Biopic | USA 2025 | 212 Minuten (4 Folgen)

Regie: Matt Ross

1881 tritt James Garfield als Überraschungskandidat der Republikanischen Partei an, um ein von Eigennutz und Korruption durchzogenes Regierungssystem zu reformieren – gegen den parteiinternen Widerstand. Einer seiner großen Bewunderer ist ein unzurechnungsfähiger Hochstapler, der zunehmend besessen ist von seiner vermeintlichen „Freundschaft“ mit dem Präsidenten. In seinen realitätsfernen Ambitionen enttäuscht, wird er schließlich zum Attentäter des Präsidenten werden. Mit opulenter Ausstattung und einem fantastischen Ensemble kontrastiert die Mini-Serie effektvoll staatsmännisches Gründerväter-Pathos und Altmänner-Vulgaritäten. Dabei findet sie mit Tempo und Humor zu den erstaunlichen Menschen einer filmisch bisher wenig beleuchteten Epoche der US-Geschichte, in der nach dem Sezessionskrieg und dem Attentat auf Abraham Lincoln die Vereinigten Staaten sich politisch konsolidieren mussten. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
DEATH BY LIGHTNING
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Bighead Littlehead/Pioneer Stillking Films/Slater Hall Pic.
Regie
Matt Ross
Buch
Mike Makowsky
Kamera
Adriano Goldman
Schnitt
Joseph Krings · Joe Leonard
Darsteller
Michael Shannon (James Garfield) · Matthew MacFadyen (Charles Guiteau) · Nick Offerman (Chester A. Arthur) · Bradley Whitford (James Blaine) · Shea Whigham (Roscoe Conkling)
Länge
212 Minuten (4 Folgen)
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Biopic | Drama | Historienfilm
Externe Links
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Miniserie um den 20. Präsidenten der Vereinigten Staaten James A. Garfield, die seine kurze Amtszeit und das Attentat auf ihn durch den einstigen Bewunderer Charles J. Guiteau beleuchtet.

Aktualisiert am
10.11.2025 - 15:38:05
Diskussion

Eine Stimme hat sich verirrt. Es ist der zweite Wahlgang der Republican National Convention von 1880. Im zweiten Wahlgang um das Amt des Präsidentschaftskandidaten steht neben den Nominierten Ulysses S. Grant (Wayne Brett), James G. Blaine (Bradley Whitford) und John Sherman (Alistair Petrie) plötzlich eine Stimme für James Garfield (Michael Shannon) im Raum. Garfield ist ein einfacher Kongressabgeordneter aus Ohio, der eigentlich nur den schiefen Tisch fertig bauen und zu Ehefrau Lucretia „Crete“ Garfield (Betty Gilpin) und seinen Kindern zurückkehren möchte. Aber eben dieser einfache Abgeordnete hält auch die beachtlichste Rede des Abends, erinnert alle Anwesenden daran, dass sie die Partei Abraham Lincolns seien und ein republikanischer Präsident ein ebensolches Ideal verkörpern sollte, dem Volk und nur dem Volk zu dienen habe. Die Rede ist so gut, dass niemand mehr John Sherman, denjenigen, zu dessen Gunsten sie angeblich gehalten wurde, wählen möchte, sondern den Redner selbst. Sein Einwand wird abgewiesen, er selbst ist jetzt Nominierter, und einige Wahlgänge später der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei.

Der geborene Staatsmann und sein Attentäter

Ein paar Monate später ist der in Armut geborene, als Held des Sezessionskriegs gefeierte James Abram Garfield der 20. Präsident der Vereinigten Staaten; der erste und bisher einzige, der direkt aus dem Repräsentantenhaus ins höchste Amt wechselte. Garfield ist, so viel machen Showrunner Mike Makowsky und Regisseur Matt Ross schnell klar, der beste Mann für den Job, ob er nun wirklich will oder nicht. Garfield kann, so sehr er es auch versucht, das Majestätische nicht abschütteln. Die Rolle des Mannes, zu dem andere aufschauen, scheint ihn gewählt zu haben, auch wenn er dort am glücklichsten ist, wo er seine Kinder mit einem Kopfstand zum Lachen bringt oder mit seiner Frau auf der selbstgebauten Veranda sitzt.

