Pee-Wee as Himself
Dokumentarisches Porträt | USA 2025 | 202 Minuten (100,102)
Regie: Matt Wolf
Filmdaten
- Originaltitel
- PEE-WEE AS HIMSELF
- Produktionsland
- USA
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- HBO Documentary Films/Elara Pictures/First Love Films/Polari Pictures
- Regie
- Matt Wolf
- Buch
- Damian Rodriguez
- Kamera
- David Paul Jacobson
- Musik
- Jon Brion · Michael Penn
- Schnitt
- Damian Rodriguez
- Länge
- 202 Minuten (100,102)
- Kinostart
- -
- Pädagogische Empfehlung
- - Ab 14.
- Genre
- Dokumentarisches Porträt | Serie
- Externe Links
- IMDb | TMDB
Eine zweiteilige Dokumentation über den Schauspieler Paul Reubens (1952-2023) und sein komisches Alter Ego Pee-Wee Herman, mit dem er in den 1980ern in TV-Shows bekannt wurde.
Als Pee-Wee Herman 1979 das erste Mal im Fernsehen auftaucht, holt er schon nach kurzer Zeit den ersten Sieg. Als Kandidat in der Game-Show „The Dating Game“ sitzt er gemeinsam mit zwei weiteren Männern hinter einer Trennwand und beantwortet die Fragen einer Kandidatin auf der anderen Seite der Wand. Anschließend entscheidet sie sich, ohne die Personen gesehen zu haben, mit wem sie auf ein Date gehen möchte. Die Sendung ist eine Mischung aus Blind Date und Quizshow, in der die Kandidat:innen nicht als reale Personen auftreten, sondern als Kunstfiguren, die nur mithilfe ihrer Stimme eine möglichst auffällige Identität konstruieren müssen. Paul Reubens probiert hier seine Kunstfigur Pee-Wee Herman zum ersten Mal im Fernsehen aus. Mit Erfolg, denn er wird am Ende als bester Dating-Kandidat ausgewählt.
Wer ist Pee-Wee Herman?
Reubens, der in den 1970er-Jahren Mitglied der Sketch-Performance-Truppe „The Groundlings“ war, entwickelte die Figur des Pee-Wee Herman an einem Improvisationsabend auf der Bühne. Er tritt in grauem Anzug mit einer kleinen roten Fliege auf und führt dem Publikum ein verrücktes Spielzeug nach dem anderen vor. In seinen besonders in den 1980er-Jahren extrem populären Shows „The Pee-Wee Herman Show“ und „Pee-Wees Playhouse“ holt er immer neue, eigentümliche Gegenstände und Figuren auf die Bühne, mit denen er chaotische und liebevolle Sketche aufführt. 1985 dreht er mit Tim Burton den Spielfilm „Pee-Wees Big Adventure“, der nur im weitesten Sinne eine Handlung hat und sich 90 Minuten lang um Pee Wee’s Versuch dreht, sein Fahrrad wiederzufinden. Die zweiteilige HBO-Serie „Pee-Wee as Himself“ versucht sich nun mit einer Mischung aus Archivmaterial und Talking Heads daran, die Lebensgeschichte von Paul Reubens zu erzählen. Oder ist es nicht doch eher die Geschichte von Pee-Wee Herman? Wer ist hier wer? Der Versuch, diese Frage zu beantworten, ist die zentrale Bewegung, die sich durch die Serie des Regisseurs Matt Wolf hindurchzieht. Dass sie keine klare Antwort darauf findet, macht sie umso interessanter.
Das im letzten Jahrzehnt sehr populär gewordene Format der Star-Dokumentation, die ihren jeweiligen Star in der Retrospektive in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen möchte, ist vor allem dann interessant, wenn es sich bewusst macht, wie sehr Star-Identitäten von vornherein konstruiert sind. Wer Pee-Wee Herman „wirklich“ ist, interessiert Wolf nicht, sondern das Spiel zwischen öffentlichem Bild und einer dahinterstehenden Figur. Der Titel der Serie muss daher eigentlich mit einem Fragezeichen versehen werden, weil die Serie das „Himself“ von Pee-Wee/Reubens permanent infrage stellt.
