Drama | Taiwan 2025 | 108 Minuten

Regie: Shih-Ching Tsou

Eine alleinerziehende Mutter kehrt mit ihren zwei Töchtern nach Taipeh und damit in ihr altes Leben zurück. Der gemeinsame Neuanfang gestaltet sich schwierig: Der Nudelstand, den die Mutter auf einem Nachtmarkt eröffnet, deckt weder die Miete noch ihre Schulden. Ihre Eltern und Geschwister sind zu sehr in traditionellen Denkmustern verfangen, um sie zu unterstützen, und auch die Töchter haben auf unterschiedliche Weise an dem Neuanfang zu tragen. In ständig wechselnder Perspektive und mit sanftem Humor beobachtet das Drama, wie Gesellschaftsrealitäten und Rollenbilder unaufhaltsam ins Familienleben einsickern. Dabei behält es aber mit festem Willen immer seinen empathischen Blick bei und ist trotz weichgezeichneter Bilder so scharfsinnig wie elegant. - Ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
LEFT-HANDED GIRL
Produktionsland
Taiwan
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
Good Chaos/Le Pacte/Left-Handed Girl Film Prod./Through the Lens Ent.
Regie
Shih-Ching Tsou
Buch
Shih-Ching Tsou · Sean Baker
Kamera
Chen Ko-Chin · Kao Tzu-Hao
Schnitt
Sean Baker
Darsteller
Janel Tsai (Shu-Fen) · Ma Shih-yuan (I-Ann) · Nina Yeh (I-Jing) · Brando Huang (Johnny) · Akio Chen (Wen-Xong Chen)
Länge
108 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama
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Drama um eine alleinerziehende Mutter und ihre zwei Töchter, die nach Taipei ziehen und durch finanzielle Probleme und familiären Druck eine schwere Anfangsphase bewältigen müssen.

Veröffentlicht am
02.12.2025 - 11:54:22
Diskussion

Alle sehen Taipei, alle sehen etwas anderes. Mutter Shu-Fen (Janel Tsai) sieht voraus, sieht die Stadt durch die Frontscheibe. Die älteste Tochter I-Ann (Ma Shih-Yuan) sieht die Hauptstadt gelangweilt am Seitenfenster vorbeiziehen. I-Jing (Nina Yeh) sieht Formen und Farben, sieht allein die symmetrische Schönheit, die sie sich selbst in ihrem Kaleidoskop zusammenschüttelt. Die kleine Familie sitzt zusammengedrängt auf der Frontbank des Transporters. Die Familie zieht um. Es ist kein Neuanfang, eher eine Rückkehr. Nicht etwa in ein Familienhaus oder ein altes Leben, sondern vielmehr in eine Vergangenheit, die sich beharrlich sträubt, mit der eben doch veränderten Gegenwart konform zu gehen. Shu-Fens Ex-Mann, der I-Anns Vater ist, liegt im Sterben. Shu-Fen kriegt bei ihrem Besuch gegenüber dem Ex, der unfähig ist, zu sprechen, aber sonst bei vollem Bewusstsein ist, nur ein verzweifeltes „Ich habe doch gesagt, dass du mit dem Rauchen aufhören musst“ heraus. Anderorts gibt es dafür kein Mitgefühl: die jugendliche Tochter versteht die Situation nicht gut genug, um empathisch zu sein, Shu-Fens Mutter sieht nur das Geld, das mit dem Ende der Ehe und den bald anstehenden Beerdigungskosten verloren geht.

