Drama | Frankreich/Belgien/Saudi-Arabien 2024 | 100 Minuten

Regie: Emma Benestan

In der südfranzösischen Camargue nimmt eine junge Frau an einem traditionellen Stierkampf teil, bei dem dem Tier eine zwischen den Hörnern befestigte Kette geraubt werden muss. Als sie nach einer ausgedehnten Feier Gedächtnislücken hat, beginnen sich ihre Wahrnehmung und ihr Körper zu verändern. Zudem treibt ein wilder Stier sein Unwesen, der nach und nach die Kollegen der jungen Frau tötet. Ein Coming-of-Age-Drama mit Body-Horror-Elementen, in dem der Stier patriarchale Unterdrückung symbolisiert, aber auch die geballte Naturgewalt, die sich gegen die Repression auflehnt. Der Film punktet mit seinem markanten Schauplatz und düster-atmosphärischen Breitwandbildern; die zentrale Allegorie fällt allerdings zu eindimensional aus und die finale Enthüllung erscheint zu naheliegend. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
ANIMALE
Produktionsland
Frankreich/Belgien/Saudi-Arabien
Produktionsjahr
2024
Produktionsfirma
June Films
Regie
Emma Benestan
Buch
Emma Benestan
Kamera
Ruben Impens
Musik
Yan Wagner
Schnitt
Clémence Diard
Darsteller
Oulaya Amamra (Nejma) · Damien Rebattel (Tony) · Vivien Rodriguez (Kylian) · Claude Chaballier (Léonard) · Elies-Morgan Admi-Bensellam (Jordan)
Länge
100 Minuten
Kinostart
25.09.2025
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Horror
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Heimkino

Verleih Blu-ray
Plaion
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Atmosphärisch-düsteres Drama um eine junge Frau, die bei einem traditionellen Stierkampf in der Camargue teilnimmt, bei dem dem Tier eine zwischen den Hörnern befestigte Kette geraubt werden muss.

Veröffentlicht am
24.09.2025 - 13:33:02
Diskussion

Einsam reitet Nejma (Oulaya Amamra) durch die staubige Prärie. Erst in der folgenden Einstellung offenbart sich, dass sie Teil einer größeren Gruppe von Viehhirten ist, die gerade eine Herde Stiere zusammentreibt. Kaum wurden die Tiere eingefangen, halten die Männer ein wild zappelndes Kalb fest, dem Nejma ein Brandzeichen ins Fell drückt. In solchen Momenten ist die junge Frau zwar Teil eines eingespielten Teams, wird in den Bildern aber immer wieder vom Rest der Gruppe isoliert.

Das deutlich spektakulärere Schauspiel der Viehhirten findet dann vor Publikum statt. Auch wenn der Film „Animale“ von Emma Benestan zunächst wie ein Western aussieht, spielt er in Wahrheit im Süden Frankreichs. Die „Corsa camarguenca“ erfreut sich hier großer Beliebtheit und zählt mittlerweile auch zum immateriellen Kulturerbe des Landes. Es ist eine Art Stierkampf, bei der sich weiß gekleidete „Stierstreifer“ behutsam dem Tier nähern, um eine zwischen seinen Hörnern befestigte Kette zu entfernen – und sich dann mit der Trophäe möglichst schnell in Sicherheit zu bringen. „Animale“ inszeniert diesen Sport als konzentriertes, furchtloses Ritual, bei dem die kleinste Unachtsamkeit verheerende Folgen nach sich ziehen kann.

Ein langer Blickwechsel

Nejma ist bei diesen Kämpfen anfangs zögerlicher als ihre Kollegen. Dass sie als Frau eine Außenseiterstellung einnimmt, ist zunächst zweitrangig. Zwar finden es alle selbstverständlich, dass sie nach dem Saufgelage die Gläser zusammenräumt, doch bei den provokativen Angebersprüchen in der Umkleide steht sie ihren männlichen Kollegen in nichts nach. Sich wirklich öffnen kann sie sich aber nur dem schwulen Tony (Damien Rebattel), der seit einem Unfall mit einem Stier arbeitsunfähig ist.

Mit der Zeit wird der Graben zwischen Nejma und ihren Kollegen aber immer tiefer. Während ihr die Männer immer fremder vorkommen, werden ihr die Tiere umso vertrauter. Es beginnt mit langen Blickwechseln zwischen Nejma und dem Stier Tonnère. Nachdem sie sich nach einer drogengeschwängerten Nacht plötzlich an nichts mehr erinnert, verändert sich auch ihre Wahrnehmung und ihr Körper. So nimmt sie unerträglich laute Schmatzgeräusche wahr, während die anderen Viehhirten ein Steak verdrücken. Zudem beginnt ein mysteriöser Stier nach und nach die Viehhirten zu töten. An den Möglichkeiten, diese Gruselgeschichte spannend zu erzählen, zeigt sich „Animale“ allerdings wenig interessiert. Die Morde geschehen schnell und ohne viel Aufhebens.

Was die Regisseurin im Sinn hat, deutet sich hingegen schon im Titel an. „Tier“ lautet der übersetzte Titel, wobei die weibliche Form benutzt wird, die es im Französischen bei diesem Wort gar nicht gibt. Benestan verschmilzt also das Animalische mit dem Weiblichen und nutzt das Animalische als Metapher, um vom Weiblichen zu erzählen. Die patriarchale Repression wird im Stier symbolisiert, der von den Männern gefangen, geschmückt und bezwungen wird. Für Nejma ist das Tier zugleich Leidensgenosse und ungebändigte Naturgewalt, die sich gegen die Unterdrückung auflehnt.

Düster-atmosphärische Breitwandbilder

In den letzten Jahren wurde das Genre des Body-Horrors meist dazu genutzt, um gesellschaftliche Stigmatisierung und identitätspolitische Fragen zu thematisieren. Prominent etwa von der Regisseurin Julia Ducournau, mit deren Kameramann Ruben Impens Benestan in „Animale“ zusammenarbeitet. Impens’ düster-atmosphärische Breitwandbilder zählen zu den Höhepunkten des Films. Die Choreografien zwischen Mensch und Natur wirken flüssig, und die raue, weite Landschaft wird so präsentiert, als könnten dort allerlei Geheimnisse lauern.

Als feministischer Body-Horror fällt „Animale“ allerdings zu buchstäblich und eindimensional aus. Benestan begnügt sich mit der zentralen Allegorie, die aber nicht originell genug ist, um den ganzen Film zu tragen. Sie läuft auf eine naheliegende Enthüllung hinaus, die dem aufwändigen Aufbau von „Animale“ nicht gerecht wird. Auf seine Genre-Dynamik will sich der Film dabei nicht so recht einlassen. Zugleich aber zeichnet er die Protagonistin nicht komplex genug, um ihre psychische Zerrissenheit als Fundament für die Geschichte nutzen zu können. Nejmas Charakter wird nur grob umrissen; sie vermisst ihren Vater und will sich von der Mutter abkapseln, um ihren eigenen Weg zu gehen und sich behaupten. All das wird aber nur kurz erwähnt. Die Persönlichkeit der jungen Frau bleibt blass. Der Kampf zwischen männlicher Unterdrückung und weiblichem Widerstand gerät damit unweigerlich zu allgemein und stereotyp.

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