Ambivalente Identitäten
Reubens, der lange Zeit in der Öffentlichkeit ausschließlich als Pee-Wee Herman auftrat und keine Details über sein Privatleben nach außen dringen ließ, trägt diesen Konflikt seine ganze Karriere über mit sich herum. Auch die Serie zeigt ihn im permanenten Konflikt mit Regisseur Matt Wolf, da Reubens mehr Kontrolle über die Produktion haben möchte und seine eigenen Interviews unterbricht und durcheinanderbringt. Die Angst vor einer Vereindeutigung und einer falschen Darstellung seiner Geschichte ist allgegenwärtig. Durch die Darstellung des Konflikts denkt die Serie auch über ihre eigene Perspektive auf Reubens nach.
An einer Stelle erzählt Reubens ausführlich von einer homosexuellen Beziehung, die er in jungen Jahren geführt hat, nimmt diese Festlegung auf eine bestimmte Sexualität anschließend aber wieder zurück. Viele der Interviews mit Reubens laufen nach diesem Muster ab und betonen das ambivalente Verhältnis, das er zu sich selbst und Pee-Wee Herman hat. In seinen Filmen und Bühnenshows war eine Queerness immer schon angelegt, sowohl in ihrer bunten und einer bürgerlichen Vorstellung von Kinderfernsehen entgegenlaufenden Verspieltheit als auch, wenn Pee-Wee im Burton-Film eine heterosexuelle Beziehung mit folgenden Worten ablehnt; „Es gibt vieles an mir, von dem du nichts weißt, Dottie. Vieles, was du nicht verstehen würdest. Vieles, was du nicht verstehen könntest. Vieles, was du nicht verstehen solltest.“
Pee-Wee’s Vorfahren
„Pee Wee as Himself“ stellt im zweiten Teil das ambivalente Verhältnis von Reubens zu seiner eigenen Sexualität in Zusammenhang mit einem gesellschaftspolitischen Klima ins Zentrum, in dem bis heute nicht-heteronormative Personen in die Nähe von Pädophilie gerückt werden. Insbesondere die Durchsuchung seines Hauses 2002 aufgrund des angeblichen Besitzes kinderpornographischen Materials wird als politisch motivierte Untersuchung eines Archives von homoerotischen Zeitschriften und Magazinen kontextualisiert. Dieser Versuch der Diskreditierung ist unmittelbar mit Pee-Wee Herman verbunden, der in seinen Shows Kindern und auch Erwachsenen mit viel Lautstärke vermittelte, dass es in Ordnung ist, anders als der Rest zu sein.
Diese ganz eigene „Weirdness“ von Pee-Wee Herman und die Tatsache, dass ihn die Performance-Kunst, die sonst auf kleinen Bühnen stattfindet, bis auf den Walk of Fame gebracht hat, wird von „Pee Wee as Himself“ aber nicht als reiner Zufall beschrieben. So ist die Serie auch ein Gang durch Show- und vor allem Fernsehgeschichte. Sie zieht eine Linie von „I Love Lucy“, „Howdy Doody“ und Pinky Lee zu Herman und seinen Freunden in „Pee-Wees Playhouse“. Das Verhältnis von Reubens zu Pee-Wee Herman lässt sich wie in der Puppen-Show „Howdy Doody“ als ein Bauchredner-Puppe-Verhältnis beschreiben, bei dem nie ganz klar ist, wer durch wen spricht.
Am Schluss hört man als Zuschauer, wie die Bachelorette in „The Dating Game“ 1979, nur die Stimme von Reubens. Er sendet eine letzte Sprachnachricht, bevor er im Juli 2023 an Krebs stirbt. Die Erkrankung hatte er jahrelang geheim gehalten. Das Einspielen dieser Audionachricht von Reubens, in der er erzählt, wie sehr ihn die Anschuldigungen damals getroffen haben, läuft an jedem Pathos oder True-Crime-Interesse vorbei, weil sie sich nicht für die „letzten Worte“ von Paul Reubens interessiert, sondern einen Rahmen um die Beobachtung einer Person setzt, die gerade dadurch, dass sie nicht „sie selbst“ war, sondern immer schon viele auf einmal, für diejenigen da war, die sich anders als der (Fernseh-)Mainstream fühlen.