Pluribus - Glück ist ansteckend
Satire | USA 2025 | (9 Folgen)
Regie: Vince Gilligan
Filmdaten
- Originaltitel
- PLURIBUS
- Produktionsland
- USA
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- Bristol Circle Ent./High Bridge Prod./Sony Pic. Televsion
- Regie
- Vince Gilligan
- Buch
- Vince Gilligan · Gordon Smith · Alison Tatlock · Vera Blasi · Jenn Carroll
- Musik
- BTR1 · Ricky Cook
- Darsteller
- Rhea Seehorn (Carol Sturka) · Karolina Wydra (Zosia) · Carlos Manuel Vesga (Manousos) · Miriam Shor · Samba Schutte
- Länge
- (9 Folgen)
- Kinostart
- -
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 14.
- Genre
- Satire | Science-Fiction | Serie
- Externe Links
- IMDb | TMDB | JustWatch
Eine satirische Science-Fiction-Serie von "Breaking Bad"-Schöpfer Vince Gilligan um eine Frau, die in einer Welt, in der fast der ganze Rest der Menschheit von einem Alien-Virus in ein gleichgeschaltetes, dauerzufriedenes „Wir“ verwandelt wurde, eines der wenigen letzten normalen Individuen ist.
Der geniale Vince Gilligan („Breaking Bad“) muss Schauspielerin Rhea Seehorn, mit der er schon in „Better Call Saul“ zusammenarbeitete, wohl sehr verehren, und das ganz zu Recht! Wie einst Quentin Tarantino Uma Thurman zur Muse erkor („Kill Bill“ etc.), lässt der Showrunner von „Pluribus“ Seehorn in der Serie ein furioses Solo hinlegen, das alle der vielen Facetten der so talentierten wie sympathischen Darstellerin aufscheinen lässt und auch die krude-naturalistischen Aspekte eines (post-)apokalyptischen Serienszenarios nicht ausspart. War ihre Figur Kim Wexler in „Better Call Saul“ durch ihren Vernunftsinn, ihre uramerikanische Matter-of-Fact-Mäßigkeit und Hands-on-Mentalität (zumeist!) ein erdendes Element für Luftikus Saul Goodman (und also gleichsam eine Stellvertreterfigur für ihr Publikum innerhalb der allerlei Kapriolen schlagenden Handlung), so treiben Buch und Regie dieses Prinzip hier auf die Spitze: Seehorns Figur, Carol, wird in „Pluribus“ als die einzig „Normale“, die einzig menschlich Gebliebene und Agierende beziehungsweise Reagierende unter lauter Mutanten inszeniert.
Radikal verwandelt
Wie kommt es dazu? In rasender Schnelligkeit überzieht eine Pandemie das Land (die USA) und den gesamten Erdkreis; eine Art „Alien Virus“, wie es expressis verbis heißt, befällt alle Welt und schleust die Infizierten wie durch einen kurzen Todesschlaf hindurch zu neuem Leben, wobei es sie jedoch in entscheidenden Dimensionen radikal verwandelt. Ein in Überblendung präsentierter Countdown beziehungsweise Countup teilt die (Menschheits-)Erzählung ultimativ in ein „Davor“ und ein „Danach“. Es gibt – wie fast immer im Seuchenfilmgenre – nur einige wenige, die immun sind gegen die Heimsuchung und nun heroisch versuchen, das Humane zu retten und zu bewahren vor seiner Auflösung und Auslöschung. Zu diesen (Un-)Happy Few gehört Carol, die sich prompt vorkommt wie im falschen Film („I’ve seen this movie …“).
Ihr weiteres Schicksal, das sie nur höchst widerstrebend annimmt, scheint davon bestimmt, als augenscheinlich Unversehrte unter den Mengen zunehmend entindividualisierter Menschenhüllen zu leben, die den ersten Episoden der Serie ihr spezifisches Gepräge verleihen – irgendwo zwischen „The Walking Dead“ und „Sløborn“. Nur dass die Krankheit ihre Opfer diesmal nicht in aggressive Zombie-Bestien verwandelt hat, sondern sie in einen Zustand andauernder Glückseligkeit und Zufriedenheit versetzt und somit „das Böse“ vorderhand gänzlich aus der Welt getilgt zu sein scheint. O happy days!?
Nur noch ein „Wir“
Carol ist im Kern eine realistisch bis pessimistisch eingestellte Zeitgenossin, dabei von einer merklichen Künstler-Unsicherheit über den Sinn und Wert ihrer Produktion und ihrer Person angekränkelt (sie ist oder war eine recht erfolgreiche Autorin romantisch-kitschiger Schmonzetten) – daher geht ihr die Veränderung sofort sehr auf den Zeiger: Alle ihre Mitmenschen legen plötzlich eine sanfte, mildtätige Freundlichkeit zueinander an den Tag, etwa wie im Lazarett oder im Umgang mit Todkranken. Und es gibt für sie nur noch ein „Wir“, kein „Ich“ mehr, und jedes einzelne ehemalige Individuum ist auf rätselhafte Weise mit allen anderen verbunden – „Melted Minds“ wird das genannt, und der Doppelsinn, der in den solcherart ver- beziehungsweise geschmolzenen Hirnen oder Seelen liegt, ist von treffender dialektischer Qualität.
