Für die Generation Netflix muss es befremdlich wirken, dass Menschen bis vor 25 Jahren freitagabends in die Videothek eilten, um noch ein Leihexemplar des neuesten Blockbusters zu ergattern. Es war ein besonderes Gefühl, sich im Krebsgang zwischen den Filmregalen zu bewegen und sich sein Wochenendprogramm anhand von knalligen VHS-Covern mit überdramatisierten Klappentexten zusammenzustellen – je nachdem, was noch verfügbar war. Die kanadischen Filmemacher Cody Kennedy und Tim Rutherford kennen dieses Gefühl und wollen Magnetband-Nostalgikern mit „The Last Video Store“ humorvoll in diese Zeit zurückversetzen. Doch dabei vergessen die beiden etwas Essentielles: Eine wirkliche Geschichte zu erzählen.
Nerds mit Herz
Yaayaa Adams und Kevin Martin verkörpern zwei Gegensätze in ihren Rollen: Adams als 20-jährige Nyla befolgt lediglich pflichtbewusst eine letzte Notiz ihres Vaters und bringt seine ausgeliehenen Videokassetten zur „Blaster Video“-Videothek zurück. Die junge Frau hat offensichtlich keinerlei Interesse oder Wissen um diese Nischenkultur, die in einem Keller abseits der Hauptstraße überlebt hat.
Dem gegenüber steht der Herzblut-Nerd Kevin: Ein hagerer Brillenträger mit zotteliger Mähne und VHS-Hawaiihemd, der als letzter Videothekenbetreiber in einer Zeitkapsel aus B-Actionhelden und Monstertrash haust. Durch eine verfluchte Videokassette, eine Art Magnetband-Nekronomicon, sieht sich das ungleiche Paar plötzlich mit mordlustigen B-Film-Bösewichten konfrontiert und muss einen Plan schmieden, das Böse wieder hinter die Mattscheibe zu verbannen.
„The Last Video Store“ nimmt sich dieses Popculture-Clashs mit reichlich Herz an: Der Cineast Kevin kuratiert jeden seiner VHS-Schätze mit absoluter Hingabe, sodass selbst das schlecht animierte CGI-Alien aus einer der Leihkassetten seine Lorbeeren abbekommt. Eine charmante Randnotiz: Darsteller Kevin Martin betreibt auch im echten Leben eine Videothek, weiß also bestens um die stereotypischen Schrullen seiner Figur und versteht es, sie herrlich übertrieben auszuspielen. Yaaya Adams erscheint neben dessen Overacting oft blass und bekommt kaum Raum, um selbst zur Heldin zu reifen oder den verborgenen Schmerz über den Verlust ihres entfremdeten Vaters aufzuarbeiten.
Forcierter Fanservice gewinnt die Oberhand
Der Retro-Look des Films, die Synthesizer-Klänge von Brandon Boucher, anschauliche praktische Effekte und an Kultreihen wie „Freitag, der 13.“ angelehnte Kostüme transportieren das Nostalgie-Gefühl hervorragend. Wenn sich etwa der abgehalfterte B-Actionstar Viper (Josh Lenner) schwitzend in Zeitlupe für den nächsten Kampf vorbereitet, lässt das Regie-Duo Kennedy/Rutherford kurz ähnliches Potenzial aufblitzen wie die Trashaction-Hommage „Kung Fury“ von David Sandberg, die 1980er-Endzeit -Persiflage „Turbo Kid“ des kanadischen RKSS-Kollektivs oder „Psycho Goreman“ von Steven Kostanski (auf die sogar flüchtig angespielt wird). Jedoch geht „The Last Video Store“ bereits nach dem vielversprechenden Start erzählerisch die Luft aus. Auf actionreiche Passagen folgen immer wieder ermüdende Gespräche zwischen Kevin und Nyla, die sich nie über das Skizzenhafte hinaus entwickeln, auch wenn versucht wird, substanziellere Themen wie Einsamkeit anzuschneiden.
„The Last Video Store“ zerfällt innerhalb seiner 80 Minuten Laufzeit zusehends in seine Bestandteile, da der erzählerische Kitt nicht hält. Trotz eines detailverliebten Produktionsdesigns mit zahlreichen Anspielungen auf die VHS-Kultur sowie einer Vielzahl fiktiver Trashfilme mitsamt aufwändigen Plakaten entstehen kaum erinnerungswürdige Szenen im Filmverlauf. Lediglich der finale Kampf zwischen Kevin und dem VHS-Dämon serviert noch einmal einen optischen Augenschmaus. Am Ende investiert „The Last Video Store“ jedoch zu viel in forcierten Fanservice und zu wenig in seine Geschichte und Figuren, um aus der aktuellen 1980er-Jahre-Nostalgiewelle rund um „Stranger Things“ und Co. herauszustechen.