Drama | Polen 2026 | 343 Minuten (6 Folgen)

Regie: Maciej Pieprzyca

Eine auf wahren Begebenheiten beruhende polnische Miniserie über die Ärztin Jolanta Wadowska-Król, die in den 1970er-Jahren im oberschlesischen Szopienice Bleivergiftungen bei Kindern aufdeckt, verursacht durch die Emissionen des örtlichen Hüttenwerks. Die engagierte Medizinerin kämpft gegen Parteifunktionäre, die Staatsicherheit, vorauseilenden Gehorsam und die verunsicherten Arbeiterfamilien, deren Existenz vom Werk abhängt. Die sechs Folgen fügen sich zum dichten Politdrama im Polen des Realsozialismus zusammen. Die Serie verbindet historische Rekonstruktion mit Thriller-Elementen und überzeugt als vielschichtiges Porträt einer Frau, die im totalitären Gefüge auf ihr Gewissen hört und Verantwortung übernimmt. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
OLOWIANE DZIECI
Produktionsland
Polen
Produktionsjahr
2026
Produktionsfirma
Orient-Film
Regie
Maciej Pieprzyca
Buch
Jakub Korolczuk
Kamera
Witold Plociennik · Agata Culak
Musik
Mary Komasa · Antoni Komasa-Lazarkiewicz
Schnitt
Piotr Kmiecik
Darsteller
Joanna Kulig (Jolanta Wadowska-Król) · Agata Kulesza (Prof. Krystyna Berger) · Kinga Preis (Wieslawa Wilczek) · Sebastian Pawlak (Zbigniew Krol) · Michal Zurawski (Hubert Nieziela)
Länge
343 Minuten (6 Folgen)
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Serie
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IMDb | TMDB

Die auf wahren Ereignissen beruhende polnische Miniserie erzählt von den Bleivergiftungen, die Kinder in einer oberschlesischen Kleinstadt in den 1970er-Jahren durch die Emissionen des örtlichen Hüttenwerks erleiden und wie die couragierte Ärztin Jolanta Wadowska-Król sich für sie einsetzt.

Veröffentlicht am
13.02.2026 - 13:34:47
Diskussion

„Manchmal ist die Wahrheit unbequem. Wer sie verkündet, trägt die Schuld an allem.“ So kommentiert der Priester von Szopienice das Tun der Ärztin Jolanta Wadowska-Król, der Überbringerin der schlechten Nachrichten. Sie ist mit ihrer Familie in diesem Sommer des Jahres 1974 gerade erst in das schlesische Industriestädtchen in der Nähe von Katowice gezogen. Aber mit ihrem Engagement hat sie, im wahrsten Sinne des Wortes, in kürzester Zeit Staub aufgewirbelt.

Seit Jolanta (Joanna Kulig) auf einem Jahrmarkt einen Jungen gerettet hat, der scheinbar grundlos zusammengebrochen ist, ist sie alarmiert. Es stellt sich heraus, dass etliche Kinder in der Stadt wegen einer vermeintlichen Anämie behandelt werden. Der Anteil ihrer roten Blutkörperchen liegt weit unter dem Durchschnitt. Sie sind blass, für ihr Alter viel zu klein, können manchmal kaum laufen und sind vollkommen apathisch. Der Anblick der bemitleidenswerten jungen Patienten lässt Jolanta keine Ruhe.

Das nahe gelegene Hüttenwerk hat fatale Auswirkungen

Das nahe gelegene Hüttenwerk, in dem Nichteisenmetalle wie Zink und Blei gewonnen werden, macht sich in Szopienice allerorts bemerkbar. Allein in Jolantas Praxis sind die Fensterscheiben nach drei Tagen so rußgeschwärzt, dass man kaum noch hinausschauen kann. Auch die Pflanzen im Behandlungszimmer gehen sofort ein. Zunächst bekommt Jolanta ihre kleinen „anämiekranken“ Patienten bei sich in der Praxis zu sehen. Später muss sie sich im Krankenhaus heimlich in geschlossene Abteilungen begeben, welche die besonders kranken Kinder beherbergen.

Bald kommt Jolanta dahinter, dass sie nicht an Anämie leiden, sondern einen erhöhten Bleiwert im Blut haben. Als sie das der angesehenen Professorin und Kinderärztin Krystyna Berger (Agata Kulesza) mitteilt, reagiert diese zunächst feindselig. Dann ordnet sie jedoch neue Blutbilder an und bestätigt Jolantas Diagnose.

