Smillas Gespür für Schnee

Drama | Großbritannien/Deutschland 2025 | (sechs Folgen)

Regie: Amma Asante

Eine sechsteilige Serienverfilmung eines erfolgreichen Romans der 1990er-Jahre verlegt die Handlung in ein dystopisches Dänemark einer nahen Zukunft: Eine Mathematikerin und frühere Ökoaktivistin freundet sich mit einem Inuitjungen aus der Nachbarschaft an. Als dieser durch einen Sturz vom Dach stirbt, glaubt sie nicht an einen Unfall, sondern deckt eine Verschwörung bis in höchste Gesellschaftskreise auf. Die Serie überzeugt optisch und zumindest in den Hauptrollen auch darstellerisch, wird durch eine sich nur langsam entwirrende, äußerst klischeebeladene Handlung aber schnell zu einer meist zähen Seherfahrung. Zu viele Themen wie Neofaschismus und Klimawandel werden eher angerissen als wirklich vertieft. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
SMILLA'S SENSE OF SNOW
Produktionsland
Großbritannien/Deutschland
Produktionsjahr
2025
Produktionsfirma
ARD Degeto Film/Baltic Film Services/Constantin Film/Olga Film/Viaplay Group
Regie
Amma Asante
Buch
Amma Asante · Clive Bradley · Tanja Bubbel · Tina Hastings · Keith Hodder
Musik
Egon Riedel · Anne Chmelewsky
Schnitt
Charles Ladmiral
Darsteller
Filippa Coster-Waldau (Smilla Jaspersen) · Elyas M'Barek (Rahid Youseffi) · Henry Lloyd-Hughes (Karsten Tork) · Set Sjöstrand (Leif) · Amanda Collin (Katja Claussen)
Länge
(sechs Folgen)
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi | Literaturverfilmung | Mystery | Serie
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Eine Mini-Serie um eine Mathematikerin, die in einem dystopischen Dänemark der nahen Zukunft dem Tod eines Inuitjungen aus der Nachbarschaft nachspürt und auf eine Verschwörung stößt.

Aktualisiert am
05.12.2025 - 15:45:07
Diskussion

Kopenhagen 2040. Dänemark ist zu einem fast faschistischen, futuristischen Überwachungsstaat geworden. Drohnen fliegen permanent durch die Stadt, und die Einwohner werden penetrant aufgefordert, ihre Bodycams einzuschalten. Es herrscht ein gravierender Energiemangel. Jedem Bürger wird nur ein streng abgemessener Zugang zu Strom oder Heizung gewährt. Wer sein monatliches Volumen frühzeitig verbraucht, muss zusehen, wie er mit den restlichen Tagen bis zum nächsten Monatsanfang klarkommt. In einem modernen High-Tech-Wohnblock treffen die wichtigsten Protagonisten dieser Miniserie aufeinander: Smilla (Filippa Coster-Waldau), eine junge Mathematikerin ohne einen Job, aber mit viel Zeit und anscheinend ohne materielle Sorgen, sowie Isaiah, ein kleiner Junge, der zu der verachteten grönländischen Inuit-Minderheit in Dänemark gehört und mit seiner Mutter in einer Nachbarwohnung von Smilla lebt. Smilla fühlt sich mit dem Kind verbunden – wohl weil sie selbst auch grönländische Wurzeln hat: Sie ist die Tochter einer schon lange verstorbenen grönländischen Mutter; ihr Vater dagegen ist der prominente dänische Arzt Moritz Jespersen, der bestens mit den Spitzen von Wirtschaft und Politik vernetzt ist.

Außerdem lebt in dem Wohnblock auch noch der Hausmeister Rahid (Elyas M’Barek), der als Illegaler in Kopenhagen untergetaucht ist. Zwischen Smilla und ihm herrscht zunächst eine herzliche Abneigung, bis sie mitbekommt, wie rührend und väterlich sich Rahid um den jungen Isaiah kümmert, für den seine berufstätige Mutter oft wenig Zeit hat. So begleitet er ihn auch zu einer Untersuchung ins Krankenhaus, bei der allerdings nicht alles mit rechten Dingen zugeht: Warum wird das Kind dubiosen Tests unterzogen?

Ständig von Visionen getrieben

Die lange Exposition dieser Serienverfilmung von Peter Høegs 1990er-Bestsellerroman macht es einem recht schwer, einen Zugang zu dem Stoff zu finden: Der dystopische gesellschaftliche Rahmen, in den die Showrunner die Geschichte übertragen, bleibt recht holzschnitthaft und stereotyp; die Figuren und ihre Verwicklungen miteinander wirken einigermaßen kolportagehaft. Smilla, die ständig von Visionen getrieben wird, hat eine Vergangenheit als radikale Ökoaktivistin, die öfter verhaftet wurde, aber durch ihren einflussreichen Vater immer wieder schnell freikam. Und Rahid, der als Revolutionär seine Heimat Tunesien verlassen musste, wird von einer geheimnisvollen, aber sehr mächtigen Organisation gezwungen, für sie zu arbeiten.