„The Joining“, die große Verbindung, heißt das, und wie alle derartigen „Innovationen“ kommt sie mit Vor- und Nachteilen daher (wobei im Auge des Betrachters liegt, was was ist). So stehen zum Beispiel alle Informationen für jedermann sofort zur Verfügung, und die neuen Menschen, das stellt Carol überrascht fest, können sämtlich nicht mehr lügen (hilfreich für sie)! Allerdings ist mit einem Schlage auch jeglicher Sinn für Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung wie verpufft; wiederum keine gute Grundlage für Carol, die Künstlerin.
Widerstandskämpferin wider Willen
Die Freiheit der Meinung, ja sogar nur das Bedürfnis nach Vielfalt der Meinungen, so suggeriert die Serie, scheinen in dieser als Utopie getarnten Dystopie der nahen Zukunft als Erste eliminiert zu sein. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass hier direkt auf aktuelle US-amerikanische Verhältnisse Bezug genommen wird, so rekurriert der Titel unmittelbar auf das inoffizielle Staatsmotto „E pluribus unum“, dem hier wiederum eine zwiespältige Doppelbedeutung innewohnt: aus vielerlei (beziehungsweise vielen) eines oder eben auch eine(s) aus/von vielen.
Unter diesen Vorzeichen wird Carol eine Widerstandskämpferin wider Willen, sozusagen ein Sandkorn im großen, neuen Getriebe, denn seltsamerweise ist es so, dass jede ihrer Regungen unmittelbar einwirkt auf das Gesamtsystem; ihre (allzu verständlichen) Wutausbrüche etwa verursachen schwere Schäden bei allen in ihrem Nahfeld. Deshalb hält „man“ sich auch bald in sicherer Distanz zu ihr, versorgt sie zwar mit dem Nötigsten, reglementiert die Kommunikation aber durch technische Filter und eine bedauernswerte persönliche Assistentin (Karolina Wydra als Zosia).
Durchaus mit Billigung der neu installierten Weltregierung allerdings kommt es zu einem denkwürdigen Meeting aller noch nicht Infizierten (es sind weltweit genau zwölf) auf einem internationalen Flughafen. Carol reist solo mit einem Jumbo an, und zwar ausgerechnet mit der ausgedienten Air Force One. Und in dieser entfaltet sich nun – einer der frühen Höhepunkte der ersten Staffel und eine von allen stark gespielte Szene – moderne Krisengipfeldiplomatie, wie wir sie beinahe bereits kennen, zur schlichten Frage: wie weiter? Bemerkenswerterweise befindet sich kein Europäer an Bord dieser neuen Arche (!), und „die USA“ alias Carol sitzen wie selbstverständlich am Kopfende des Tisches (klar, sie haben den dicken Flieger ja auch bezahlt und vollgetankt!). Ob das nun ein gutes oder ein schlechtes Vorzeichen für Zukünftiges ist? Immerhin verhandelt Carol um einige Grade geschickter, weil diplomatisch-dialogischer als manch realer US-Vertreter zurzeit.
Unkurierbar frustriert
Wenn das allumfassende „Wir“ allerdings die Hoffnung hegt, Carol mit seiner Vorstellung vom großen Glück anstecken zu können, so steht ihm noch einige Arbeit bevor: Nach eigenem Bekunden wurde sie ohne Lachmuskeln geboren (Seehorn hält das auch durch, alle Achtung!), und ihre schriftstellerische Produktivität ist erlahmt und kann nicht einmal im Proust’schen Sinne von ihren Erinnerungen an die verlorene Zeit mit ihrer Verlegerin/Freundin Helen (Miriam Shor) noch getriggert werden. Stattdessen verabreicht sie sich selbst aus Verzweiflung jene Medizin, die sie ohne wahren Glauben daran früher so freigebig austeilte: Sie sitzt mit Junkfood vor dem Fernseher und bingt seichte Unterhaltung und Comedy. Das, so will uns „Pluribus“ unter anderem wohl auch mitteilen, werden unsere Favoriten sein nach der Apokalypse.
Einen insbesondere visuell starken zweiten Höhepunkt erklimmt die Serie (wortwörtlich) in einer Szene, in welcher Carol, deren Laune nicht besser geworden ist, hoch auf einem Hügel im Sonnenuntergang lange Autokolonnen in alle Richtungen von sich wegfahren sieht. „Wir brauchen jetzt einfach etwas mehr Raum zwischen uns“, hatten „Wir“ ihr zuvor kommuniziert. Carol steht da wie ein invertierter neuer Moses, rot erleuchtet von den vielen Rücklichtern, doch weiterhin als eine Ungläubige vor dem nun herrschenden Gesetz.
Vince Gilligan und seinem Team ist mit „Pluribus“ eine thematisch packende und pikant inszenierte, innovative Produktion gelungen, die in den frühen Folgen ihrer ersten Staffel bereits etliche vielversprechende Fährten legt. Das alles überwölbende, hochaktuelle Generalthema „Freedom falls“ (es ist zu Ende mit unserer persönlichen Freiheit) wird multiperspektivisch und dramaturgisch geschickt eingeführt, und die eine Handschelle, die Carol, die Retterin und Bewahrerin menschlicher Individualität, wie einen coolen Schmuck ganz beiläufig noch trägt, nachdem sie aus kurzzeitiger Haft loskam, hat durchaus das Potenzial zum Must-have und modischen Accessoire der Saison für die trendbewusste politische Aktivistin.