Der Wille zur Aufklärung kollidiert mit Vertuschung und Machtspielchen

Auch den regionalen Bonzen der Kommunistischen Partei ist das Problem der Bleivergiftung der Kinder, die meist in unmittelbarer Nähe zur Hütte wohnen, bekannt. Doch sie wollen es zunächst lieber totschweigen. In zwei Wochen erwarten sie hohen Besuch aus Moskau. Der Genosse Leonid Breschnew, Generalsekretär des ZK der KPdSU, soll in der örtlichen Sporthalle auftreten. Doch da Jolanta sich nicht scheut, alle vorhandenen Würdenträger des Ortes – die Gesundheitsbehörde, den Direktor des Hüttenwerks, die Lokalpolitiker – auf die kranken Kinder anzusprechen, können sie die Lage nicht länger ignorieren. In einem Machtgerangel will der örtliche Parteisekretär Grudzien (Zbigniew Zamachowski) den alten schlesischen Woiwoden Zietek (Marian Dziedziel) stürzen. Er hofft auf einen Unfall in der baufälligen Sporthalle, greift dann aber die Situation der Kinder auf. Zietek soll darüber zu Fall gebracht werden.

Grudzien setzt einen zwielichtigen Offizier des Służba Bezpieczeństwa (SB), des Staatssicherheitsdienstes, auf Jolanta an. Dieser Agent namens Niedziela (Michael Zurawski) verspricht ihr Hilfe, besorgt Medikamente, stellt sicher, dass ihre Untersuchungen glatt über die Bühne gehen (sie waren davor sabotiert worden) und spielt doch ein doppeltes Spiel. In Wirklichkeit will er die Arbeiter der Hütte gegen Jolanta aufwiegeln, deren Arbeit und Zukunft vom Fortbestand des Metallwerks abhängt, und das möglichst vor Breschnews Besuch, damit Zietek abgesäbelt wird.

Die Wahrheit wird geflissentlich ignoriert

In den rußgeschwärzten Backsteinsiedlungen der Arbeiter, in Targowisko, fliegen gräuliche Partikel durch die Luft, welche die dort spielenden Kinder ungefiltert einatmen. Auch wenn die mehrere Dutzende Meter hohen Hüttenschornsteine hinter den Wohnsiedlungen rauchen, weiß man, mit welcher Umweltbelastung es die Bevölkerung zu tun hat. Vor allem Kinder sind anfällig für die Bleivergiftung, die bei Dutzenden schon zum Tode geführt hat. Doch die Arbeiter hängen an ihrem Werk, dem größten Brotgeber im Ort, und wollen den Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung der Zink- und Bleiproduktion und den kranken Kindern nicht wahrhaben.

In Maciej Pieprzycas sechsteiliger Miniserie wird regelmäßig auf die Bedeutung der Hütte hingewiesen. Jede Folge von „Bleikinder“ beginnt mit einem authentischen Propagandakurzfilm der 1970er-Jahre, der die Wichtigkeit der Hütten für die Region Schlesien und ihre Bewohner anpreist. Die von der Kommunistischen Partei in Auftrag gegebenen Kurzfilme rühmen die Infrastruktur der Werke, weisen auf die Freizeiteinrichtungen, Kuren und Wohnsiedlungen für die Arbeiter hin und wie fürsorglich sich der Staat um sie und ihre Familien kümmere. Das stimmt zwar auch, doch unterschlägt die staatliche Propaganda dabei die enormen gesundheitlichen Risiken für die dort ansässigen Familien.

Hommage an die „schlesische Erin Brockovich“

In der Serie wirbelt nun ausgerechnet eine Außenstehende die seit Jahrzehnten bestehende Ordnung durcheinander. Die Ärztin Jolanta Wadowska-Król (1939-2023) hat in der Region tatsächlich gewirkt. Man nannte sie die „Muttergottes von Szopienice“ oder auch die „schlesische Erin Brockovich“. Doch ihrer späteren Quasi-Heiligsprechung gingen etliche Kämpfe voraus. Die Serie zeigt, dass sie an allen Fronten kämpft: gegen Arztkollegen, gegen Partei und Staatsicherheit und nicht zuletzt gegen die Hüttenarbeiter selbst.