Als dann Isaiah unter mysteriösen Umständen vom Dach fällt, wird Smilla schnell klar, dass er wahrscheinlich in den Tod getrieben wurde und nicht, wie die Polizei es hinstellen will, durch einen tragischen Unfall starb. Das nicht nur rassistisch begründete Desinteresse der Behörden an dem Fall ist verdächtig, und was mit dem Leichnam geschieht, wirft ebenso Fragen auf.

Somit kommt die Handlung der Serie im Lauf der zweiten Folge zwar bei einem durchaus tragfähigen Krimiplot an, der schließlich zu einer Verschwörung in höchsten Gesellschaftskreisen führt, packt ihn aber in einen überladenen und von Beginn an unausgegorenen Genremix. Die britische Showrunnerin und Regisseurin Amma Asante und ihre Produzentin Alicia Ramirez laden ihr futuristisches Potpourri mit Themen wie dem Klimawandel und zunehmendem Fremdenhass vordergründig gegenwartsrelevant auf, bleiben dabei allerdings sehr oberflächlich und würzen das Ganze mit einer starken Prise Hokuspokus und Esoterik. Die Auflösung am Ende gerät dann, wie so oft, wenn man zu viel will, eher banal. Am Ende läuft alles auf den einigermaßen plakativ aufgemachten Kampf zwischen der Gier des Menschen, der totalen Ausbeutung der Natur auf der einen und der Bewahrung ihrer Ressourcen auf der anderen Seite heraus. Dabei stehen sich Wissenschaft und Instinkt beziehungsweise Mystik gegenüber.

Ein Mann, der Gutes will, aber sich kompromittiert

Die Sympathien sind dabei klar verteilt. Smilla steht für Hoffnung und Empathie mit Mitmenschen und Umwelt; ihr gegenüber stehen Figuren wie der dubiose Tech-Mogul Karsten Tork (Henry Lloyd-Hughes) oder die Politikerin Katja Claussen (Amanda Collin), die skrupellos den eigenen Machtinteressen dienen. Einzig Rahid, gezeichnet als Mann, der Gutes will, aber sich kompromittiert, um sein eigenes Leben zu retten, ist eine etwas komplexere Figur. In einer wirklich schönen Szene, in der sich Rahid und Smilla näherkommen, lässt Elyas M’Barek, der Sohn eines tunesischen Vaters und einer österreichischen Mutter, auch seine eigene tunesische Identität mit einfließen. Bis auf wenige zu dramatische Ausbrüche spielt er seine Rolle durchaus überzeugend. Auch Hauptdarstellerin Filippa Coster-Waldau, die Tochter des dänischen „Game of Thrones“-Stars Nikolaj Coster-Waldau und der grönländischen Sängerin und Schauspielerin Nukâka Coster-Waldau, vermag es, ihrer Figur immerhin eine Präsenz zu verleihen, die ein gewisses Grundinteresse bei den Zuschauern wachhält. 

Ebenfalls lobend zu erwähnen ist der Look der Serie, wozu die Kameraführung, die Wahl der Drehorte und eine wirklich grandiose Ausstattung in Set-Design und Kostümen beitragen. Es liegt also nicht am fehlenden Geld oder Know-how, dass die Neuverfilmung des Bestseller-Stoffs recht lau bleibt, sondern an schwachen Drehbüchern und falschen dramaturgischen Entscheidungen. Aus Gründen der Kommerzialität hat diese europäische Koproduktion zwischen der deutschen Constantin, ARD Degeto und der wichtigen skandinavischen Streamingplattform Viaplay sich für ein internationales Ensemble und die Seriensprache Englisch entschieden, was „Smillas Gespür für Schnee“ nur noch mehr verwässert. Bei den diversen englischen Akzenten oder Dialekten fällt besonders nervend das amerikanisch gefärbte Englisch auf, dass der Inuitjunge Isaiah oder die in Rückblenden auftauchende Inuitmutter von Smilla sprechen. Außerdem stören bei der in Dänemark und Grönland angesiedelten Serie ständige englischsprachige Inserts und Aufschriften. 

Schon unter Bernd Eichinger hatte Constantin Film 1997 den Bestseller mit Julia Ormond, Gabriel Byrne und Richard Harris als eine Art gehobenen Europudding verfilmt; ihr „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ ging nicht wirklich nachhaltig in die Filmgeschichte ein. 28 Jahre später hat man da auf deutscher Produzentenseite immer noch nicht begriffen, dass Serien oft auch international besser ankommen, wenn sie fest im spezifisch Lokalen verwurzelt sind und entsprechend authentisch rüberkommen.

Auf einem Eisbrecher

Die sechs Teile von „Smillas Gespür für Schnee“ nehmen eigentlich erst ab Folge fünf so richtig an Fahrt auf, wenn sich neben Smilla und Rahid auch noch der ehrgeizige Industrielle Tork sowie Smillas Vater Moritz auf einem Eisbrecher wiedertreffen, der in Richtung Grönland aufgebrochen ist. Dessen Mission ist, eine geheimnisvolle Energiequelle unter dem Eis zu erforschen, was schon vielen das Leben gekostet hat. Das eher vorhersehbare Finale kommt dann mit einer wundersamen Wiederauferstehung und einem völlig überflüssigen Cliffhanger daher, der wohl eine zweite Staffel zumindest theoretisch ankündigen soll. Diese möge uns jedoch bitte erspart bleiben.

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