Drama | Deutschland 2023 | 79 Minuten

Regie: Florian Schmitz

Ein junger Mann aus Köln wird im ersten Corona-Jahr wohnungslos und campiert fortan in einem Lieferwagen. Bald gesellen sich zwei Frauen zu ihm, doch die räumliche Enge führt rasch zu Spannungen. Die minimalistische Drifter-Ballade setzt auf Alltagssituationen und leise Beobachtung. Zwischen anfänglicher Sommerleichtigkeit und Stagnation begleitet der Film den Protagonisten durch eine urbane Zwischenwelt, in der auch Nähe und Halt aufscheinen, auf Dauer aber die soziale Schieflage überwiegt. Ein formal unspektakuläres, aber nachwirkendes Bild gesellschaftlicher Marginalisierung. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2023
Produktionsfirma
Kunsthochschule für Medien Köln
Regie
Florian Schmitz
Buch
Florian Schmitz
Kamera
Martin Paret
Musik
Twit One
Schnitt
Patrick Hanemann
Darsteller
Christoph Bertram (Karsten) · Fee Zweipfennig (Sophie) · Luana Velis (Miray) · Ruzica Hajdari (Frau Januschek) · Stefan Lampadius (Lambert)
Länge
79 Minuten
Kinostart
11.09.2025
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama
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IMDb | TMDB

Spannende Drifter-Ballade über einen jungen Mann, der während der Corona-Pandemie in Köln seine Wohnung verliert und fortan in einem Lieferwagen campiert.

Aktualisiert am
16.09.2025 - 10:48:44
Diskussion

Karsten (Christoph Bertram) ist ein junger Mann, der elektronische Musik macht und bei einem Bekannten illegal zur Untermiete wohnt. Als der Vermieter die Wohnung renovieren will und eine Gutachterin schickt, ahnt Karsten nichts Böses. Doch dann kündigt der Vermieter, und Karsten landet auf der Straße. Wenigstens kann er sich einen Umzugswagen ausleihen, einen klapprigen roten Lieferwagen. Darin verstaut er Matratze und Habseligkeiten und benutzt ihn fortan als Wohnwagen. Nachts muss er das Gefährt auf Brachen oder anderen zwielichtigen Orten parken, um nicht verscheucht zu werden. Es ist Juni; deshalb kann Karsten im ersten Jahr der Corona-Pandemie viel Zeit draußen verbringen und den Sommer genießen.

Liebe Mutter, mir geht es gut

Karsten ist ein künstlerischer Typ, der gerne mit Musik seinen Lebensunterhalt verdienen würde. Er weiß nur nicht, wie er das anstellen soll. Seinen Synthesizer muss er bald verkaufen. Doch dann bekommt er Gesellschaft. Sophie (Fee Zweipfennig) und Miray (Luana Velis), die aus einem Hostel geflogen sind, kommen vorübergehend bei ihm unter – vorübergehend. Bald werden Karsten und Sophie ein Paar. Doch auf engstem Raum kommt es zu dritt bald zu Spannungen. Alle Bemühungen, eine Wohnung zu ergattern, scheitern. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate. Der Besitzer will den Lieferwagen zurückhaben; zudem wird das Trio von seinem Stellplatz vertrieben. Schließlich geht die Beziehung in die Brüche, und Karsten ist wieder allein. Er driftet durch die Stadt, nimmt Gelegenheitsjobs an, wäscht sich in öffentlichen Toiletten. Seiner Mutter gaukelt er mit Fotos von Wohnungsbesichtigungen vor, dass es ihm gut gehe.

„Raumteiler“ von Florian Schmitz ist ein lakonischer Film, der sich dem getragenen Lebensrhythmus des Protagonisten anpasst. Ein eigentlich dramatisches Ereignis – ein junger Mann wird obdachlos – wird als unaufgeregte Drifter-Ballade erzählt. Sie ist figurenorientiert, verzichtet auf dramatische Wendungen und folgt der Hauptfigur in die Monotonie eines sozialen Abstiegs, für den sich niemand zu interessieren scheint.

Ein schambesetztes Thema

Wie schambesetzt Wohnungslosigkeit ist, merkt man dem Verhalten der Protagonisten an. Karsten kann sich niemandem anvertrauen. Er hat keine Lobby und gaukelt seinen Bekannten eine heile Welt vor. Die beiden jungen Frauen machen es genauso. Alle sind jung und bis zu einem gewissen Punkt unbeschwert. Doch wenn man kein Netzwerk hat und weder clever noch voller krimineller Energie ist, kann man in einer anonymen Stadt wie Köln, in der sich die Mieten wie in anderen Ballungszentren Deutschlands vervielfacht haben, sozial schnell absteigen.

„Raumteiler“ ist kein Sozialdrama à la Ken Loach, das kämpferisch oder überdeutlich den Staat oder ein erbarmungsloses, profitorientiertes System anklagen würde. Die Sozialkritik offenbart sich in „Raumteiler“ eher zwischen den Zeilen: an der Stagnation des Protagonisten oder an der langsamen, aber stetigen Abwärtsspirale, aus der er sich nicht mehr befreien kann. Wie Karsten es dennoch schafft, sich nicht komplett gehen zu lassen und auf Hygiene und sein Äußeres zu achten, erzählt der Film in vielen kleinen Details. Öffentliche Toiletten in Cafés oder Kultureinrichtungen dienen zum Haarewaschen, Zähneputzen oder für eine flüchtige Ganzkörperwäsche. Im Waschsalon kann er seine dürftige Garderobe sauber halten, während ein Kino als Ort für ein Nickerchen und als Wärmestube zugleich herhält. Denn nach dem Sommer kommt der Herbst, ohne dass sich an Karstens Situation irgendetwas verändert hätte.

Aus dem Blick eines Wohnungslosen

Dass der Film während der ersten Monate der Corona-Pandemie spielt, macht ihn zu einem Zeitzeugnis. Die Protagonisten tragen in Innenräumen oft Maske – etwa bei Wohnungsbesichtigungen. Einen nennenswerten Einfluss auf Karstens Entwicklung hat die weltweite Ausnahmesituation jedoch nicht. Karsten hat genug mit seiner persönlichen Lebenslage zu tun.

„Raumteiler“ ist ein minimalistischer Film, der mit viel Sympathie für seinen Helden undramatisch und beiläufig dem Geschehen folgt und sich weigert, ihn in die Kriminalität abrutschen zu lassen. Ein Außenseiter betrachtet die Welt der Wohnungsbesitzenden wie durch eine unsichtbare Wand – ohne Chance, an ihr teilhaben zu können. Dass so etwas in Deutschland möglich ist, ist der eigentliche Skandal, dessen man sich allmählich bewusstwird.

Hauptdarsteller Christoph Bertram führt mit wachen Augen, in denen sich Naivität, Erstaunen, Freude, aber zunehmend auch Resignation spiegeln, durch den Film. Auch Karstens Mitstreiterinnen werden von Fee Zweipfennig und Luana Velis als zwischen jugendlichem Übermut, Optimismus und Ernüchterung schwankende Frauen ohne festen Zukunftsplan gespielt. Ohne in Elendsästhetik zu verfallen, zeigt „Raumteiler“, dass die Zeit fröhlicher Vagabunden, wie sie einst verklärt wurde, heute endgültig vorbei ist.

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