Befehdete Erin Brockovich in den USA profitsüchtige Konzerne, gehören die Hüttenwerke in der Volksrepublik Polen der 1970er-Jahre dem Staat, und so gerät Jolanta mit ihrem Engagement unweigerlich in die Fänge des totalitären Überwachungssystems. Der SB-Mann Niedziela ist ein skrupelloser, mit allen Wassern gewaschener Überzeugungstäter, der charmant, überzeugend, aber auch äußerst bedrohlich handeln kann. Überall hat er seine Informanten platziert: die Sekretärin bei Professorin Berger, eine Sprechstundenhilfe bei Jolanta oder die Männer, welche die Ärztin zu Fuß oder im Auto verfolgen. Dass er bei Jolanta seine charmante Fassade auch gänzlich fallen lassen kann, sieht man gleich zu Anfang der ersten Folge. Da lässt er sie mitten in der Nacht entführen und bedroht sie mit einer Waffe, bevor die Serie dann in einen langen Rückblenden-Modus umschaltet.

Angst vorm Aufmucken

Einschüchterung und Erpressung sind das Metier des SB, während es bei der Partei eher (vorauseilender) Gehorsam und Machtintrigen sind. Da alle Menschen in aussichtsreichen Positionen, darunter auch leitende Ärzte, mit der Partei zu tun haben, arrangieren sie sich. Jolantas Ehemann Zbigniew beispielsweise ist ein bekannter Urologe, hat Chancen, zum Chefarzt berufen zu werden, und agiert viel verhaltener als Jolanta. Er ist pragmatisch und abwartend, ermahnt seine Frau immer wieder, sich nicht wieder in Schwierigkeiten zu bringen, und denkt dabei an seine Karriere und an seine Kinder. Für ihn kommt die Familie an erster Stelle, und er wünscht sich – trotz der harmonischen Ehe der beiden – manchmal eine folgsamere Frau.

Wie andere Kollegen hat er sich in einer bequemen Blase eingerichtet, in der er öffentlich nicht aufmuckt, dafür hinter verschlossenen Türen aber gegen die Staatsmacht wettert oder sich über sie lustig macht. So führt er das berühmt-berüchtigte Doppelleben, das für viele Menschen in den Ländern des Ostblocks charakteristisch war: Zwischen ihrem Handeln und ihrer tatsächlichen Haltung gegenüber dem Staat klaffte eine große Lücke.

Die Heldin beweist mehr Mut als alle Männer um sie her

All diese Themen greifen ineinander, treiben den Plot voran und sorgen für Spannung. Wenn Jolanta in ihrer korrekten Kleidung mit Seventies-Kleid, hochgestecktem Haar und Absätzen durch die schmutzigen Hinterhöfe der Arbeitersiedlungen in Targowisko stöckelt, begibt sie sich ständig in Gefahr. Informanten vor Ort schauen, in welchen Familien sie die Kinder untersucht und ihnen Blutproben abnimmt. Alkoholisierte und aggressive Arbeiter bedrohen sie dagegen ganz öffentlich, da sie Angst haben, dass durch ihre Aktionen die Hütte geschlossen werden könnte. Ruß, Schmutz und eine gewisse Verrohung, dann wieder Apathie gegen Zustände, gegen die die Arbeiterfamilien machtlos sind, machen die Wohnsiedlungen für Jolanta eigentlich zu einer No-Go-Area.

Als Frau geht sie in solchen Situationen hohe Risiken ein, wird von den Arbeitern nur „die Verrückte“ genannt. Gleichzeitig wird sie von Männern ständig unterschätzt. Bonzen versuchen, sie mit einer schicken Praxis mundtot zu machen, geben sich galant und würden die unbequeme Medizinerin doch nur allzu gerne endgültig loswerden. Dabei wird sehr schnell klar, dass Jolanta mutiger ist als alle Männer zusammen, mit denen sie es zu tun bekommt.

Ein gut gemachtes Denkmal für Jolanta Wadowska-Król

Die sorgfältig inszenierten Szenenbilder wiederum schwanken zwischen 1970er-Ambiente und sozialistischen Kulissen. Jolanta fährt die ersten drei Folgen mit einem grauen Trabi durch die Region; auf den Straßen sind ebenfalls Wartburge, Polski Fiats und Minis zu sehen. Während die Backsteinsiedlung und die Szenen in der Stadt an echten Schauplätzen gedreht wurden, ragt im Hintergrund wiederholt die mitunter mit CGI generierte Hütte bedrohlich hervor. Auch die Fassaden vielstöckiger stalinistischer Gebäude blendet die Kamera wiederholt ein. Dahinter tagen an langen Tischen die in Panik geratenen Parteibonzen, während Jolanta, wenn sie aus dem Gebäude tritt, davor sehr klein wirkt. Dass sie mit ihrem couragierten Auftreten und ihrem Fachwissen tatsächlich viel Macht ausübte, zeigt diese spannende und gut gemachte Serie, die der mutigen Ärztin ein Denkmal setzt.

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