Die Geschichte James Garfields aber lässt sich nicht allein mittels dieser zwei Seiten, dem privaten und dem politischen Leben, erzählen. Ein Schatten folgt der historischen Figur, sein Attentäter Charles Guiteau (Matthew Macfadyen), der allen Maßstäben nach das Gegenbild des 20. Präsidenten der Vereinigten Staaten ist und damit exakt in das Profil der historischen Attentäter Amerikas fällt. Guiteau ist der Mann, der nach der Grandezza greift, sich auf jedem erdenklichen Weg in die Nähe der großen Männer Washingtons schummelt. Er hat keinen Beruf; seine Familie und die Kommune, in der er einige Zeit verbringt, verachten ihn, seine Geschäftsansinnen, Zeitungsgründungen und Kreditanfragen enden in der Regel damit, dass die örtlichen Wachmänner ihn vor die Tür setzen. Doch Charles Guiteau hat Ambition. Jeder Erfolg Garfields wird von einer Niederlage Guiteaus gespiegelt, und doch drängen beide Männer vorwärts. Wo Garfield sich dem Pathos des Amtes zu entziehen versucht, schwärmt Guiteau lautstark von schrecklich bedeutungsvollen Ereignissen, die in der Luft lägen. Sein einziges Publikum ist eine Prostituierte, die ihn gelangweilt daran erinnert, dass ihr Acht-Uhr-Besuch ansteht. Ein Detail aber weckt das Interesse der Sexarbeiterin: Chester Arthur (Nick Offerman), der Mann, den Guiteau als Vize-Präsidenten bezeichnet, ist ein alter Stammkunde von ihr.

Zwischen Gründervater-Pathos und Vulgarität

Die US-Politik ist nah dran an Volk und Sünde. Ein einfacher Mann wie Guiteau kann den Obersten in Washington problemlos nah kommen – in einer Szene des Films klingelt er den unter Garfield zum Außenminister ernannten James Blaine aus dem Schlaf, um ihm seine Dienste anzubieten, später wird er dem sturztrunkenen Vize-Präsidenten Arthur bis auf die Toilette folgen. Wo bei Garfield die Aura der neuen Republik im Raum steht, wird nur ein Amt unter ihm der Mageninhalt in die Toilettenschüssel entleert. „Death by Lightning“ liebt die Vulgarität der Post-Sezessionskrieg-Republikaner: Der Vize-Präsident säuft und rauft, sein Mentor, der einflussreiche Senator Roscoe Conkling (Shea Whigham), wirft mit Flüchen um sich wie ein Seemann aus dem 21. Jahrhundert, und ein gemeinsamer langjähriger Parteifreund wird beim Analverkehr beobachtet, von allen versammelten Kongressmitgliedern ausgelacht und ausgebootet.

Jeder Moment, der Gründerväter-Pathos transportiert – die meisten davon gehören dem Präsidenten und der First Lady – kriegt sein Gegenbild: Hier die große Geste eines Staatsmanns, dort ein Staatsmann, der sich das Erbrochene vom Mund wischt und die Toilettenspülung zieht. Der Kontrast ergibt, gepaart mit dem Tempo, das die Mini-Serie auch dort aufbringt, wo wenig mehr passiert als Diskussionen zwischen alten Männern mit spektakulären Bartfrisuren, ein elegant überhöhtes Historien-Drama.

„Death by Lightning“ hat die dazugehörigen Geschichts-Eckdaten mitsamt der opulenten Ausstattung beisammen. Das Leben, das dazwischen stattfindet, dort wo gemauschelt, geklüngelt, geprügelt, aber auch geliebt, gelobt und geführt wird, orientiert sich hemmungslos an Schau- und Unterhaltungswerten. Eine Kluft zwischen beiden entsteht auch deswegen nicht, weil das starke Ensemble alle dazugehörigen Tonlagen abdeckt, ohne dabei auf volle Lautstärke verzichten zu müssen.

Im Glauben an das Gute

In einer der schönsten Szenen der Serie poltert Vize-Präsident Arthur ins Büro des Amtsinhabers, um mit donnernder Verachtung seinen Rücktritt zu erklären, nur um von seinem Gegenüber nach dem Wohlbefinden und dem Leben als Witwer befragt zu werden. Plötzlich stehen zwei Männer im Präsidentenbüro, die auf dem Papier verbündet, laut Arthur verfeindet, laut dem Präsidenten aber vielleicht sogar befreundet sind, und streiten sich darüber, ob Garfield den Vize nicht längst hätte entlassen sollen und ob es vielleicht eine dumme Entscheidung sei, ihn im Amt zu lassen, weil er – Arthurs eigene Worte – „wohl ein ziemlich schlechter Vize-Präsident“ sei. Garfield weigert sich, den Glauben an das Gute aufzugeben, Arthur weiß nicht mehr, wo vorn und hinten ist, wo seine Loyalität liegt und was er im Weißen Haus verloren hat und stürmt gleichermaßen gerührt und vor Wut schäumend davon.

Fast ein Lincoln ist dieser James Garfield, der Mann, den Amerika so nötig gehabt hätte. „Death by Lightning“ beweist es nicht nur dort, wo er jedem auf Augenhöhe begegnet, wo er eine Gruppe schwarzer Bürgerkriegs-Veteranen auf seiner Veranda empfängt, sondern dort, wo er die polternden Trunkenbolde und intriganten Nebenbuhler mit fast weltfremder Unbedarftheit entwaffnet. Eine Vision, die demokratisches Pathos und Melodrama kennt, aber auch die eigene Albernheit – bis zu ihrem tragischen Ende.

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