The Piano Accident
Komödie | Frankreich 2025 | 88 Minuten
Regie: Quentin Dupieux
Filmdaten
- Originaltitel
- L' ACCIDENT DE PIANO
- Produktionsland
- Frankreich
- Produktionsjahr
- 2025
- Produktionsfirma
- Chi-Fou-Mi Productions
- Regie
- Quentin Dupieux
- Buch
- Quentin Dupieux
- Kamera
- Quentin Dupieux
- Musik
- Quentin Dupieux
- Schnitt
- Quentin Dupieux
- Darsteller
- Adèle Exarchopoulos (Magalie Moreau) · Jérôme Commandeur (Patrick Balandras) · Sandrine Kiberlain (Simone Herzog) · Karim Leklou (Roméo) · Gabin Visona (Karim)
- Länge
- 88 Minuten
- Kinostart
- -
- Pädagogische Empfehlung
- - Sehenswert ab 16.
- Genre
- Komödie
- Externe Links
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Eine Groteske von Quentin Dupieux über eine provokante Social-Media-Berühmtheit, die sich nach einem Unfall in die Berge zurückzieht, dann aber von einer Journalistin gestört wird, die ihr ein Interview abpresst.
Warum ist es lustig, wenn ein Klavier beim Transport herabstürzt und einen Menschen trifft? Immerhin ist das eine Standardsituation der Komödie. Laurel und Hardy haben sich von Charlie Chaplin dazu inspirieren lassen, in Cartoons wie „Tom und Jerry“ oder bei den „Looney Tunes“ fällt das Grand Piano regelmäßig auf arglose Passanten. Wenn etwas Teures zu Bruch geht, ist das lustiger, als wenn ein Alltagsgegenstand zerstört wird. Deshalb liebt Slapstick Ming-Vasen so sehr. Wo dann auch noch kulturelles Kapital vernichtet wird, ein Symbol der Hochkultur, lacht ein Publikum, das sich wahrscheinlich keinen eigenen Steinway leisten kann. Außerdem ist es einfach besonders unwahrscheinlich, dass nicht Regen oder Schnee, sondern dreihundert Kilo Salonflügel vom Himmel fallen. Witze brauchen Überraschungen.
Empfindungslos erfolgreich
Auch „The Piano Accident”, der neue Film von Quentin Dupieux, beginnt mit einem herabstürzenden Klavier. Bei Dupieux kommen die Dinge aus dem Gleichgewicht und Menschen stürzen ab. Er erzählt lange Witze, oft auch die Art von „unerhörten Begebenheiten“, die viele als Wesenskern einer Novelle aus dem Deutschunterricht kennen. Aber die kuriose Ereigniskaskade, die in diesem Film losgetreten wird, wirft eher Fragen über Humor auf, als unbedingt selbst witzig zu sein. Es geht um die Beziehung zwischen Leid und Unterhaltung, Schadenfreude wird gegen Empathie in Stellung gebracht. Muss man schmerzbefreit oder sogar gänzlich empfindungslos sein, um in der heutigen Entertainment-Branche bestehen zu können?
Denn genau das ist die besondere Eigenschaft der populäre Influencerin Magalie (Adèle Exarchopoulos), im Internet bekannt als „Megajugs“. Auf Cartoon-Figuren kann man ein Klavier fallen lassen, weil sie keinen dauerhaften Schaden davontragen, und bei ihr ist es ähnlich. Sie hat etwas Unwirkliches an sich und leidet – beziehungsweise leidet nicht – an Analgesie, also unter einer generellen Schmerzunempfindlichkeit. Inspiriert von der MTV-Serie „Jackass“ malträtiert sie seit dem Teenager-Alter ihren Körper mit allerlei Werkzeugen für die gierigen Augen der Öffentlichkeit. Schon früh wird sie reich und berühmt, somit besteht auch kein Grund mehr zum Erwachsenwerden. Exarchopoulos spielt sie als schlurfende Erscheinung, gebeugt unter der Last ihres Weltekels, gelangweilt von der eigenen Langweile. Funkelnde Giftaugen über einem verkniffenen Mund, der nur zum Spaß ein Stück aus der Erde beißen würde.