Geld ist überhaupt ein Problem: Der kleine Nudel-Shop, den Shu-Fen auf dem Nachtmarkt eröffnet, nimmt mehr als ganze Arbeitstage in Anspruch, wirft dabei aber nicht einmal genug für die Standmiete ab. Der nicht viel besser aufgestellte Stand-Nachbar Johnny (Brando Huang) bietet, im Gegensatz zur durchaus wohlhabenden Familie, immer wieder seine Hilfe an, aber Shu-Fen will und muss da irgendwie allein durch. Die Tochter erlebt es ähnlich, aber anders: Nach dem Schulabbruch muss sie für sich selbst sorgen, verdient ihr Geld knapp bekleidet beim Kiosk, der Betelnüsse und Zigaretten an diverse Kurierfahrer ausgibt; einen Bonus gibt es für nackte Haut.

Das Gleiche anders sehen

Filmemacherin Shih-Ching Tsou nähert sich der Härte dieser Existenz nicht im Modus des Sozialdramas. Es geht um das, was im harten Alltag verloren geht, über das, was sich erst dort wiederfindet, wo die wirklichen Krisen danach verlangen. Anders gesagt: „Left-Handed Girl“ ist ein Film, der das Verständnis sucht, die drei Perspektiven der drei Generationen nutzt, um das Gleiche anders zu sehen. Nicht einzelne Situationen werden dazu aus unterschiedlichen Perspektiven durchgespielt, sondern die Figuren selbst in unterschiedlichen Konstellationen und in der Not geschmiedeten Koalitionen immer wieder empathisch in neues Licht gerückt. Oft droht der dramaturgische Zug im holistischen Ansatz des gutmütigen Familienporträts ein wenig verloren zu gehen. Doch selbst in der Weichzeichnung im Soft-focus-IPhone-Look zeigt „Left-Handed Girl“ so scharfsinnig wie elegant, wie Gesellschaftsrealitäten unaufhaltsam in ein prekäres, aber doch liebevolles Familienleben einsickern.

Nicht die großen Verwerfungen spielen dabei eine Rolle, sondern die kleinen, aber bedeutsamen Momente, in denen die Zeit fehlt, füreinander da zu sein. Etwa wenn der Opa so lange darauf beharrt, dass I-Jings linke Hand die Hand des Teufels sei, dass das Mädchen selbst es allmählich zu glauben beginnt und der Hand erst freien Lauf lässt, um allerlei Bekannte auf dem Nachtmarkt zu beklauen und schließlich in einem Anfall kindlicher Reue nach Wegen sucht, die Satanspfote zu bestrafen.

Kompromisslos humanistisches Ethos

Besonders ist es I-Jings Blickwinkel, mit dem Regisseurin Shih-Ching Tsou an das kompromisslos humanistische Ethos anknüpft, das bereits in ihrem in Co-Regie mit Sean Baker entstandenen Debütfilm „Take Out“ (2004) sichtbar war. Baker, dessen Filme Tsou regelmäßig produziert, ist hier erneut als Drehbuchautor mit an Bord. Die Erfahrung, die „Left-Handed Girl“ abbildet, ist entsprechend nah an den früheren Arbeiten beider Filmemacher und doch eine äußerst kulturspezifische. Nicht allein die Brutalität der Marktmechanismen lastet auf der Kleinfamilie, auch die Geschlechterverhältnisse der taiwanesischen Gesellschaft sind eine ständige, deutlich spürbare Bürde. Nicht nur Großväter, die nach Stinke-Tofu riechen und an Teufelshände glauben, auch Großmütter und Tanten hängen an den oft misogynen Traditionen alter Tage, verweigern Shu-Fen jegliche finanzielle oder familiäre Unterstützung, da sie als verheiratete Frau nicht mehr zur Familie gehöre. Die roten Umschläge kriegt allein der jüngere Bruder in die Hand gedrückt.

„Left-Handed Girl“ sucht unermüdlich nach den bunten Rändern, die mitunter auch dort noch sichtbar sind, wo gesellschaftliche und persönliche Altlasten zusammenfallen. Oft braucht es dafür nur ein kindliches Auge, das im Getümmel des Nachtmarkts nicht allein verschuldete Menschen und Prekariat erblickt, sondern auch die hübschen Formen, das bunte Leuchten und nette Menschen findet.

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