der Regel aber unmittelbar mit aktuellen Ereignissen verknüpft sind. An Edward Snowden („Citizen Four“) oder Julian Assange („Risk“) war nicht unbedingt die Biografie, sondern vor allem die Sprengkraft ihrer Enthüllungen interessant. Bei „All the Beauty and the Bloodshed“ über die Fotografin Nan Goldin und bei „Cover-Up“ ist es anders: Sie erzählen von Leben, die im Kampf verbracht wurden. Es sind Schadensberichte, eine Inventur der Kriegsnarben, Reflexionen über beschädigte Existenzen.

Seymour Hersh und das Mỹ-Lai-Massaker

Seymour Hersh wurde 1937 in Chicago geboren. In seiner Jugend arbeitete er in der Wäscherei seines jüdisch-litauischen Vaters. Nach einem Studium an der University of Chicago wurde er Polizeireporter, Wahlkampfberater und Pentagon-Korrespondent. Internationale Berühmtheit erlangte er durch seine Beiträge zur Aufdeckung des Mỹ-Lai-Massakers durch die US-Armee im Jahre 1969. Er berichtete über Watergate, CIA-Spionageaktionen und Abu Ghraib, schrieb Bücher über Kissinger, Nixon, John F. Kennedy und den Tod von Osama Bin Laden.

Das Buch „Cover-Up: The Army's Secret Investigation of the Massacre at My Lai 4“ aus dem Jahr 1972 gibt dem Film seinen Titel. Der Skandal um Kriegsverbrechen in Vietnam wird zu Filmbeginn detailliert nachgezeichnet und gegen Ende noch einmal aufgegriffen, als eine Art Blaupause für andere Affären. So entsteht eine Rahmung für eine sonst eher in thematische Blöcke unterteilte Dokumentation. Es gibt viele Zeitsprünge, vor und zurück. Dadurch wirkt der Film rein additiv. Es fehlt die Bereitschaft, Leben und Karriere wirklich zu deuten. Die Inszenierung konzentriert sich zwar auf einige Episoden und Epochen in Hershs Leben, doch zentrale Thesen oder eine Essenz lassen sich nicht ausmachen.

Ein innerer Widerstreit

Interessant ist eine Doppelbewegung des Films. Einerseits werden schmerzliche und düstere Themen in Dokumente, Karten und wenig dramatische Standbilder verwandelt. Schwarz-weiße Archivaufnahmen und Zeitungsartikel historisieren und schaffen Distanz zwischen den Ereignissen. Die journalistische Ethik will die Temperatur senken und einen Denkraum eröffnen, gleichzeitig aber unterminieren die Musik und schroffe Interviewsequenzen eine Ästhetik der Neutralität.

So erzählt der Film von einem inneren Widerstreit. Im Laufe seiner Karriere wird Hershs Arbeit zunehmend kritisiert. Gerade seine Berichterstattung über den syrischen Machthaber Baschar al-Assad und die Giftgasangriffe von Ghouta wurden angezweifelt; sein Artikel über die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipeline druckte keine Publikation. Hersh verrennt sich, spitzt über Gebühr zu und wittert überall große Verschwörungen. Wer will ihm das wirklich verübeln? Er hat so viele Gräueltaten offenbart - das Wort „Apokalypse“ leitet sich nicht umsonst vom griechischen Wort „Enthüllung“ ab. Wo Menschen unter mysteriösen Umständen aus Hotelzimmern stürzen und Howard Hughes Schiffe mit Namen wie „Glomar Explorer“ für die CIA anfertigen lässt, um unbemerkt sowjetische U-Boote zu bergen, ist die Fiktion nicht fern. Hersh wirkt oft wie eine Figur aus einem Roman von Thomas Pynchon oder Franz Kafka: zerrissen zwischen anmaßendem Optimismus im Kampf gegen schattenhafte Mächte und der Verzweiflung ob ihrer Ränkespiele.

Weder Hagiographie noch Verdammung

Die beiden Regisseure gehen also tagesaktuellen Fragen nach. Wann wird ein kritischer Geist zum Querulanten, verwandelt sich dialektisches Denken in ein intellektuelles Spiegelkabinett? Wie driftet man ab, verliert sich, wann schlägt strenge Aufklärung in Barbarei und Willkür um? Der Film ist weder Hagiographie noch Verdammung. In letzter Konsequenz ist er nicht einmal im engeren Sinne politisch. Die vielen Berichte verschmelzen zu einer Textur US-amerikanischer Verbrechen, zu einer Art Hintergrundrauschen. Ein Nulllevel imperialer Gewalt. Am Ende des Films fasst Hersh zusammen: „Es darf kein Land geben, das so etwas macht. Deshalb war ich seither auf dem Kriegspfad. Ein Land darf da nicht wegsehen. Wenn ich ein Mantra habe, dann dieses.“

Damit ist dazu eigentlich auch alles gesagt. Doch in „Cover-Up“ geht es stattdessen um die Einsamkeit der Gegenläufer, um die Schattenseiten einer Untergrundexistenz. In einer bemerkenswerten Szene blättert Hersh in den Unterlagen, die Poitras und Obenhaus über ihn gesammelt haben. Er wirkt erzürnt und bricht das Gespräch ab. Die beiden wissen zu viel über seine Quellen. Den ganzen Film über lernt man ihn als den Journalisten kennen, der tiefer wühlt und bis zum Glutkern gräbt. Darauf ist er zu Recht stolz. Die Recherche über ihn empfindet er hingegen als anmaßend, quasi als Majestätsbeleidigung. Nicht nur Kinogänger wissen, dass man gerne sieht und weniger gerne gesehen wird. Am Anfang des Films sagt Hersh: „Ich mache keine Psychoanalyse meiner Gesprächspartner. Bei mir selbst zum Glück auch nicht. Ich weiß, ihr möchtet das gerne, aber das mache ich nicht.“

So offenbart sich der Dokumentarfilm über den einsamen Wahrheitskrieger in einem späteren Abschnitt doch noch als eine Liebesgeschichte. Denn eine darf ihn dann doch sehen und erkennen; nur einer kann er sich offenbaren: seiner Ehefrau Sarah Klein, die von Beruf Psychoanalytikerin ist.

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