Ein erpresstes Interview wirft die Sinn-Frage auf
Sie bleibt eine infantile, überhebliche Göre, ihr Markenzeichen ist eine Zahnspange. Ihren Assistenten Patrick (Jérôme Commandeur) behandelt sie wie Dreck, genau wie eigentlich alle anderen Menschen. Während sie sich gerade in einem luxuriösen Chalet von einem Unfall erholt, ist da plötzlich eine Erpresser-Mail von der Journalistin Simone Herzog (Sandrine Kiberlain) in ihrem Postfach. Sie weiß von einem ominösen „Klavierunglück“, will aber kein Geld, sondern lediglich ein Exklusivinterview.
Es geht ihr vor allem um eine auf den ersten Blick simple Frage: Was treibt Magalie an? Warum macht sie weiter und fügt sich selbst Schaden zu, obwohl sie längst steinreich ist? Geht es um Aufmerksamkeit, um Kunst, um Katharsis? Eine Frage, die man wohl vielen von den kuriosen bis fragwürdigen Social-Media-Stars der Gegenwart stellen möchte. Was will Mr. Beast, wonach sehnen sich Jake und Logan Paul, was fehlt IShowSpeed noch in seinem Leben? Träumt Nic Kaufmann von elektrischen Schafen?
Ein Geschöpf des Internets
Magalie wurde, so erfährt man, am 12. März 1989 geboren – also genau an dem Tag, an dem der britische Physiker Tim Berners-Lee am CERN in Genf sein Konzept für das World Wide Web vorstellte. Sie ist eine Kreatur des Internets, eine Parallelschöpfung. Eine halbvirtuelle Figur, die digitale Gegenwart in sich verdichtet. Sie ist das, was nach Quizshows und Reality TV kommt. Ein berühmter Körper, von Schicksal oder Zufall mit Ruhm geschlagen.
Für ihre Anhänger ist sie eine Art Heilsfigur. Lichtgestalt und Blender gleichermaßen in einem Film, dessen Bilder in kalte, blasse Sonnenstrahlen getaucht wurden. Ein Plakat sticht aus einer Schar junger, jubelnder Fans heraus: „Tu fais du bien là où ça fait mal“. Magalie hilft den Zuschauern mit ihrem eigenen Leiden. Ihr Körper wird stellvertretend geprügelt, zertrümmert und versengt. Ein seltsames Geschöpf: eine Schmerzensfrau ohne Schmerzen. Was würde Jesu Opfer bedeuten, wenn er sich am Kreuz vor allem gelangweilt hätte?
Obwohl sie kein physisches Leid empfinden kann, reagiert sie wie die Prinzessin auf der Erbse auf jede kleine Unannehmlichkeit. Der Jogurt ist falsch, das Chalet sieht anders aus als auf den Bildern, die Journalistin hat einen nervigen Akzent. Dupieux zeigt sich sichtlich frustriert mit dem Leid der Hilflosen und der Wehleidigkeit der Starken.
Schwärzeste Zeitgeist-Satire
Als Filmemacher war er immer auch popkultureller Akzelerationist, von allen vermeintlichen Verfallszuständen und kontemporären Abfallprodukten zumindest fasziniert. Auch „The Piano Accident“ muss zwangsläufig eskalieren, es muss Blut fließen. So entstehen zunehmend finstere Spottbilder. Schwärzeste Zeitgeist-Satire, die trotzdem noch eher harmlos wirkt. Vielleicht sind wir alle so abgestumpft und gelangweilt wie Magalie. Möglicherweise ist das Fan-Plakat falsch und eigentlich Identifizieren sich die Anhänger längst nicht mehr mit den potenziellen Schmerzen, sondern mit der tatsächlichen Taubheit der Influencerin.
Dort draußen leiden so viele Menschen, da ist es wohl beruhigend, dass manche es zumindest auf irgendeiner Ebene freiwillig tun. So wie Charlie Chaplin oder Johnny Knoxville und seine Freunde aus „Jackass“. Vielleicht lacht man beim herabstürzenden Klavier über die Willkür des Lebens; darüber, dass diesmal nicht man selbst getroffen wurde, es aber immer ein nächstes Mal gibt. „The Piano Accident“ beginnt mit einem Todesfall und endet mit einer Art Wiederauferstehung. Ein Film über Unkraut, das nicht vergeht, und die ewige Wiederkehr von Schmerz, aller Verdrängung zum Trotz. Dass große Kunst nur aus Leid entsteht, ist so falsch wie die Hoffnung auf eine Kunst, die gänzlich ohne geboren wird.